Comic Culture Clash : Kulturkampf auf dem Zeichenbrett

Der Sammelband „Comic Culture Clash“ beleuchtet 20 Konflikte - und ist jetzt auch online zu lesen. In der Ausführung erweist die gute Idee des Projektes sich allerdings als überambitioniert. 

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Flüchtlinge und Bürger: Zwei Seiten aus dem Beitrag von Marek Rubec.
Flüchtlinge und Bürger: Zwei Seiten aus dem Beitrag von Marek Rubec.Foto: Promo

„Wo sind die politischen Comics?“, fragt Medienkulturwissenschaftler Stephan Packard im Nachwort von „Comic Culture Clash – In 20 Konflikten um die Welt“. Eine berechtigte Frage: Wohin man sieht, schlagen sich Menschen gegenseitig die Köpfe ein, zum Teil mit Waffen, zum Teil mit Worten. Wo sind die Comics über Syrien, über die Festung Europa, über die Ukraine?

Das Projekt der beiden Berliner Comicmagazine Moga Mobo und Epidermopyhtie versucht diese Lücke im Hauruckverfahren zu füllen: Auf mehr als 250 Seiten finden sich 40 Comics über 20 Konflikte, von „ Schiiten vs. Sunniten“ über „Pegida vs. Gegendemonstranten“ bis „Südsudan vs. Nordsudan“ wobei jeweils ein Comic aus Sicht der einen Gruppe und einer aus der Sicht der anderen geschrieben ist. 

Komplexitätsreduktion auf sechs Seiten

Ein löbliches und anspruchsvolles Unterfangen, in mehrfacher Hinsicht. Dennoch, das Ergebnis ist – wie vorherzusehen – ambivalent: Neben einigen wirklich gelungenen Beiträgen ist auch viel Durchschnittliches und zum Teil Misslungenes dabei. Dass man schon seit Jahrzehnten tobende Bürgerkriege mit einer unüberschaubaren Zahl an Parteien und ethnischen Gruppen kaum auf sechs Seiten darstellen kann, ist klar. 

Ähnliches gilt für abstrakte Themen wie „Demokratie vs. private Stiftungsvermögen“. So findet sich in dem Band mancher Erklärbar-Comic, der sich mit der stichpunktartigen Illustration der historischen Chronologie des jeweiligen Konfliktes begnügt.

 Schwäbelnde Ziegen und skrupellose Hasen

Am besten sind die Beiträge, die eher kleine Szenen aus dem großen Ganzen herausgreifen oder die Konflikte in kleine Parabeln kleiden: Schon fast poetisch ist der wortlose Beitrag „Geflüchtete vs. besorgte Bürger“ von Marek Rubec, ähnliches gilt für den lakonischen Kommentar von Maximilian Hillerzeder zu „Mali Regierung vs. Bevölkerung“. In „Kurden vs. Türkei“ beobachtet Tolgahan Kaftan sehr gut, wie die Freundschaft des kurdischen Taman und des türkischen Memo bei einem Tischtennisspiel auf die Probe gestellt wird. 

Syrien aus Oppositionssicht: Zwei Seiten aus dem Beitrag von Schwarwel.
Syrien aus Oppositionssicht: Zwei Seiten aus dem Beitrag von Schwarwel.Foto: Promo

Erstaunlich gut und sogar witzig behandelt Naomi Fearn den Konflikt „Palästina vs. Israel“, in dem die beiden Gruppen als zwei zankende Mitbewohnerinnen dargestellt werden, die gegen ihren Willen in derselben Wohnung leben müssen. Zwar etwas plakativ, aber dennoch unterhaltsam ist auch der Beitrag zu „Festung Europa vs. Wirtschaftflüchtlinge“, in dem sich Mawils bebrillter Hase zum fröhlichen Ausbeuter aufschwingt.

Zudem ist der Band durch die stilistische Vielfalt der Zeichnerinnen und Zeichner äußerst kurzweilig, beeindruckend etwa ist die düstere, expressionistische Arbeit von Luis Alberto Villegas Muñoz, der über den Drogenkrieg in Mexiko schreibt, oder der sehr witzige Beitrag von Mit-Herausgeber Andreas „Aha“ Hartung, der in „Schwaben vs. Berliner“ alle Figuren als Ziegen darstellt.

Es handelt sich keineswegs nur um deutsche Comic-Künstler, auch Autoren mit algerischen, französischen, ägyptischen, tschechischen oder mexikanischen Wurzeln sind dabei.

 Vielfältige Autoren, wenige bekannte

In vielen Fällen scheinen sich die Autoren wirklich mit dem jeweiligen Thema auszukennen, in manch anderen hingegen wirkt das Ergebnis eher bemüht. Schade – und ein Zeichen, wie gering das Interesse an politischen Comics zu sein scheint – ist auch, dass bis auf Zeichner wie Mawil oder Hamed Eshrat („Venustransit“) nur wenige namhafte Comic-Künstler mit Beiträgen vertreten sind. Autoren und Herausgebern muss man dennoch ihr Engagement anrechnen, denn auch wenn sich das Projekt etwas zu viel vorgenommen hat, macht es deutlich, wie groß der Bedarf an politischen Comics ist und dass es an geeigneten Themen (leider) nicht mangelt.

Im Print vergriffen, online erhältlich: Das Cover des Sammelbandes.
Im Print vergriffen, online erhältlich: Das Cover des Sammelbandes.Foto: Promo

Eine Zeitlang war der Comic in gedruckter Form gratis erhältlich in Berlin in den Läden von Modern Graphics, sowie in der Buchhandlung Anakoluth, bei Comics & Graphics sowie in der Bar Dave Lombardo, in Hamburg fand man ihn im Comicladen Strips & Stories, in Stuttgart im Jazzclub Kiste. Inzwischen ist das Buch allerdings in der Print-Version weitgehend vergriffen - es gibt jedoch eine komplette Online-Fassung zum Lesen und Herunterladen unter www.comic-culture-clash.de.

Weitere Tagesspiegel-Artikel unseres Autors Erik Wenk finden Sie hier, zu seinem Blog Elfenbeinbungalow geht es hier.

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