Comic-Erzählung „Essai“ : Das richtige Leben im falschen

Nicolas Debon erzählt in „Essai“ von einer gescheiterten Utopie. Eine Einordnung und ein Interview über seinen Comic, die politische Weltlage und Vincent van Gogh.

von und Thomas Greven
Land und Leute wie von van Gogh: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.
Land und Leute wie von van Gogh: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.Foto: Carlsen

Man liest und hört derzeit wieder öfter von Menschen, die sich von den Konventionen der sie umgebenden Gesellschaft verabschieden und in ihrer ganz eigenen Welt leben. Nur scheint es den meisten heutigen „Aussteigern“ nicht mehr darum zu gehen, nach ihrer eigenen Façon selig zu werden. Sie leben keine vorwärtsgewandte Utopie mehr, sondern die rückwärtsgewandte, von Angst und Verschwörungstheorien geprägte Abkehr von der Realität. Die „Reichsbürger“ genannten Aussteiger zum Beispiel schaffen sich mit behaupteter Extraterritorialität und -legalität ihre eigene Wunschwirklichkeit und werden über die Bereitschaft, ihre Wahnideen mit Waffengewalt zu verteidigen zur Gefahr für andere. Wie erfrischend, in diesen tristen Zeiten von Menschen zu lesen, die als verschworene Gemeinschaft eine bessere Welt für sich schaffen wollen, mit maximaler Kooperation nach innen und ohne Aggressivität nach außen.

Der Comic „Essai“ von Nicolas Debon (Carlsen, 90 S., 19,99 €) schafft es, der Falle zu entgehen, in die Comics mit politischem oder philosophischen Anspruch oft tappen. Hier ist der erzählerische und ästhetische Unterhaltungswert nicht vom moralischen Anspruch gemindert. Die wunderbar kolorierten, warmen Zeichnungen illustrieren die historische verbürgte Geschichte der Gründung einer alternativen Lebensgemeinschaft in den Ardennen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Das Auf und Ab, die Irrungen und Wirrungen, die Gruppendynamik bei diesem sozialen Experiment rühren auch ohne klassische Identifikationsfiguren sehr an, auch weil hier die Gemeinschaft auf Werten und nicht auf „Blut“ beruht. Hauptrollen spielen das Wetter und die ökonomischen Zwänge landwirtschaftlicher Tätigkeit in vormaschinellen Zeiten. Man könnte sagen, das soziale Experiment wird einem Realitätstest unterzogen. (Thomas Greven)

Nicolas Debon.
Nicolas Debon.Foto: Carlsen

„Das politische Klima kann einem schon sehr zu schaffen machen“

Unser Autor Oliver Ristau hat Nicolas Debon zu „Essai“, die politische Weltlage und Vincent van Gogh befragt - hier das per E-Mail geführte Interview:

Tagesspiegel: Ihre Koloration erinnert oftmals an Vincent van Goghs Farbgestaltung. Und stilistisch fühlte ich mich an die Art und Weise erinnert, in der van Gogh Land und Leute darstellte. Von seinem Bruder Theo wurde der als Mitbegründer der modernen Malerei geltende niederländische Künstler als ein die üblichen Konventionen ablehnender Mensch charakterisiert. Im Gegensatz dazu erscheint Ihre Seitengestaltung geradezu formalistisch streng, fast schon wie eine rituell anmutende Choreographie, und bildet damit einen visuellen Gegen- und Ruhepol zu den im Comic verhandelten Ideen der Anarchie, welche die theoretische Grundlage der Essai-Siedlung bilden. Warum suchten Sie diese Farben aus, und warum wählten Sie nicht einen unkonventionelleren Weg des Panelarrangements?

Es gibt die verschiedensten Gründe, die mich zu Beginn eines Projektes veranlassen, bestimmte Entscheidungen zu Gunsten einer bestimmten Farbpalette oder eines Seitenlayouts zu treffen. Zuerst spielen natürlich mein eigener künstlerischer Werdegang und die deswegen eingesetzten Techniken nebst grafischem Vokabular eine Rolle. Die Farben in „Essai“ sollten eine übergeordnete Präsenz besitzen, um dem ständigen Wechsel in der Natur gerecht zu werden, von der die Charaktere umgeben sind. Zur Ergänzung vom Schwarz der Tusche und des weißen Papiers wählte ich Blau und Orange. Dies erlaubte mir, vier Wege zu beschreiten: hell, dunkel, kalt, warm. Es stimmt, dass einige Werke van Goghs starke Gelb-Blau-Kontraste nutzen, sodass mir der Vergleich schmeichelt, auch wenn seine Ziele sicher anderer Art waren. Und wie sie anmerkten, die Panels und Grundstruktur von „Essai“ sind eher klassischer Natur. Ich denke, man kann eine Menge in einer unkomplizierten Weise ausdrücken und erzählen. Andererseits wäre es sicher interessant und auch möglich gewesen, die Thematik in einer unkonventionelleren Form zu visualisieren. Ich denke, dass es da keine Regel gibt: Wichtig ist, dass man am Ende eine ansprechende Geschichte hat, egal in welcher Stilistik.

Die Vergangenheit spricht aus den Bäumen: Eine Szene aus "Essai".
Die Vergangenheit spricht aus den Bäumen: Eine Szene aus "Essai".Foto: Carlsen

Sehen Sie angesichts des gegenwärtigen Aufkommens autoritärer Führungspersönlichkeiten in den USA, Russland und der Türkei sowie dem Aufstieg rechtspopulistischer Vereinigungen in der europäischen Parteilandschaft Ihren Comic als einen ernstgemeinten Vorschlag, auch wenn der Begründer der Essai-Kommune, Jean-Charles Fortuné Henry, mit seinem Traum scheiterte?

Das derzeitige raue politische Klima, das auch in einigen der mächtigsten Staaten der Welt vorherrscht, kann einem schon sehr zu schaffen machen. Darüber hinaus müssen wir uns mit den Auswirkungen der Globalisierung, den Folgen von Kriegen und Völkerwanderung sowie den dramatischen Konsequenzen für die Umwelt auseinandersetzen. So gesehen ist die aus dem Jahr 1903 stammende Botschaft Fortuné Henrys und der Anarchisten immer noch relevant. Wie auch immer, mir war von Anfang an klar, dass ich kein propagandistisches Pamphlet verfassen wollte. Was ich wollte, war das Aufzeigen der Möglichkeit eines anderen Lebens und den Aufbau einer Gesellschaft, die auf anderen Grundwerten beruht. Mich faszinierte, dass es über reines Theoretisieren hinausging und eine fassbare Realität wurde, wenn auch nur in einem recht überschaubaren Umfang. Aber das Scheitern dieses Projekts ist gleichermaßen wichtig: Irgendetwas ging schief, wozu unterschiedliche Ursachen beigetragen haben mögen. Obwohl ich keine klare Antwort darauf geben kann, sollten wir uns fragen, was gefehlt haben könnte, um derartige Unternehmungen erfolgreicher zu gestalten.

Historisch verbürgt: Das Titelbild des hier vorgestellten Comics.
Historisch verbürgt: Das Titelbild des hier vorgestellten Comics.Foto: Carlsen

Obwohl im zeitgenössischen Comic journalistisch geprägte Werke populär und an der Tagesordnung sind, entschieden Sie sich für eine Erzählung im Sinne der schönen Literatur. Diese Vorgehensweise führte zu einem recht poetischen Kunstwerk: Ein typisches Beispiel dafür wäre die Inszenierung des Gespräch zwischen Jean-Charles Fortuné Henry und „Jules“ Lermina. Der verschneite Nachthimmel und die Sequenzen mit der Eule kommunizieren durch die Farbgebung mit dem Gesicht Lerminas, während dieser den französischen Dichter Rimbaud zitiert. Wählen Sie lieber subtile Wege, um Ihre Botschaften an die Leser zu bringen?

Durch seinen politischen Inhalt kann man „Essai“ durchaus mit der Generation der gegenwärtigen und mehr einem reportagehaften Stil verhafteten Werke vergleichen, die sich an sozialen und ethischen Fragestellungen unserer Alltagsrealität orientieren. Wenngleich ich kein Freund der Unterteilung von Comics nach spezifischen Genres bin, verstehe ich den Vergleich. Und logischerweise Weise zählt „Essai“ dann ebenso zur Gruppe historischer Comics. Journalistische oder historische Comics haben zwangsläufig einen subjektiven Erzählansatz gemein: Tatsächlich wollte ich mir in „Essai“ die Figuren durch den Filter der Erinnerung vorstellen, mit gelegentlichen Leerstellen und Unterbrechungen. In einer frühen Version von „Essai“ laufe ich mit einer Kamera in der Hand am ehemaligen Standort der Kolonie herum. Ich wollte dadurch den Bezug zur Gegenwart herstellen. Am Ende wurden daraus drei schwarz-weiße Seiten, auf denen man nur den Wald sieht und die Stimmen der ehemaligen Bewohner der Kolonie hört. Und obwohl die Nachtsequenz mit Jules Lermina niemals so oder überhaupt stattgefunden haben mag – ich mag es, mir die Gedanken dieser außergewöhnlichen Menschen ein Jahrhundert später so auszumalen.

Tagesspiegel: Beim Lesen der Übersetzung Ihres Comics fielen mir die deutschen Versionen auf Schildern gemalter Parolen auf, die von den Bewohnern der Essai-Kommune an deren Häusern angebracht werden. In einer Szene in der Druckerei wurden die Drucklettern „Liberté“ in „Freiheit“ geändert. Beide Male sind dieses Bestandteile Ihrer Zeichnungen, die geändert wurden. Haben Sie diese Details für die deutsche Ausgabe neu gezeichnet?

Nicolas Debon: Nein, ich habe nur das alles nur in Französisch gezeichnet und war ebenfalls überrascht, als ich die Korrekturfahne der deutschen Version erhielt.

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