Comic-Event : Im Rausch der Bilder

Mangas, Indies, Übermenschen – geschenkt! Am Sonnabend ist Gratis-Comic-Tag. Wir geben einen Überblick, was Fans und Neugierige erwartet.

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Künstlerporträt: Frida Kahlo - Viva Mexiko. Foto: Promo
Künstlerporträt: Frida Kahlo - Viva Mexiko.Foto: Promo

In der Drogenszene ist es als „Anfixen“ bekannt. In der Comicszene nennt man es „Gratis-Comic-Tag“. Der Effekt ist in etwa vergleichbar, hoffen zumindest Verlage und Händler: Wer einmal dank einer kostenlosen Dosis auf den Geschmack gekommen ist, braucht bald Nachschub. Nachdem der vom US-Vorbild „Free Comic Book Day“ inspirierte erste deutsche Gratis-Comic-Tag vor einem Jahr ein großer Erfolg war, haben sich jetzt erneut gut 30 Verlage und zahlreiche Geschäfte zusammengetan, um am Sonnabend den zweiten deutschen Gratis-Comic-Tag zu feiern: Mehr als 40 Titel wurden in einer Sonderedition aufgelegt, um am 14. Mai an Besucher der teilnehmenden Geschäfte verschenkt zu werden.

 „Der Erfolg des ersten Gratis-Comic-Tags hat uns sehr überrascht“, sagt Micha Wießler, Geschäftsführer des Kreuzberger Comicladens „Modern Graphics“. Etliche Menschen und vor allem viele Familien seien vorbeigekommen, die man sonst nie in Comicläden sähe. Auch für Torsten Alisch, vom Fachgeschäft „Grober Unfug“ mit Filialen in Kreuzberg und Mitte, war der Tag „ziemlich grandios“.

Wir geben einen Überblick, welche Comics diesmal verschenkt werden – wobei es jedem Händler selbst überlassen ist, wie viele Hefte er pro Besucher verteilt.

Sympathischer Trash: Die Geisterstunde. Foto: Promo
Sympathischer Trash: Die Geisterstunde.Foto: Promo

FÜR ENTDECKER
Ein Buch des in der ehemaligen DDR beliebten Alexander Wolkow stand Pate für den Hefttitel „Holzhof Comix #1“ des Dresdener Holzhof-Verlages. Dieser hat sich auf das Bewahren der Bildergeschichten-Tradition der DDR spezialisiert und trägt dem neben einer Auswahl jüngerer Künstler mit einem Heft im Heft Rechnung, das Willy Moeses 45 Jahre alten Comicstrip „Zauberlehrling“ präsentiert.

Underground-Stoff zwischen Postapokalypse, ortographischer Akrobatik („Der Hartmut“) und Lokalkolorit, der auch comic-historisches Interesse weckt: „Tales from the Vault of the Gringo“ - mit einer Zusammenarbeit von Geier („Horst“) und Stephan Hagenow („Perry“), die früher für das legendäre Underground-Magazin „Menschenblut“ tätig waren.

„Perry – Unser Mann im All“: Der SF-Trash-Klassiker, der mit jeder neuen Ausgabe jungen und oft interessanten deutschen Künstlern ein Forum bietet.  Hat mit der Heftromanvorlage eigentlich nicht so viel zu tun hat und ist mehr wie eine Wundertüte - oft für eine Überraschung gut und immer seeehr bunt.

„Der Gratis-Comic zum Festival München“: 52 Seiten mit Grafik galore! Viele der prominenten Gäste des Ende Juni stattfindenden Comicfestivals in München sind hier mit zum Teil deutschen Erstveröffentlichungen vertreten: unter anderem Miquelanxo Prado aus dem Gastland Spanien, von dessen Zeichnungen Lambieks Comiclopedia behauptet, dass sie zum intellektuellen Diskurs einladen, einer der populärsten Cover-Künstler in England und den USA, der mit „Judge Dredd“ und Alan Moores „Batman: The Killing Joke“ berühmt gewordene Brian Bolland, der eigenwillige niederländische Schnabel-Stilist aus dem Hause Disney Daan Jippes sowie der für sein Lebenswerk mit dem PENG!-Preis des Festivals gewürdigte deutsche Altmeister Helmut Nickel.

Sympathischer Trash aus Kleinproduktion: Allein die Coverhommage an die Gespenster-Geschichten des Bastei-Verlages wäre ihr Geld wert, wenn die „Geisterstunde“  denn welches kosten würde - gelungene Mischung aus dem Verlagsprogramm und eigens Neugeschaffenem.

Wer Glück hat, bekommt im Comicladen seines Vertrauens auch ein Exemplar der vom Film Noir inspirierten Erzählung „Die Anzeige“ von Tagesspiegel-Autor Christian Endres und Zeichner Christian Krank - mehr dazu demnächst auf den Tagesspiegel-Comicseiten.

Modernisierter Klassiker: Green Lantern - Secret Origin. Foto: Promo
Modernisierter Klassiker: Green Lantern - Secret Origin.Foto: Promo

FÜR HELDENVEREHRER
Übermenschen-Abenteuer gibt es mit Thor (derzeit im Kino), Iron Man sowie passend zum Kino-Start im Sommer mit der Neufassung der Entstehungsgeschichte „Green Lantern: Secret Origin“ , jetzt wieder mit Silver-Age-Lantern Hal Jordan. Erzählt vom talentierten Zeitlinien-Jongleur Geoff Johns und gezeichnet von Ivan Reis mit Anklängen an den klassischen Neal-Adams-Stil der Serie in den 1970er Jahren.

In „Bleach“, Tite Kubos erstem Kapitel seiner Erfolgssaga, zieht ein Teenager gegen Geister und Dämonen zu Felde. Shonen-Jump-Manga-Action, zeichnerisch noch entwicklungsfähig, aber passend zum Plot bereits straff und militärisch organisiert.

FÜR KUNSTFREUNDE
Aus Willi Blöß´ Aachener Verlag (www.kuenstler-biografien.de) kommt der Titel „Frida Kahlo – Viva Mexiko“, der Teil einer bisher 19-teiligen Reihe mit Künstlerbiografien ist, die vorrangig über Museen und Schulen ihre Abnehmer finden. Blöß zeichnete unter bildkompositorischen Einbezug von Frida Kahlos Werk selbst und bietet so lehrreiche Unterhaltung. 

Fantastisch: Professor Bell. Foto: Promo
Fantastisch: Professor Bell.Foto: Promo

In herrlich giftigem Grün irgendwo zwischen Waldmeistereis und Götterspeise kommt Joan Sfars „Professor Bell: Der Mexikaner mit den zwei Köpfen“ daher - der hochdekorierte Comickünstler und Filmregisseur widmet sich hier in bestechend ausgefeilter Grafik dem fantastischen Abenteuer mit „ph“ zu, umgeht dabei allerdings geschickt,  in die Retro-oder Steampunk-Schublade gesteckt zu werden.

FÜR TRÄUMER UND ABENTEURER
Fantasy-Erzählungen wie „Angor“, „Golden City“ oder „Die Legende der Drachenritter“ entführen in ferne Traumwelten. Alptraumhaft geht es in einer deutschen Zombie-Reihe zu: In effektiven Seiten- und Panelarrangements zwischen Manga- und US-Comic-Stylisik wandelt sich in „Die Toten“ Idylle in Grauen.  So entsteht in effektiv-zurückhaltender Duoton-Koloration aus einem oft variierten Thema unter den Händen von Ingo Römling und Christopher Tauber etwas ganz eigenes - exklusiv und bisher unveröffentlicht!

„Wasteland“ nennen Antony Johnston und Christopher Mitten ihre Erzählung, die nach dem Zusammenbruch der Zivilisation spielt. Das postapokalyptische Szenario wird mit dem der Suche verquickt - doch der luftige und klare Zeichenstil macht alles eher unterhaltsam als inhaltsschwer.

FÜR KINDER UND JUNGGEBLIEBENE
Neben einem Kapitel aus der Comic-Umsetzung der „Muppet-Show“ sind die Schlümpfe, die Peanuts, die Abrafaxe und Donald Duck dabei, ebenso die auch als TV-Serie und Computerspiel erfolgreiche Reihe „Wakfu Heroes“. Außerdem das Freibeuter-Abenteuer „Polly und die Piraten“: Schon der letztjährige Beitrag von Comikat bot ebenfalls einen Titel von Ted Naifeh auf, der grafisch und inhaltlich voll zu überzeugen wusste. Nach dem eher gothiclastigen Setting von „Courtney Crumrim“ geht´s mit „Polly & die Piraten“ direkt von der Schule unter die Freibeuter-Flagge. Das lieben nicht nur Kinder...

Eklektisch in den wilden Westen: Herrn Hases Abenteuer in Blacktown. Foto: Promo
Eklektisch in den wilden Westen: Herrn Hases Abenteuer in Blacktown.Foto: Promo

FÜR HUMORISTEN
Neben Klassikern wie den „Simpsons“ und morbidem Zombie-Humor in „The Goon“ kann man mit Nina Ruzickas „Der Tod und das Mädchen“ auch eine bemerkenswert tiefgründige deutsche Humor-Serie entdecken. „Carnado“ verbindet spöttische Ironie und großes Drama. Lewis („Donjon“) Trondheims Serie „Die erstaunlichen Abenteuer von Herrn Hase“, die ihn in Deutschland bekannt machte, bietet skurrilen Humor und Figuren, deren Proportionen genauso wenig zueinander passen wollen, wie die widrigen Umstände ihres Alltags. In „Blacktown“ geht´s eklektisch in den wilden Westen...

„Monsieur Jean“: Esprit und Nonchalance gegen Diffamation und Jalousie - voila, fertig ist der Bande Dessinée im Stil der École Marcinelle. Oder auch: Heiter weiter auf frankobelgisch, aber mehr lächelnd als lachend. Niedlich und hübsch.

FÜR DO-IT-YOURSELF-ANHÄNGER
Mit einem methodisch-didaktisch erfolgversprechenden Lehransatz holt Kim Schmidt, Comic-Zeichner und Cartoonist die Schüler mit seinem „Comic-Zeichenkurs“ da ab, wo sie stehen - in einem Comicladen. Handlungsorientierter Unterricht, der vielleicht einer nächsten Generation von Comickünstlern den entscheidenden Kick gibt.

Service: Mehr als 150 Läden nehmen teil, alleine in Berlin sind es ein Dutzend – alle Adressen unter www.gratiscomictag.de. Bei „Modern Graphics“ (Oranienstr. 22, Berlin-Kreuzberg) signieren und präsentieren sich viele Zeichner, darunter Stefani Kampmann („Asphalt Tribe“), Andreas Michalke („Bigbeatland“), Charles Berberian („Monsieur Jean“), Aisha Franz („Alien“), Sascha Hommer („Dri Chinisin“), Fil („Didi & Stulle“), Mawil („Action Sorgenkind“), Thomas Henseler und Susanne Buddenberg („Grenzfall“) – mehr unter www.modern-graphics.de.

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