Comic-Heldin „Dorle“ : In der Hipster-Hölle

Calle Claus und Olli Ferreira reihen in ihrem Comic „Dorle“ einen Fremdschäm-Moment an den nächsten.

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Panoptikum des urbanen Dumpfsinns: Eine Seite aus „Dorle“.
Panoptikum des urbanen Dumpfsinns: Eine Seite aus „Dorle“.Foto: Zwerchfell

Wenn die Zeitschrift „Neon“ eine Zielgruppenanalyse ihrer typischen Leser vornehmen würde, käme vielleicht so etwas wie Dorle Schönböck heraus: twenty-something, planlos, markenbewusst, spätpubertierend und ständig genervt. Dorle hat viel um die Ohren: Capoeira-Kurse, falsche Facebook-Freunde löschen und schon Mittwochabends mit dem Fixie zur Wochenendparty radeln. Arbeiten tut sie selbstverständlich nicht. Zu dem ganzen Stress gesellt sich auch noch die verkorkste Beziehung zu ihrer Mutter, die Dorle mit einer floating-gestützten, isolationszentrierten Bestätigungstherapie bei Dr. Almut Bonke-Lösfeld aufzuarbeiten versucht.

Calle Claus („White Line“) und Olli Ferreira präsentieren in ihrem Comic „Dorle“ das ätzende Porträt all der selbstsüchtigen, pseudo-intellektuellen Tussis, über die man immer so gerne ablästern würde, aber nie die richtigen Worte findet.

Man weiß gar nicht, welche Figur man unerträglicher finden soll

Dorle studiert Kulturphänomenologie in Hamburg, doch leider drehen ihre wohlhabenden Eltern ihr den Geldhahn zu. Das verwöhnte Gör muss sich eine Lohnarbeit suchen, auch wenn es dafür schon um 10 Uhr aufstehen muss. Nach so einem harten Tag in der Modeboutique darf man schon mal feiern, sich zukoksen und seine beste Freundin verletzt und bewusstlos fotografieren und auf Facebook stellen. Noch mehr Sightseeing in menschliche Abgründe gibt es, als Dorles Mutter sie zu einem gemeinsamen Kurztrip nach Paris überredet, wo sie Straßenkünstlern und Weinflaschen wesentlich mehr Aufmerksamkeit schenkt als ihrer Tochter.

Der Comic ist ein Panoptikum des urbanen Dumpfsinns, man weiß gar nicht, welche Figur man unerträglicher finden soll: Dorle, ihre hohlköpfige Freundin Nini, ihre selbstgefällige Therapeutin, ihre Empathie-amputierte Mutter, die als Edel-Alkoholikerin ihrer Jugend nachjagt, oder Bengt, den Craft-Bier-bevorzugenden Werbedesigner mit dem Wortschatz eines 14-Jährigen.

Ähnlich wie bei „Stromberg“ reiht sich ein Fremdschäm-Moment an den nächsten, doch egal wie schlimm es ist – weggucken kann man auch nicht. Und wie bei „Stromberg“ weiß man nie so recht, ob man jetzt lachen oder weinen soll. Perfektes Lesefutter für alle sich selbst nie als solche bezeichnenden Hipster, die die egozentrischen Abenteuer von Dorle mit einem wohligen Gruseln der Selbstironie verschlingen werden.

Calle Claus und Olli Ferreira: Dorle, Zwerchfell, 144 Seiten, 16,90 Euro.

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