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Comic-Ikone : Puppenspieler, Strippenzieher, Selbstdarsteller

28.12.2012 09:17 Uhrvon
Alter Ego: Stan Lee hat sich in seiner aktuellen Manga-Reihe "Ultimo" als Dr. Dunstan verewigt. Foto: PromoBild vergrößern
Alter Ego: Stan Lee hat sich in seiner aktuellen Manga-Reihe "Ultimo" als Dr. Dunstan verewigt. - Foto: Promo

Spider-Man-Co-Erfinder Stan Lee wird 90. Seine Rolle ist bis heute umstritten.

Der alte Mann ist ein Zauberer. In einer seiner jüngsten Erzählungen, der zusammen mit dem Zeichner Hiroyuki Takei geschaffenen Manga-Serie „Ultimo“, hat sich Stan Lee in Gestalt eines Puppenspielers selbst verewigt. Dieser Dr. Dunstan ist ein Forscher, den die Abgründe der menschlichen Natur ebenso interessieren wie die Macht der Superwesen. Er hat sich zwei mit übermenschlichen Kräften ausgestattete Puppen geschaffen, die das Böse und das Gute in Reinform repräsentieren. Als er von Wegelagerern überfallen wird, geraten die Puppen außer Kontrolle, ein Jahrhunderte überspannendes Action-Fantasy-Abenteuer beginnt, dessen erste Bände jetzt sukzessive auch auf Deutsch erscheinen.

Diese aktuelle Erzählung Stan Lees, der am heutigen Freitag vor 90 Jahren als Stanley Martin Lieber in New York zur Welt kam, bietet mit dem Puppenspieler eine passende Verkörperung des Jubilars an. Wohl kein anderer lebender Autor hat den US-Comic und die daraus entstandene milliardenschwere Unterhaltungsindustrie so nachhaltig geprägt wie Lee – und keiner ist so umstritten wie er. Denn der mit einem riesigen Ego beseelte Autor und Redakteur ist nicht nur ein geschickter Strippenzieher und Geschichtenerfinder mit Hang zu menschelnden Helden und pathetischen Dialogen, sondern vor allem ein begnadeter Selbstdarsteller.

Während viele Fans den Sohn jüdisch- rumänischer Immigranten bis heute als Schöpfer von Spider-Man, den Avengers und vieler anderer Comic-Ikonen verehren, halten ihn andere für einen Hochstapler, der sich mit der Kreativität seiner Weggefährten schmückte.

In seiner Autobiografie „Excelsior – The Amazing Life of Stan Lee“ zeichnet er das Bild eines kreativen Tausendsassas. Als Jugendlicher verschlang er Groschenhefte, Comics, Mark Twain und Shakespeare. Mit 17 Jahren stieg er als Laufbursche beim Verlag seines Onkels ein, aus dem später mit Marvel einer der beiden größten US-Comicverlage werden sollte. Nach seiner Darstellung erfand er dort ab den Sechzigern nahezu im Alleingang Superhelden wie die Fantastischen Vier, die X-Men, Hulk und Iron Man, die die westliche Unterhaltungsindustrie nachhaltig veränderten. Denn sie haben neben ihren Superkräften auch Schwächen und Alltagsprobleme und leben in einer Welt, die der amerikanischen Gegenwartsrealität ähnelt. Zudem sind sie jünger als Superman, Batman und Co, die bis dahin das Genre dominiert hatten. Und ihre Abenteuer wurden nicht mehr in Form kurzer Strips servierte, sondern wuchsen sich zu epischen Comic-Seifenopern aus, die neben exzessiver Action und einem stetig wachsenden Fantasie-Universum auch viel Platz für menschliche Dramen und die privaten Nöte der unter ihrem Außenseiter-Dasein leidenden Hauptfiguren boten. Damit bieten sie ihren Lesern zahlreiche Projektionsflächen, die bis heute den Erfolg der auf diesen Reihen basierenden Hollywood-Blockbuster erklären – in denen Lee bis heute in bester Hitchcock-Manier einen Cameo-Auftritt absolviert.

1922 als Stanley Martin Lieber geboren: Stan Lee. Foto: dapdBild vergrößern
1922 als Stanley Martin Lieber geboren: Stan Lee. - Foto: dapd

Wie groß der Anteil Lees am Erfolg wirklich war? Am wahrscheinlichsten ist, dass er vor allem als Impresario wirkte, der es wie ein Zirkusdirektor meisterhaft verstand, die Talente anderer Menschen in den Dienst einer gemeinsamen Sache zu stellen. „Ich habe Stan Lee niemals irgendetwas schreiben sehen“, sagte der Zeichner Jack Kirby einmal, der mit seinem dynamischen Stil den US-Comic künstlerisch geprägt hat. Comic-Publizist Andreas C. Knigge stellte in seinem Standardwerk „Alles über Comics“ fest: „De facto erfand Kirby die neuen Helden, Lee beseelte sie und stattete sie mit menschlichen Zügen und ihrer Verletzbarkeit aus.“ Ähnlich dürfte die Zusammenarbeit mit Steve Ditko verlaufen sein, der die ersten Spider-Man-Abenteuer zeichnete und als Miterfinder der Figur gilt, später aber verbittert den Marvel-Verlag verließ.

Plausibel ist, dass Lee vor allem ein Vermittler war, der einerseits gute Comics machen wollte und den für ihn arbeitenden Künstlern den Rücken freihielt, während er neben den Erwartungen der Öffentlichkeit zugleich die wechselnden Verlagsbesitzer zufrieden stellen musste, wie es Sean Howe in seinem kürzlich erschienenen Buch „Marvel Comics – The Untold Story“ nahe legt. Dazu kommt, dass Lee eine aus der Not der Überarbeitung geborene Methode der Comic-Kreation zum „Marvel Way“ erklärte, die es nachträglich kaum möglich macht, den Anteil verschiedener Beteiligter genau zu klären: Er besprach mit Zeichnern mögliche Handlungsverläufe der nächsten Hefte, daraufhin entwickelte der Zeichner die Layouts und Bilderfolgen, in die der Autor dann wiederum Dialoge  einfügte.

Stan Lee ist im Gegensatz zu seinen frühen Weggefährten bis ins hohe Alter vital und sehr selbstbewusst. Nach einer Herz-OP teilte er seinen Fans kürzlich mit, er habe sich – ähnlich wie Iron Man – einen Schrittmacher einsetzen lassen, „um sicherzugehen, dass ich euch noch weitere 90 Jahre anführen kann“.

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