Comic-Jahrbuch : Wundertüte öffne Dich

Das aktuelle „Comic!“-Jahrbuch 2010 zeigt, welches Potenzial in der Kunstform noch steckt – und in der Auseinandersetzung mit ihr.

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Teamwork. Szene aus der Comicadaption von Kai Meyers Fantasy-Trilogie "Das Wolkenvolk", über deren Entstehung man im neuen...Illustration: Splitter-Verlag

Die Zeiten für Comicmacher sind hart, die Stimmung ist trotzdem gut – und die Kunstform hat ihr Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft. Das ist der Eindruck, den das aktuelle „Comic!“-Jahrbuch 2010 vermittelt. Kürzlich ist der von Szene-Veteran Burkhard Ihme, Mitbegründer und seit 1996 Vorsitzender des Interessenverbandes Comic e.V. (Icom), herausgegebene Almanach zum elften Mal erschienen.

Der 240 großformatige Seiten dicke Schmöker ist, erneut, eine Wundertüte der Neunten Kunst. Wie bei Wundertüten so üblich, gibt es so manches wunderbare Fundstück darin zu entdecken. Und einige Dinge, die irritieren oder gar enttäuschen. Wobei für die meisten an aktuellen Comicentwicklungen interessierten Leser das Erfreuliche überwiegen dürfte – allein schon durch die auf jeder Seite zu spürende Leidenschaft aller Beteiligten für die sequentielle Bilderzählung.

Nicht nur die Finanzkrise setzt dem US-Comicmarkt zu

Zu den Schmuckstücken des zwei Dutzend Artikel zählenden Sammelbandes zählen eine Handvoll ausführlicher Analysen aktueller Trends, die gut recherchiert und auch für Nicht-Insider flüssig lesbar sind. Wenngleich sie nicht immer mit guten Nachrichten aufwarten, wie etwa Stefan Pannors hervorragende Analyse des aktuellen US-Comicmarktes, dem nicht nur die Finanz- und Wirtschaftskrise arg zusetzt.

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Sein Geld wert. Das Comic!-Jahrbuch gibt es für 15,25 Euro im Fachhandel oder beim Interessenverband Comic.Titelillustration: Peter Schaaff

Die vielschichtige Analyse des komplexen Geschehens jenseits des Atlantiks durch den Leipziger Fachjournalisten erörtert zentrale Fragen vom Umbruch des Zeitungsmarktes bis zur wachsenden Bedeutung des Internets als Comicforum und gibt so einen Ausblick auf bedeutende Entwicklungen, von denen die meisten früher oder später auch auf den deutschen Markt durchschlagen dürften.

Interessant zu lesen und fundiert ist auch ein Überblicksartikel des Historikers und Germanisten René Mounajed zur wachsenden Bedeutung von Comics als Medium im Schulunterricht. Von ihm stammt auch eine kürzlich veröffentlichte Studie zum Potenzial von Geschichtscomics im Klassenzimmer - mehr dazu hier. Mounajed gibt einen guten Überblick über aktuelle Pionierprojekte wie die für die politische Bildung gedachte Heftreihe „Andi“ (mehr dazu unter diesem Link) und er macht Hoffnung mit seiner Einschätzung, dass Comics inzwischen zunehmend zugetraut wird, fachlich Relevantes zu vermitteln, wenngleich sie in den Kategorien des Schulbetriebs immer noch schwer einzuordnen sind und oft zwischen den Fächern Deutsch und Kunst durchs Raster fallen.

Gelungen sind auch die Bestandsaufnahme aktueller Comic-Sekundärliteratur durch Christian Endres (wenngleich man sich statt etlicher Zitate von Klappentexten doch ein wenig mehr eigene Einschätzungen gewünscht hätte), sowie der umfassende und beispielhaft leserfreundlich servierte Überblick über das Comicschaffen an deutschen Hochschulen durch Felix Giesa und Klaus Schikowski.

Auch Patricia Highsmith schrieb einst Comics

Diese auch Gelegenheitslesern von Comic-Sekundärliteratur gut zugänglichen und attraktiv aufgemachten Artikel sind allerdings nur ein Teil des Wundertüteninhalts. Sie wechseln sich ab mit Artikeln, die zwar auch einiges Interessantes zu vermitteln hätten, dies aber leider sehr gut zu verstecken wissen.

So wartet ein 25-seitiges Essay zum sehr relevanten und immer noch schmerzlich unterbelichteten Thema Frauen in den Comics von Britta Madeleine Woitschig mit faszinierenden Details auf, ist aber leider streckenweise so sozialwissenschaftlich verklausuliert und ausschweifend geschrieben, dass Leser schon sehr viel Geduld und Interesse am Thema mitbringen müssen, um sich bis zum Schluss durchzuarbeiten. Das ist schade, denn es gibt viel zu lernen in diesem Artikel – von hübschen Details wie der kaum bekannten Comic-Autorenschaft der Schriftstellerin Patricia Highsmith über zum Nachdenken anregende Erklärungsansätze für die mangelnde Präsenz von Frauen in diesem Genre bis hin zu wichtigen Verweisen auf in Deutschland nach wie vor zu entdeckende Meisterwerke weiblicher Comicschaffender wie die ironische Märchengeschichte „Castle Waiting“ von Linda Medley oder die Fantasy-Serie „Finder“ von Carla Speed McNeill.

Unter einem ähnlichen Problem leiden auch andere Artikel, die mit Leidenschaft geschrieben sind, aber in der Zusammenstellung wie Fremdkörper wirken, so ein Bericht über das sieben Monate zurückliegende Trickfilm-Festival Stuttgart. Mehr Geduld als nötig erfordern auch manche der Interviews mit Comicmachern und -managern, die jedes für sich interessante Aussagen enthalten. Allein, auch das muss der Leser erst entdecken, nachdem er sich durch langatmige Einstiege, ausschweifende Antworten zu teilweise nur Insidern vertrauten Zusammenhängen und ermüdende Wiederholungen von Standardfragen gekämpft hat. Wieso müssen Comicinterviews – und das nicht nur in diesem Jahrbuch! - eigentlich immer mit der Frage beginnen, wie der Gesprächspartner einst als junger Mensch zum Medium Comic kam, was in 99 Prozent aller Fälle zu wenig erhellenden Exkursen über das Leseverhalten von Vorschülern führt - aber über die Besonderheiten der Arbeit des Interviewten rein gar nichts aussagt?

Insgesamt hätte eine etwas strengere Vor- und Nachbereitung vor allem der Interviews und eine kritischere Endredaktion dem Leser einiges an Arbeit abnehmen können. Denn die Gesprächspartner in diesem Jahrbuch haben allerhand zu erzählen, vor allem die Comicschaffenden. So gibt der großartige Berliner Zeichner und Autor Ulrich Scheel („Die sechs Schüsse von Philadelphia“) aufschlussreiche Einblicke in die Hintergründe seiner Arbeit. Und das für die spektakuläre Comic-Adaption von Kai Meyers „Wolkenvolk“ verantwortliche Team beim Splitter-Verlag vermittelt ausführlich, welche Chancen und Grenzen diese Art der Comicproduktion hat.

Ungeachtet der Kritik an Details ist das Comic-Jahrbuch ein wichtiger Beitrag zur qualifizierten Auseinandersetzung mit aktuellen Entwicklungen auf diesem Markt. Angesichts des im Vergleich zu Ländern wie Frankreich oder den USA immer noch geringen Angebots in Sachen Comicpublizistik ist es mehr als erfreulich, dass Herausgeber Ihme und sein Team mit dem Projekt Durchhaltevermögen beweisen und auch dieses Jahr wieder ihre Bestandsaufnahme einer Szene vorlegen, die gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie diesen jede Form der Stärkung, Vernetzung und Selbstvergewisserung gebrauchen kann.

Burkhard Ihme, Interessenverband Comic e.V. (Hg.): Comic!-Jahrbuch, 240 Seiten, 15,25 Euro. Mehr dazu und Bestellungen unter diesem Link.

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