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Comic-Journalismus : Sacco und wie er die Welt sieht

05.03.2013 11:35 Uhrvon
Momentaufnahmen aus "Days of Destruction. Days of Revolt": Literarischer Journalismus nach Thompson und Talese. Foto: PromoBild vergrößern
Momentaufnahmen aus "Days of Destruction. Days of Revolt": Literarischer Journalismus nach Thompson und Talese. - Foto: Promo

Joe Sacco hat seinen zeichnenden Journalismus perfektioniert: Im Frühjahr erscheint die Comic-Sammlung „Reportagen“ auf Deutsch, in den USA erschien jüngst „Days of Destruction“. Beide sind für den Autor eine Rückkehr zu seinen Wurzeln.

Er zeichnet nicht einfach drauf los. Bevor seine Bilder an Raum gewinnen, ist die Struktur schon da, die Erzählung hinter der Zeichnung. So ist es auch im Indien-Kapitel des neuen Buches von Comic-Autor Joe Sacco: „So endet unsere Geschichte“, leitet er den Comic ein. Er selbst sitzt da als Reporter im Bild, mit Notizblock und Dolmetscher, und hört zwei Indern der Dalit zu, jenen „die ganz unten hocken im indischen Kastensystem.“ Dann spult sich die Geschichte rückwärts auf, wird zu einer Spurensuche nach den „Unberührbaren“ im modernen Indien. Immer bleibt Sacco mit im Bild, wie er Dorfbewohner befragt, wie er abgewiesen und vertrieben wird, wie er bis zu den Dalit findet.

Es ist Methode in „Reportagen“, wie Saccos Buch auf Deutsch heißt,  das im April bei Edition Moderne erscheint. Es vereint Comic-Reportagen und Dossiers aus mehreren Jahren Kriegsberichterstattung für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen wie „Time“, „The Guardian“ oder „Harper’s Magazine“. Exklusiv sind die Geschichten nicht, aber mit der neuen Zusammenstellung verfolgt Sacco eine Agenda.

„Der Segen eines so grundsätzlich deutenden Mediums wie dem Comic“, schreibt Sacco im Vorwort, sei es, nicht eingeschlossen zu sein „in den starren Grenzen des traditionellen Journalismus.“ Im englischen Original heißt es „Journalism“ – und genau darum geht es dem Autoren. Sacco will als Journalist wahrgenommen werden, nicht als bloßer Zeichner. Er will dem Leser keine fiktiven Geschichten auftischen, er will ihn an die Hand nehmen und ihm zeigen, was er selbst recherchierte. Was er selbst sah.

Dabei versucht Sacco, obwohl er sich als Mittler ins Bild zeichnet, maximal unsichtbar zu bleiben. Die Spurensuche ist persönlich und die Perspektiven sind subjektiv, was aber Sacco von den Protagonisten hält, die er trifft, bleibt im Unklaren: stets zeichnet sich der Autor mit spiegelnden Brillengläsern, seine Augen verborgen.

Joe Sacco wurde 1960 auf Malta geboren. Früh emigrierte er mit seinen Eltern erst nach Australien, dann in die Vereinigten Staaten. Die Wanderschaft und das politische Umfeld seiner Eltern – beide waren überzeugte Sozialisten – prägten Saccos Blick auf die Welt. Den Dualismus moderner Gesellschaften oder eben Konflikt, sagt er, habe er als „Teil des Lebens“ begriffen. In Oregon studierte Sacco später Journalismus.

Bekannt wurde er aber nicht mit Texten, sondern mit seinem Versuch, Journalismus mit Gezeichnetem zu machen. „Gaza“ und „Bosnien“, seine Blicke auf die Kriege und Konflikte dort, wurden nach Startschwierigkeiten große Erfolge. Die Werke sind wenig ausgewogen, sie zeigen Saccos Perspektive statt objektivem Journalismus – wie auch nun der Sammelband „Reportagen“. Doch durch die Anteilnahme, die der Zeichner seinen Protagonisten zuteil werden lässt, erinnert „Journalism“ an den literarischen Journalismus von Hunter S. Thompson oder Gay Talese. Er führt die Reportage auf ihre Notizblock-Ursprünge zurück. Sie ist subjektiver, aber ehrlicher.

Noch deutlicher wird dies mit Saccos neustem Werk, das bisher nur in Amerika erschien: „Days of Destruction. Days of Revolt“.

Das Buch ist eine Kooperation mit dem (schreibenden) Journalisten Chris Hedges. Hedges und Sacco sind seit langem Freunde und Weggefährten. Sie liehen sich bereits Stimme und Blick, als beide für „Harper’s Magazine“ ein Flüchtlingscamp in Gaza dokumentierten. Wie Sacco bereiste auch Pulitzer-Preisträger Hedges den Nahen Osten und den Balkan. Für „Days of Destruction“ sind nun beide nach Amerika zurückgekehrt. Gemeinsam zeigen sie den Mikrokosmos US-amerikanischer Globalisierungsverlierer: alkoholkranke Lakota-Indianer, Tagelöhner aus Guatemala, ehemalige Bergleute aus West Virginia, schließlich im letzten Kapitel Demonstranten der Occupy-Bewegung.

Der Doppeltitel „Days of Destruction. Days of Revolt“ ist halb Wunsch, halb Wirklichkeit. Die „Tage des Verfalls“ sehen die Autoren als Tatsache an und wandeln mal erstaunt, mal wütend durch ein mattes, post-industrielles Amerika. Der aktuelle Haushalts-Streit im US-Kongress und die massiven Einsparungen konterkarieren die Beobachtungen des Buches. Die „Tage der Revolte“ hingegen sind eine Hoffnung: auf einen Aufstand der Bürger, auf eine bessere Gesellschaft. Hedges schreibt im Vorwort: „Der Kapitalismus wird uns, buchstäblich, töten, so wie er einst die Native Americans tötete.“ Sacco unterzeichnet dieses Vorwort nicht.

Dadurch entsteht im Buch ein Ungleichgewicht, zugunsten Saccos. Während der schreibende Journalist mit seinem Reportageteil eine klare Agenda verfolgt – er wünscht sich eben jene „Tage der Revolution“ herbei – bleibt der zeichnende Journalist sehr im Hintergrund. Saccos Grafik-Reportagen ergänzen den Text von Hedges dort, wo es nötig ist – oder führen ihn an manchen Stellen in neue Richtungen. Aber Sacco will keine Sichtweisen aufzwingen, sondern seine Protagonisten wirken lassen. Er konzentriert sich auf das Abbild der „Tage des Verfalls“.

Die Bilder sind klar und trotzdem rau; wie Fotografien, die auf das wesentliche reduziert wurden – um den Blick auf all den Rost und Schmutz und all das Stumpfe freizulegen, in dem sich die Figuren bewegen. Es ist, als wolle Sacco zeichnend sagen: Hier ist mein Fernrohr, ich habe es oft benutzt, um klarer zu sehen. Nun schau du hindurch, lieber Leser.

Das letzte Buchkapitel beschreibt die Occupy-Bewegung am Liberty Square in New York. Hedges begleitet sie mit Zitaten von Lenin, George Orwells „1984“ und Shakespears Aufstandstragödie „Coriolanus“.

Sacco hingegen wird sehr still. Seine letzte Doppelseite zeigt ein mit Demonstranten gefülltes Wimmelbild; friedlich sitzen sie auf der Straße, bilden Diskussionskreise, halten Schilder. Manche tragen Kopftücher, andere jüdische Kippot, die nächsten Bärte und Macbooks. In einer Bildecke beobachtet ein Polizist die Szene, mehr neugierig denn angespannt. In der anderen Ecke lugt ein Luftballonherz aus der Masse hervor.

Man glaubt Sacco dieses Bild. Er zeichnet nicht einfach drauf los.

Joe Sacco: Journalism, Verlag Henry Holt, 208 Seiten, ca. 20 € - im April erscheint bei Edition Moderne die deutsche Ausgabe.
Chris Hedges & Joe Sacco: Days of Destruction, Days of Revolt, Nation Books, 320 Seiten, ca. 20 €

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