Comic-Klassiker „Buddy Longway“ : Wilder Westen mit Schweizer Einschlag

Leben im Einklang mit der Natur, mitreißende Abenteuer: In ihrer Gesamtausgabe erweist sich die Wildwest-Comicreihe „Buddy Longway“ als komplexe Saga voller Lebensweisheit.

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Gefühl und Härte: Eine Seite aus der besprochenen Reihe.
Gefühl und Härte: Eine Seite aus der besprochenen Reihe.Foto: Ehapa Comic Collection

Der 1944 geborene Schweizer Zeichner Derib (bürgerlich Claude de Ribeaupierre) gehört zu den Comiczeichnern, die sich vorwiegend einem einzigen Genre verschrieben haben – in seinem Fall ist es der Western. Jedoch ist sein Name im Vergleich zu Genre-prägenden Kollegen wie Morris („Lucky Luke“), Jean Giraud („Leutnant Blueberry“) oder Hermann („Comanche“) relativ wenig bekannt, was vielleicht an seiner Bescheidenheit und seiner zurückgezogenen Lebensweise am Genfersee liegt.

Dabei kennt heute jedes Kind „Yakari“ – durch die Fernsehserie und das umfangreiche Merchandising ist es wohl kaum möglich, noch nie etwas von dem Indianerjungen und seinem Pferd Kleiner Donner gehört zu haben. Derib erfand Yakari 1973 zusammen mit dem Szenaristen Job (André Jobin) und zeichnete rund 40 Abenteuer.

In die USA ist er nie gereist

Fast zeitgleich erschuf Derib allerdings eine weitere Westernfigur, deren Leben er über Jahrzehnte begleiten sollte, einem Chronisten ähnlich: „Buddy Longway“. Erstveröffentlicht wurde die gleichnamige Serie, die sich an ein etwas älteres Publikum als „Yakari“ richtete, ab 1973 in der in Frankreich und Belgien erscheinenden Comiczeitschrift „Tintin“.

Deutsche Comicleser konnten die Abenteuer von Buddy Longway erstmals Mitte der 1970er Jahre verfolgen, als die Comiczeitschrift „Yps“ sie in Fortsetzungen abdruckte. Als Alben wurden sie zunächst vom Carlsen-Verlag, dann von Kult Editionen und schließlich von Finix veröffentlicht.

Weißer Westen: Eine Seite aus dem letzten Album.
Weißer Westen: Eine Seite aus dem letzten Album.Foto: Ehapa Comic Collection

Die nun erschienene fünfbändige Gesamtausgabe bei Egmont Ehapa setzt dieser konfusen Editionsgeschichte ein Ende. Durch den nun möglichen Überblick über alle Abenteuer wird erst der epische Charakter der Geschichte offenbar, der das Leben eines einfachen Trappers im Wilden Westen so realistisch nachzeichnet, wie es ein Comic nur tun kann. Buddy Longway ist ein Comicroman, der auch den Alterungsprozess des Helden und seiner Familie mit einschließt.

Dabei verzichtet Derib weitestgehend auf exakte Ortsbestimmung, die Geschichte scheint sich etwa in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts irgendwo im nördlichen Teil des „Wilden Westens“ im Gebiet der Great Plains abzuspielen, in denen Sioux-Indianer ansässig sind, aber das ist ein weites Gebiet. Insgeheim schmuggelt der Zeichner in die häufig vorkommenden nordamerikanischen Gebirge gerne etwas Schweiz hinein, denn Naturstudien hat Derib vor allem in den Schweizer Bergen betrieben, in die USA ist er nie gereist, nur einmal nach Kanada.

Exemplarisches Leben im Einklang mit der Natur

Vor allem die frühen Abenteuer lesen sich heute noch erstaunlich frisch. Bereits im Ersten Abenteuer lernt der junge, noch nicht sesshafte Fallensteller Buddy die Sioux-Indianerin Chinook kennen, und rettet sie vor Weißen, die ihr Gewalt antun wollen. Ganz allmählich keimt die Liebe zwischen der Squaw und „Gelbhaar“ (wegen seines dichten gelben Haarschopfs und dem dazukommenden Vollbart von Chinook so getauft) auf, und schon zwei Abenteuer weiter bringt Chinook einen gemeinsamen Sohn – Jeremiah - zur Welt, später die Tochter Kathleen.

Effektvolle Panelgestaltung. Eine Szene aus den Anfängen der Reihe.
Effektvolle Panelgestaltung. Eine Szene aus den Anfängen der Reihe.Foto: Ehapa Comic Collection

Dem unabhängigen, in Frieden zwischen den verschiedenen Gesellschaftsgruppierungen lebenden „Öko-Trapper“ Buddy Longway kommt in Konflikten oft eine vermittelnde Funktion zu, und seine von starker Liebe geprägte Beziehung zur Indianerin Chinook erscheint als modellhaftes, exemplarisches Leben im Einklang mit der Natur.

Der Leser erlebt mit den Figuren mit, wie sich die kleine Familie in der rauen Natur ein Heim aufbaut und wie sie zahlreichen Gefahren begegnet. Und die haben es oft in sich. Meist sind es Naturgewalten oder wilde Tiere, noch öfter von Menschen ausgehende Bedrohungen, die in die Harmonie einbrechen, seien es Rassenkonflikte oder die pure Gier. Derib beschönigt nichts, man spürt beim Lesen, wie intensiv sich der Schweizer mit der Realität der Trapper, Soldaten und Indianer beschäftigt hat.

Ähnlichkeiten mit „The Revenant“

Dabei gelingen ihm mitreißende Abenteuer, die den inhaltlich verwandten Film „The Revenant“ von 2015 mit Leonardo Di Caprio in den Schatten stellen, da sie weitaus glaubwürdiger geschildert werden. Insbesondere die Indianer werden sehr einfühlsam und respektvoll von Derib gezeichnet, man lernt ihre Rituale und Denkweise kennen, in einzelnen Charakterstudien wie in der Figur des unter Pferden lebenden Indianers „Sieht über die Wolken“ (enthalten im Band 5) wird auch deren Spiritualität überzeugend veranschaulicht.

Liebe und Familie: Eine Seite aus den früheren Alben.
Liebe und Familie: Eine Seite aus den früheren Alben.Foto: Ehapa Comic Collection

Aber wie unter Weißen gibt es auch unter den Indianern schwarze Schafe. Ein solches spielt eine Schlüsselrolle im abschließenden 20. Band, der die Reihe auf erschütternd realitätsnahe Weise abschließt - fast etwas zu hart für Leser, die diese Helden liebgewonnen haben. Doch Derib hatte bereits zu Beginn seiner Arbeit an „Buddy Longway“ angekündigt, die Serie nach 20 Bänden mit dem Tod seines Helden enden zu lassen.

Komplexe Saga voller Lebensweisheit

Jeder einzelne Band überzeugt durch eine gut gebaute, spannende Geschichte (die oft auf eine zurückliegende verweist oder sie fortführt) und oft vielschichtig angelegte Charaktere, die auch Wandlungen durchleben können wie etwa Buddys Sohn Jeremiah. Derib beherrscht meisterhaft das Zeichnen von Landschaften und Pferden in Aktion, und beweist auch im Seitenlayout Einfallsreichtum. Trotzdem sind grafisch die frühen Abenteuer die schönsten.

Derib hat hier, vor allem in der Figurenzeichnung, einen eigenständigen Stil gefunden, der ein Mix aus „Semifunny“- und realistischen Elementen ist (er begann seine Zeichnerkarriere als Assistent Peyos bei dessen „Schlümpfen“, entwickelte erst eigene humoristische Serien wie „Attila“ oder „Pythagoras“). Später wird sein Stil zwar einheitlicher und gänzlich naturalistisch, verliert dadurch jedoch an Charme: vor allem die Mimik wird schematischer, die Charaktere erreichen nicht die Ausdruckskraft wie in früheren Geschichten.

Komplett: Das Cover des fünfen Bandes.
Komplett: Das Cover des fünfen Bandes.Foto: Ehapa Comic Collection

Doch den Lesefluss stört das nicht, inhaltlich hält Derib die Qualität über die vollen 20 Bände durch. Er hat eine inhaltlich komplexe Saga voller Lebensweisheit geschaffen, die ein realistisches Bild des Westens vermittelt und die üblichen Klischees klug vermeidet.

Abgerundet wird jeder Band durch ausführliches Bonusmaterial, seltenen Vorzeichnungen, Cover- und Plakatentwürfen sowie von Äußerungen einzelner Weggefährten Deribs wie den befreundeten Comiczeichnern Cosey („Jonathan“) oder Rosinski („Thorgal“).

Derib, Buddy Longway Gesamtausgabe Bd. V – Für immer, Ehapa Comic Collection, 232 S., 34,99 €. Bände I-IV ebenfalls jeweils 34,99 €

Unser Autor Ralph Trommer ist dipl. Animator, freier Autor und Journalist mit dem Schwerpunkt Comic. Weitere Tagesspiegel-Artikel von ihm unter diesem Link.

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