Comic-Klassiker : Der Überflieger

Raketenrucksack und Retro-Flair: Dave Stevens' „Rocketeer“ ist ein moderner Klassiker des Pulp-Abenteuercomics. Jetzt wird die 80er-Jahre-Serie mit einer opulenten Gesamtausgabe gewürdigt.

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Immer im Einsatz. Eine Seite aus der Gesamtausgabe.
Immer im Einsatz. Eine Seite aus der Gesamtausgabe.Foto: Cross Cult

Inspiriert durch diverse raketenrucksackbepackte Vorläufer aus den Movie Serials der späten 1940er und frühen 1950er schuf Dave Stevens 1982 seinen Retro-Helden „Rocketeer“, dem 1991 in der Disney-Verfilmung unter Regie von Joe Johnston der Sprung auf die große Leinwand gelang. 2010 – fast drei Jahre, nachdem Stevens seinen langen Kampf gegen Haarzellleukämie verloren hat – erscheint mit diesem Band bei Cross Cult eine erste vollständige deutsche Gesamtausgabe des „Rocketeer“-Stoffes. Ihre Aufgabe ist es, Stevens' ein wenig in Vergessenheit geratenes Juwel der Independent-Comic-Bewegung der 1980er erneut einem begeisterungsfähigen Publikum zu präsentieren – oder zumindest wieder ins Gedächtnis zu rufen. Genug Power hat der ebenso zeitlose wie pulpige Abenteuerstoff zweifelsohne immer noch. Und attestierte Science-Fiction-Altmeister Harlan Ellison dem „Rocketeer“ nicht bereits 1985 begeistert, „etwas Besonderes“ zu sein? Doch wie könnte es auch anders sein, wenn man seit Jahren einen von Pulp-Ikone Doc Savage konstruierten Jetpack auf dem Rücken trägt, Seite an Seite mit The Shadow gegen Bösewichter kämpft und die Comic-Version von Pin-Up-Königin Bettie Page ausführt?

Dave Stevens (eigentlich David Lee Stevens) wurde am 29. Juli 1955 in Lynwood, Kalifornien geboren. Seine Liebe zu Comics entdeckte er, als er in jungen Jahren eine Box mit Disney- und EC-Science-Fiction-Heften seines Vaters in die Finger bekam. Sein alter Herr war außerdem nicht nur selbst ein kreativer Hobby-Künstler, sondern auch derjenige, der in Dave Stevens die Vorliebe für SF-Literatur entfachte: Stevens' erste Leseerfahrungen während seiner Jugend in Idaho und Oregon bestanden aus Bradbury, Wells und Conan Doyle. Die Sonntagsstrips von Hal Fosters „Prinz Eisenherz“ sammelte der junge Stevens dabei ebenso wie er die nicht nur anatomisch aufregend inszenierten Marvel-Helden von Jack Kirby, John Buscema und Jim Steranko aufsaugte, die er später immer als frühesten Einfluss für seine autodidaktische Lernphase als Zeichner aufzählte. In den 1960ern wurde Stevens wie viele andere zu einem Pulp-Liebhaber der zweiten Generation, als unzählige Storys aus den berüchtigten amerikanischen Groschenheften in Taschenbüchern nachgedruckt wurden. Besonders James Bamas Titelbilder zu „Doc Savage“ beeindruckten Stevens, der zu dieser Zeit auch Will Eisners Spirit - „relativ spät“, wie er einmal gestand - für sich entdeckte. Stevens großes Vorbild Jim Steranko war es jedoch, der Stevens in dieser Phase seiner Entwicklung zum Pinsel brachte, nachdem Stevens einmal gelesen hatte, dass Steranko seine Arbeiten ausschließlich mit Pinsel tuschte.

Nach Stevens Schulabschluss zog die Familie des besseren Klimas Willen von L. A. nach San Diego. Hier wurde Stevens schnell ein aktives Mitglied der kalifornischen Independent-Comic-Szene und steuerte Arbeiten für allerhand Comic-Fanzines bei – der von Leuten wie Michael Wm. Kaluta oder Bernie Wrightson vorgelebte Traum, den Sprung aus den Fanzines zum Profi oder wenigstens zum anerkannten Künstler unter dem Banner des Selfpublishings zu schaffen, war in dieser Ära allgegenwärtig. Auch auf den frühen Comic-Cons in San Diego war Stevens äußerst aktiv und gestaltete viele Jahre Cover und Titelschriftzug des Programmhefts, was ihm u. a. Aufmerksamkeit und Lob von Jack Kirby einbrachte (während einer Con, auf der Stevens als eifriger Nachwuchszeichner natürlich eine Mappe mit seinen Arbeiten dabei hatte, empfahl ihn Altmeister Neal Adams nach Sichtung von Stevens Portfolio sogar einmal an Marvel, auch wenn John Romita Sr. und Roy Thomas letztlich dann doch befanden, dass Stevens noch nicht bereit sei).

Michael Jackson tanzte für ihn

Obwohl Stevens neben Steranko Künstler wie Frank Frazetta, John Buscema, Reed Crandall, Will Eisner, Joe Kubert, Wally Wood und Al Williamson bewunderte und als Vorbilder bezeichnete, sollte der legendäre Tarzan-Künstler Russ Manning bald sein wichtigster Mentor werden: Als Stevens seinen Weg vom Fan zum Profi fortsetzte, beerbte der damals 19-Jährige – seit seiner Jugend ein großer Fan von Tarzan und Johnny Weissmüller – seinen „großen Bruder“ und Freund William Stout als Mannings Studio-Assistent. Fortan arbeitete Stevens am „Tarzan“-Strip mit (ab 1980 arbeitete er noch einmal mit Manning, diesmal am „Star Wars“-Zeitungscomicstrip, den Manning zu jener Zeit traurigerweise schon nicht mehr selbst umsetzen konnte, weil auch Stevens Mentor gegen den Krebs kämpfte und ebenfalls mit 52 viel zu früh verstarb). Obwohl er die Zeit mit Manning und Tarzan und den Affen genoss, merkte Stevens bereits recht früh, dass der Arbeitsalltag eines traditionellen Comic-Künstlers nichts für ihn war, und so suchte er sich nach der Moebius-Hommage „Aurora“ für den japanischen Markt (1977) einen anderen Weg, der ihn von den Comics fortführte und dem er die nächsten Jahre zielstrebig folgen sollte.

„WOW!“. Diese Splashpage mit der nackt posierenden Betty Page - hier die Originalausgabe von 1983 - fand ihr Schöpfer im Nachhinein unnötigerweise plump.
„WOW!“. Diese Splashpage mit der nackt posierenden Betty Page - hier die Originalausgabe von 1983 - fand ihr Schöpfer im...

Zunächst arbeitete er als Storyboardzeichner und Layouter für das Trickstudio Hanna-Barbera, wo er in Doug Wildey und Russ Heath lebenslange Freunde und Lehrer treffen sollte. Hier arbeitete Stevens an TV-Serien wie „Godzilla“ (1978-1981) und schuf u. a. Mini-Godzilla Godzooky für die viel zu brave Serie, an der die beteiligten Zeichner um Stevens nicht viel Spaß hatten, auch wenn im Team immer gute Stimmung herrschte. Danach arbeitete Stevens für diverse Studios und lieferte Layouts für TV-Serien wie Spider-Woman, Flash Gordon oder The Lone Ranger. Doch auch für Mattel und He-Man schuf Stevens in dieser Zeit Werbe-Anzeigen, so wie es ihn ohnehin immer wieder in die lukrative Werbung zog. In den nächsten Jahren folgten weitere Aufträge für Film und Fernsehen, als Stevens in William Stouts Filmstudio in Los Angeles anheuerte.

Es war eine tolle Zeit für Stevens. „Die Tage – und Nächte – in L. A. waren voller Arbeit, Spaß, Freunde und Abenteuer“, erinnerte er sich später. Dank Stouts Empfehlung zeichnete Stevens in dieser Periode seiner Karriere sogar Storyboards für „Indiana Jones: Jäger des Verlorenen Schatzes“ (einige Jahre davor war Stevens' Mitarbeit an „Star Wars“ daran gescheitert, dass George Lucas am Tag von Stevens' Vorstellungsgespräch einen „richtig miesen Tag“ gehabt hatte, wie Stevens sich noch lange Zeit entsann). Außerdem erstellte Stevens das Storyboard für Michael Jacksons Musikvideo „Thriller“. Mit dem gleichermaßen viel zu früh verstorbenen King of Pop arbeitete Stevens sogar auf der Neverland Ranch zusammen, da Jackson von Stevens' Arbeit äußerst angetan war: Jackson tanzte, und Stevens hielt die Bewegungen als Konzept für die Victory Tour (1984) fest, für die er auch die Designs erstellte.

„Mach, was du möchtest“

Um diesen Zeitpunkt herum tuschte Stevens wie viele andere Künstler außerdem ab und an für Marvel oder half als Ghost-Inker aus, wenn Freunde mit einer Deadline in Not gerieten. Ein richtig aktiver Teil der Comic-Gemeinschaft war Stevens trotz seiner umtriebigen Vergangenheit in der Fan- und Independent-Szene trotzdem nicht mehr – er hatte sich für den Mainstream, die Werbung und den Film und damit gegen den Comic entschieden. Das alles änderte sich mit dem „Rocketeer“ quasi über Nacht.

Eine der wichtigsten Inspirationsquellen für Dave Stevens’ „Rocketeer“ waren die amerikanischen Movie Serials der 1950er – Filme, die in bis zu zwölf Teilen bzw. Episoden á 25 Minuten im Kino und später im TV gezeigt wurden. Bereits 1949 flog in „King of the Rocket Men” der erste Raketenmann durch die trashigen schwarzweißen SF-Abenteuerproduktionen, gefolgt von „Radar Men from the Moon“ (1952), in dem der Raketenrucksackheld Commando Cody debütierte. Im eigentlich angedachten Sequel „Zombies of the Stratosphere“ (1952) pausierte Cody dann seltsamerweise, um 1953 schließlich mit „Commando Cody: Sky Marshal of the Universe“ noch einmal durchzustarten. Ab 1955 wurde „Commando Cody“ dann auch im US-Fernsehen ausgestrahlt.

Als 1981 der amerikanische Comic-Händler bzw. -Vertrieb Pacific Comics zu einem Verlag mutierte und u. a. Jack Kirby und Mike „Warlord“ Grell eine Plattform bot, fehlten Grells „Starslayer“ im zweiten Heft sechs Seiten, um das konventionelle US-Heft jener Ära vollzukriegen. 1981 luden die Pacific-Macher Dave Stevens kurzerhand dazu ein, diese Seiten zu füllen – sie kannten einander schon einige Zeit. „Mach, was du möchtest“, sagten sie, und genau das tat Stevens und schuf in seiner Freizeit eine Illustration, die schließlich zu seinem „The Rocketeer“ führte, einem der ersten großen Erfolge der amerikanischen Independent-Comic-Bewegung der 1980er – und nebenbei auch noch einem der ersten richtig erfolgreichen creator-owned Comics.

Stevens mochte seit jeher „die Idee eines Kerls, der sich ein leicht entflammbares Gerät auf den Rücken schnallt und wie ein Vogel fliegt“. Um dieses Ausgangsbild kreierte er einen eigenen Pulp-Abenteuercomic, allerdings „mit dem Raketenrucksack als einzigem Science-Fiction-Element“, wie Stevens später resümierte, „ohne Marsianer und Todesstrahlen“. Sein Held sollte abheben – der Rest des Comics trotz Nazi-Spionen, Zirkusriesen, The Shadow und modernen Luftfahrzeugen jedoch immer schön bodenständig bleiben. Viel mehr wusste Stevens anfangs übrigens nicht. „Ich setzte mich hin, ohne zu wissen, wo das ganze hinführen würde“, gestand er einmal. Da sich Stevens und die Pacific-Macher Bill und Steve Shanes außerdem nicht sicher waren, wie es mit den Rechten bei der Verwendung des originalen Rocket Man Commando Cody aus den Serials aussah, die Stevens wegen ihrer verrückten Action und spannenden Cliffhanger so teuer waren und so sehr inspirierten, setzte sich Stevens nach ersten Beratschlagungen noch einmal hin und modifizierte die Idee so lange, bis sie trotz aller Referenzen und dankbaren Anleihen originär genug war, um künstlerisch wie rechtlich auf eigenen Beinen zu stehen. Das Ergebnis waren die ersten Flugversuche des „Rocketeer“.

Er selbst war sein härtester Kritiker

Es überraschte niemanden aus seinem Umfeld, dass Stevens seine „Rocketeer“-Abenteuer im Hollywood der 1930er ansiedelte - die Autos, die Musik, die Mode, die Architektur und das Lebensgefühl der angeblichen Traumfabrik zu jener Zeit hatten Stevens seit jeher fasziniert, und entsprechend gut kannte er sich aus. „Er wurde 50 Jahre zu früh geboren“, sagte Jim Steranko einmal über seinen erfolgreichsten Jünger. Später sollte sich Stevens immer wieder zu Filmleuten dieser glamourösen Ära hingezogen fühlen und Freundschaft mit ihnen schließen (aus diesem Grund kam er auch mit Jim Silke zusammen, mit dem ihn u. a. die Faszination für Bettie Page und Pin-Ups verband).

In beiden Storybögen hat Stevens zudem retrospektiv die Stimmung der zellstoffschwangeren Pulps sehr schön eingefangen – sogar US-Heftroman-Legende The Shadow hat in Cliffs New York Abenteuer einen anonymen, aber unverkennbaren Auftritt, während der Jetpack in den ursprünglich schwarzweiß veröffentlichten Comics von Doc Savage erfunden wurde. Das wichtigste Indiz dafür, dass es sich beim Erfinder des Jetpacks wirklich um den berüchtigten Pulp-Helden Clark Savage Jr. handelt (und nicht wie von Peevy spekuliert und später von Disney gezeigt um Howard „Aviator“ Hughes), liefern die beiden so unterschiedlichen Männer, die Cliff und dem Raketenrucksack im ersten Abenteuer hinterherjagen. Bei den beiden handelt es sich um den studierten Anwalt Theodore Marley „Ham“ Brooks und um den Chemiker Andrew Blodgett „Monk“ Mayfair, beide Gefährten, die dem Mann aus Bronze Doc Savage in seinen Pulp-Abenteuern oftmals zur Seite standen. Der Shadow ist da schon leichter zu erkennen, auch wenn sich Shadows Alter Ego in Cliffs New York-Abenteuer hinter dem Namen Jonas verbirgt (und nicht wie in den meisten gedruckten Geschichten von früher Lamont Cranston nennt).

Pulp Fiction: Eine weitere Seite aus der Gesamtausgabe.
Pulp Fiction: Eine weitere Seite aus der Gesamtausgabe.Foto: Cross Cult

Ob Pulps oder Movie Serials – es war immer eine von Stevens' herausragenden Eigenschaften als Künstler, dass er sich den Dingen auch in seinen Jahren als gestandener Profi noch mit der aufrichtigen Begeisterung eines Fans im Herzen näherte. Vermutlich konnten seine Hommagen deshalb in letzter Instanz immer über sich und ihren Ursprung hinauswachsen und auf ganzer Linie überzeugen und brillieren.

Stevens „Rocketeer“ strotzt überdies vor Leichtigkeit – was wohl in erster Linie daran lag, dass Stevens nach seinen ersten Erfahrungen mit „Tarzan“ nie ein klassischer Comic-Künstler war, der auf den großen Run bei DC oder Marvel lauerte. Stevens war mit seinen gut bezahlten Jobs abseits der großen Comic-Bühne immer sehr zufrieden, zumal die Frage gestattet sein muss, ob er z. B. mit den knallharten Deadlines eines monatlichen Superheldenheftes überhaupt klargekommen wäre: Stevens war ein verbissener Perfektionist und hatte als sein härtester Kritiker einen hohen Anspruch an seine Arbeit. Und er liebte es, mit Menschen zu reden. Schon zwei, drei Telefonanrufe am Tag konnten seinem Zeichenpensum mächtig in die Quere kommen, da er sich stundenlang über Gott, Comics und die Welt unterhalten konnte. Wenn er dann noch ewig an einem Panel herumbastelte, konnte es schon mal schwierig werden mit einer Deadline. Trotzdem war Stevens, wenn es drauf ankam – und das Telefon still blieb – kein so langsamer Künstler, wie es immer heißt. Er konnte äußerst effizient und fokussiert sein, wenn ihn jemand im rechten Moment von seinem übers Ziel hinaus schießenden Perfektionismus abhielt, wie William Stout einmal klarstellte.

Kollegial und genial

Hilfe war beim „Rocketeer“ dennoch ab und an von Nöten. Während an der ersten Geschichte lediglich Jaime Hernandez – bekannt durch „Love and Rockets“ und neben Stevens immerhin einer der besten Künstler seiner Generation – mitarbeitete und der bereits erwähnte Doug Wildey ein paar Layouts und Textpassagen verbesserte, liest sich die Liste der Künstler, die Stevens an Cliffs New-York-Abenteuer zur Hand gingen, wie ein Who-is-Who der US-Comicszene: Bei Layout, Reinzeichnung und Inks leisteten Art Adams, Geof Darrow, Gary Gianni, Michael Wm. Kaluta, Stan Manoukian, Sandy Plunkett und Vince Roucher tatkräftige Unterstützung. Die Autoren Danny Bilson und Paul DeMeo, die später mit Stevens auch das Drehbuch für den Disney-Film schrieben und mit ihm an der The Flash-TV-Serie zusammenarbeiteten, halfen außerdem bei Story und Text.

Viele Künstler, aber ein einheitlicher Look – Stevens vergaß auch am Comic nie, was er in den Zeichentrickstudios gelernt hatte. Und selbst unter höchstem zeitlichen Druck beeindruckte er seine Kollegen noch. Besonders sein Pinselschwung war stets eine Quelle der Anerkennung – es gilt die allgemeine Auffassung, dass mit Stevens einer der besten Pinselschwinger verstarb, den das Medium neben Stout, Frazetta, Wrightson und Mark Schultz jemals gesehen hat. „Seine Inks haben die Bleistiftzeichnungen erstrahlen lassen“, erinnerte sich Sandy Plunkett an die Zusammenarbeit mit Stevens in Paris. „Niemand konnte so mit dem Pinsel umgehen wie Dave.“ Und niemand kostete das Erlebnis „Rocketeer“ so aus wie Cliffs geistiger Vater.

Es ging Stevens nicht um die 100 oder 150 Dollar, die er von Pacific pro druckfertiger Seite bekam. In der Werbung und beim Film war für ihn mehr Geld zu holen. Wann immer er seinen „Rocketeer“ schrieb und zeichnete und tuschte und letterte – wie das bei einem klassischen Autorencomic eben so üblich ist –, sollte Stevens in erster Linie das Komplettpaket Spaß machen, das „Erlebnis Comic-Künstler“, als Kontrast zu seiner übrigen Arbeit. In der Folge nahm sich Stevens dann auch all die Zeit, die es eben brauchte, um aus seiner Verbundenheit zur good girl art, der klassischen Pin-Up-Kunst und der traditionellen Illustration einen detailreichen, schwungvollen Comic zu kreieren und in aufwendigen Bildern zu erzählen – mit Panels, von denen jedes einzelne gehobenen Illustrationsansprüchen genügt, auch wenn Stevens es hasste, Hintergründe zu zeichnen.

Anfangs nahm sich der gut aussehende Stevens kurzerhand selbst als Referenz für Cliff und posierte für seinen Protagonisten (im Vorfeld einer Signierstunde stieg Stevens sogar einmal in voller „Rocketeer“-Montur aus seinem Auto, klemmte sich den Helm unter den Arm und schenkte den wartenden, johlenden Fans ein breites Heldengrinsen – eine unvergessliche Szene, glaubt man den Beteiligten). Doug Wildey diente Stevens indes als optische und – vermutlich - auch charakterliche Referenz für Cliffs väterlichen Bastlerfreund Peevy, während eine von Stevens Hollywood-Bekanntschaften, der Fotograf Ken Marcus, als Vorlage für den unliebsamen Knipser Marco herhalten musste, der Betty nach New York lockt und damit das zweite Abenteuer in Gang setzt.

Der Comic war für ihn ein Film auf Papier

Die weibliche Hauptrolle der „Rocketeer“-Comics modellierte Stevens dagegen nach Bettie Page, dem legendären Pin-Up-Model der 1950er, der er durch die „Betty“-Inkarnation im „Rocketeer“ zu neuer Popularität verhalf (Jahre später – 1994, um genauer zu sein- traf Stevens auf die dann bereits rüstige Rentnerin Page, die sich äußerst geschmeichelt fühlte, obwohl sie bis dahin nichts von ihrem indirekten Wirken an den „Rocketeer“-Comics gewusst hatte. Page und Stevens wohnten kurioserweise nicht weit auseinander, wie sich herausstellte, und wurden gute Freunde).

Schöne Frauen in erotischen Posen waren dem ästhetischen Künstler und Genussmenschen Stevens ohnehin wichtig – sie waren seine Musen und seine Inspiration. Man traf Stevens immer wieder in exotischen Tanzclubs und bis zu seiner Erkrankung 1999 auch als regelmäßigen Gast auf Hugh Hefners Playboy Mansion (dennoch lehnte Stevens Alberto Vargas' Nachfolge als Playboy-Pin-Up-Zeichner ab, so wie er es bei vielen Projekten tat, die nicht vollständig seiner Vorstellung entsprachen). Allerdings bewahrte Stevens in seinen Pin-Ups immer eine gewisse Unschuld und legte großen Wert auf Klasse – seine Pin-Ups waren erotisch und sexy, aber alles andere als billig. Sie folgten dem Geist großer Pin-Up-Künstler wie Vargas, George Petty, Robert E. McGinnis, Gil Elvgren, Rolf Armstrong und Enoch Bolles. Stevens hatte die „Königsdisziplin mit Nippeln“ wahrlich gemeistert und den Spagat zwischen „typical Sweetheart“ und der „Einzigartigkeit jeder Frau“, jedes einzelnen Modells, geschafft – und somit das Problem vieler anderer Zeichner mit über-idealisierten Frauen gemeistert (deshalb bereute er auch die legendäre „WOW!“-Splashpage mit der nackt posierenden Betty – ironischerweise die berühmteste Seite seines „Rocketeer“-Comics –, und das nicht nur wegen der Briefe von ein paar erzürnten Eltern, sondern weil sie ihm im Rückblick unnötigerweise plump erschien).

Stevens' Pin-Ups erschienen in Kalendern und später in Magazinen oder auf deren Covern (z. B. „Glamour International“), wobei nicht wenige seiner Gemälde private Arbeiten oder Aufträge waren und häufig nie veröffentlicht wurden (oder erst relativ spät in Stevens selbstverlegten Artbooks oder in „Brush With Passion“). Allerdings haben natürlich auch viele von Stevens' Titelbildern für diverse US-Comic-Verlage ausgeprägte Pin-Up-Qualitäten, egal ob nun zu „Vampirella“, „Sheena“, „Xena“, „Jonny Quest“ oder Jim Silkes „Bettie Page: Queen of the Nile“.

Neben seinen Qualitäten als Pin-Up-Zeichner – auf die Stevens jedoch nie reduziert werden wollte – und der Fokussierung auf Gesichter und Gefühlsregungen ist seine Bandbreite in Sachen Tempo die wohl herausragendste Eigenschaft von Stevens als Storyteller. Ohne das bewusst oder konkret geplant zu haben, installierte Stevens, der während des Zeichnens schrieb und während des Schreibens zeichnete, einige spannungsreiche Tempowechsel in seinen Storys um Cliff: mal hat er einen fast animationsmäßigen Schwung, nur um auf der nächsten Seite zu einer ruhigen Momentaufnahme oder Rückblende abzubremsen. Eine instinktive erzählerische Begabung, die sicherlich auch seiner Arbeit und Erfahrung als Storybordzeichner geschuldet gewesen ist und dem Umstand Rechnung trug, dass Stevens, der ein äußerst „visueller Mensch“ war, den Rocketeer „immer als Film auf Papier gesehen“ hat, wie er selbst sagte.

Neuer Glanz für einen alten Helden

Der „Rocketeer“ begann seine Laufbahn als Backup-Geschichte in Grells „Starslayer“ 1-3 (wobei im ersten Heft im Februar 1982 nur eine ganzseitige Werbeanzeige abgedruckt wurde und die eigentlichen Kapitel 1 und 2 des „Rocketeer“ in „Starslayer“ 2 und 3 enthalten waren). Danach sprang er für zwei Nummern in Pacifics hauseigenes Comic-Magazin „Pacific Comic Presents“ (Kapitel 3 und 4), wo er sich die Seiten mit Steve Ditkos „Missing Man“ teilte. Der Cliffhanger am Ende des vierten Kapitels in „Pacific Comic Presents“ sollte nicht mehr aufgelöst werden – nachdem Stevens sehr zum Verdruss der Pacific-Macher ewig nicht mit einer Fortsetzung herum gekommen war (in ihrer Verzweiflung über den unvollständigen Bestseller ließ man u. a. Bruce Jones und Al Williamson „Rocketeer“-Klone wie „Cliffhanger“ produzieren), ging Pacific ohnehin den Weg allen Irdischen und in die Pleite. Es folgte ein „Rocketeer“-Sammelband bei Eclipse Enterprises (Hardcover- und Softcover, mit einer Einleitung von SF-Autor und „Rocketeer“-Fan Harlan Ellison, der auch mit Stevens befreundet war – Ellisons Frau Susan besprach jahrelang Stevens Anrufbeantworter, damit die Leute aufgrund ihres britischen Akzents dachten, Stevens könne sich Angestellte leisten), wo man 1984 in „The Rocketeer Special Edition“ dann endlich auch das erste eigene Solo-Heft für Cliff sowie das nächste, fünfte Kapitel veröffentlichte. Doch Stevens brach mit Eclipse, weil Druckqualität, Tantiemen und Fragen der Lizenzierung unüberwindbare Differenzen aufwarfen. Trotz eines abermaligen Verlagswechsels zu Comico wurde es nicht besser mit der zähen Veröffentlichungsweise, obgleich 1988 und 1989 immerhin zwei weitere Hefte als „The Rocketeer Adventure Magazine“ herausgebracht wurden. Die Fans von Stevens und dem „Rocketeer“ mussten tapfer sein: Erst 1995 erschien in der dritten Ausgabe des „The Rocketeer Adventure Magazine“ – nun bei Dark Horse - das letzte Kapitel der Geschichte in New York, die anderthalb Jahre später erstmals als Paperback zusammengefasst wurde, das wiederum schnell ausverkauft war. Eine dringend notwendige, echte Gesamtausgabe des „Rocketeer“ suchte man auf dem amerikanischen Markt lange Zeit vergebens.

Auf Deutsch erschien 1987 sogar lediglich der erste Storybogen bei Hethke. Die vorliegende Komplettausgabe mit allen Kapiteln von Cliffs Abenteuern als eher selbstsüchtigem Raketenheld war also mehr als nur überfällig, nachdem der amerikanische Verlag IDW 2009 bereits vorgelegt und zwischendurch diverse Preise wie den Eisner Award abgeräumt hatte (auf die 3D-Comic-Adaption zum Film von u. a. Altmeister Neal Adams sowie den herkömmlichen Comic zum Film von Peter A. David – der auch den Roman zum Film schrieb - und Zeichner Russ Heath verzichteten indes auch die amerikanischen Kollegen, vermutlich aus lizenztechnischen Gründen, da beide Adaptionen bei Disney erschienen).

Durch die im August 2010 mit dem Harvey Award ausgezeichnete digitale Neukolorierung von Laura Martin („Ich bin Legion“), die man nach einer Vorschau im August 2009 im Dezember desselben Jahres in der amerikanischen „Rocketeer“-Gesamtausgabe von IDW erstmals bewundern konnte, bekommt der zeitlose „Rocketeer“ zusätzlich neuen Glanz. In der vorliegenden Fassung prallen die Zeiten somit noch deutlicher aufeinander: Der Comic spielt in den späten 1930ern bzw. frühen 1940ern; Stevens schuf ihn ab den 1980ern und bis in die 1990er hinein; und Martins Kolorierung stammt aus dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts und dem digitalen Zeitalter. Nur gut, dass am Ende alles so hervorragend zusammenpasst ...

Ein Cameo-Auftritt als Nazi-Testpilot

Natürlich hilft es einer Gesamtausgabe, dass das „Rocketeer“-Material am Ende leider recht überschaubar ist. Alle möglichen Fortsetzungen, die Stevens immer wieder einmal ansprach (u. a. ein Aufeinandertreffen mit dem Golden-Age-Superman), scheiterten aus verschiedenen Gründen und wurden letztlich nie realisiert, obwohl einmal schon Michael Wm. Kaluta bereit stand, um die Seiten eines neuen Abenteuers zu gestalten, die Stevens dann getuscht hätte. „Hard Boiled“-Zeichner Geof Darrow, der Stevens am „Star Wars“-Strip assistierte, hat für Stevens außerdem ein neues Jetpack für Cliff designed, um für neue Flüge des „Rocketeer“ gerüstet zu sein.

Was dagegen realisiert wurde, war die „Rocketeer“-Leinwandverfilmung, die im Juni 1991 als äußerst hoffnungsvolle Disney-Superheldenproduktion in die amerikanischen Lichtspielhäuser kam, nachdem Stevens selbst schon seit 1983 versucht hatte, den „Rocketeer“ als schwarzweiße und damit waschechte Hommage an Commando Cody zu realisieren. Stevens war allerdings auch aktiv in die Produktion des Disney-Films involviert. So fungierte er als Produzent, stellte den Film-Designern seine gesamte Referenz-Bibliothek zur Verfügung und erarbeitete mit Skulpteur Kent Melton (damals ein Branchen-Neuling, später dann u. a. an „Aladdin“, „Der Schatzplanet“ und „Die Unglaublichen“ tätig) ein neues Design für den Helm, den Disney gern im Stil der Nasa-Piloten gesehen hätte, was Stevens jedoch ablehnte. Hier stand ihm vor allem Regisseur Joe Johnston („Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft“, „Jumanji“, „The Wolfman“, „Captain America: The First Avenger“) zur Seite, der Stevens blind vertraute, da sie einander von Indiana Jones kannten (Johnston hat zu Beginn seiner Filmkarriere als Designer und Effektkünstler für u. a. George Lucas gearbeitet). Johnston gab Stevens eine Woche Zeit, mit einem eigenen leinwandtauglichen Designmodell für den Film zu kommen, und am Ende wurde eben dieses für den Film benutzt.
Doch auch über den Helm hinaus ist man der Comic-Vorlage erfreulich treu geblieben. „Es ist eine Rakete ... wie in den Comicbüchern.“ Genau so sagt es dann auch Timothy Dalton im Film selbstironisch. Der unterschätzte Interims-James-Bond spielt in der Verfilmung eine herrlich schmierige Hommage an Errol Flynn: den fiesen Nazi-Spion Neville Sinclair (in Deutschland lief der Film darum im Kino und später im TV anfangs nur gekürzt, da man die Nazi-Thematik nicht zu sehr ins Rampenlicht rücken wollte). Sinclair möchte den gestohlenen Raketenrucksack bekommen, der Pilot Cliff (Bill Campbell, dessen Karriere niemals richtig in Schwung kam) und Ingeneur Peevy (Oscar-Preisträger Alan Arkin) zu Beginn des Films in die Hände fällt. Dafür entführen Sinclair und seine Schergen sogar Cliffs für den Film umbenannte Freundin Jenny (Disney wollte keine Anspielung auf die kurvige Bettie Page), gespielt von der damals noch am Anfang ihrer Karriere stehenden Jennifer Connelly. Natürlich kommt es nach einigem Hin und Her zum großen Showdown, wo neben einem Nazi-Zeppelin dann auch der hünenhafte Lothar (Ex-Basketballer Tiny Ron Taylor, der seine gesamten 2,10 Meter in die Rolle warf und gut in das Bild des Charakters passte, den Stevens wiederum nach Hollywood-Darsteller Rondo Hatton geschaffen hatte, der an Akromegalie litt) seinen wahrlich großen Auftritt hat. Stevens selbst hat indes einen kurzen Cameo-Auftritt als Nazi-Testpilot, der Hitler in einer alten Filmaufnahme die Hand schüttelt.

Ein Pionier des American Dream

Die Disney-Adaption des „Rocketeer“ ist eine rasante Variante von Cliffs erstem Comic-Abenteuer, gespickt mit ein paar Elementen und Charakteren aus der zweiten Geschichte – und letztlich eine klassische Origin-Story. Mit düsteren Comic-Helden hatte der „The Rocketeer“ im Comic und eben auch auf der Leinwand nichts am Helm. Auch der Disney-Verfilmung ging es vordergründig um den nostalgischen Spaß und die Freude einer anderen, unschuldigeren Periode abenteuerlicher Unterhaltung, mit viel Action und Humor.
„Disney hatte den Stoff gesehen und nur gedacht: ‚Spielzeuge!’“, erläuterte Stevens einmal das ursprüngliche Interesse des Mediengiganten an seiner Figur. Die Verwertungsmöglichkeiten waren äußerst attraktiv für Disney, wo man schon lange erfolgreich auf Film-Merchandising setzte. Nur dass die geplante „Rocketeer“-Actionfiguren-Welle nach einem lediglich soliden Start an den Kinokassen nie ins Rollen kam und von Disney kurzfristig gebremst wurde – man verramschte das bereits produzierte Figurenmaterial am Ende in Billigläden im Mittleren Westen, ohne je Ost- oder Westküste zu erreichen. Unterm Strich spielte der „Rocketeer“-Film weltweit dann auch gerade so sein Budget von 40 Millionen Dollar ein. Der Grund für die Enttäuschung am Box Office ist schnell gefunden und hat nichts mit der Qualität des Streifens zu tun, auch wenn man z. B. in den meisten Actionszenen des 108 Minuten langen Films auf das damals gerade aufgekommene CGI verzichtet hat. Der Knackpunkt war der Starttermin: „The Rocketeer“ startete eine Woche nach Kevins Costners „Robin Hood – König der Diebe“ und eine Woche vor „Terminator 2“ (wo man sich in Sachen Computereffekte nicht gerade zurück hielt). Dieser Konkurrenz durch zwei der ultimativen Sommerblockbuster der frühen 1990er war der „Rocketeer“ einfach nicht gewachsen.

Dennoch war Disneys Leinwand-Version von Dave Stevens Raketenmann ein Vorreiter der modernen Blockbuster-Comic-Verfilmungen, wie sie inzwischen Jahr für Jahr Jubelstürme bei Fans und Investoren auslösen. Auch aus diesem Grund ist Stevens in der Hinsicht eine Art Pionier des American Dream im Comicgeschäft: Ein Independent-Künstler, der es bis zu einem großen Filmdeal geschafft hat. Durchaus beachtlich für die damalige Zeit, selbst wenn Stevens bis auf einen eher moderaten Vorschuss und ein wenig mediale Aufmerksamkeit nicht viel von der Verfilmung hatte. Später sollte er einmal sagen, dass „Hellboy“-Erfinder Mike Mignola in der Hinsicht alles richtig gemacht habe, was er versäumt hatte: Mignola habe sich künstlerisch ständig entwickelt, aber auch eine positive Filmverwertung samt funktionierendem Lizenzgeschäft geschaffen.

Auch heute noch kann man sich „The Rocketeer“ trotz einiger technischer Mängel und der groß geschriebenen Disney-Familien-Tauglichkeit noch immer als angenehm werkgetreue Comic-Verfilmung ansehen. Und wer weiß? Vielleicht wird es irgendwann ja auch mal eine zeitgemäße DVD mit ordentlicher Bildqualität über VHS-Niveau geben, damit nicht nur das großartige Comic-Original endlich optimal präsentiert ist. In den USA wäre es anlässlich des 20-jährigen Jubiläums 2001 fast so weit gewesen: Stevens und Co. hatten bereits eine Doppel-DVDs mit Extras und herausgeschnittenen Szenen in Planung, als Disney am Ende doch wieder nur die normale Single Disc auf den Markt warf.

Nur eine weitere Enttäuschung für Stevens und den „Rocketeer“-Film, auf den Cliffs Schöpfer jedoch immer wohlwollend zurück blickte, wenn es um Inhalt und Spirit ging: „Wir haben etwas Charakterhintergrund im Schneideraum verloren, um Zeit zu sparen, doch der Ton des Films ist genau das, was ich [bereits] auf die Comicseiten projizieren wollte.“

Unendlicher Flug

Dave Stevens tauchte oft Monate lang ab, um dann plötzlich wieder vor der Tür seiner Freunde zu stehen. Hatte er an neuen Projekten gearbeitet? Andere Freunde in anderen Teilen des Landes oder der Welt besucht? Neue Liebschaften gepflegt? Niemand konnte es genau sagen, so wie wohl niemand je alle Facetten des Menschen Dave Stevens zu Gesicht bekam. Stevens war nicht nur ein Mann von künstlerischer Integrität – er war auch ein äußerst diskreter, privater Mensch, und ein echter Gentleman. Jemand, der es auch nicht an die große Glocke hing, dass er seine in die Jahre gekommene Muse Bettie Page zum Arzt oder zum Einlösen ihrer Sozialhilfechecks chauffierte und ihr außerdem dabei half, besser spät als nie ihr eigenes Lizenzgeschäft auf die Reihe zu bekommen.

Auf dem eigentlichen Höhepunkt seiner Karriere stürzte Stevens trotz der vielen Freunde, die ihm sein Leben bis dahin gebracht hatte, in Depression, sicherlich auch bedingt durch seine Erkrankung und den rapiden Fall des amerikanischen Comic-Marktes Ende der 1990er, als viele Projekte von ihm in der Entstehungsphase scheiterten oder – wie die letzten Kapitel von „Rocketeer“ bei Dark Horse – nicht so veröffentlicht worden waren, wie er sich das gewünscht hatte. Stevens glaubte überdies, zu weit von seinem eigentlichen Ziel fortgedriftet zu sein: Er hatte das Gefühl, die Zeit arbeite nur noch gegen ihn und er würde nur noch an den Projekten anderer arbeiten, anstatt seine eigenen Visionen als Künstler zu verfolgen. Er fürchtete, sein Potenzial nicht auszuschöpfen, und wollte sich trotz all seiner Erfolge und seiner Reputation neu erfinden. Also drückte er noch einmal die Schulbank und versuchte es mit der Ölmalerei. Sein Einkommen in dieser Zeit zwischen Chemotherapie und Kunsthochschule stammte nur noch aus Auftragsarbeiten für private Sammler, die schon einmal 10.000 oder mehr Dollar dafür hinlegten, dass Stevens ihnen ein großes, getuschtes Bild ihrer Lieblingsfigur zeichnete – von Comics zog er sich bis auf ein paar wenige Cover (seine letzte Arbeit sollte ein Cover zu Steve Niles’ und Thomas Janes „Bad Planet“ sein) ganz zurück – zu viele Enttäuschungen hatten ihm die Lust auf das Medium genommen, das ihm nach Erscheinen von „The Rocketeer“ kurzzeitig so herzlich in seiner Mitte aufgenommen und gepriesen hatte.

Bis zum letzten Tag voller Ideen

Die letzten Jahre seiner Karriere und seines Lebens gehörten ein paar selbst verlegten Skizzenbüchern und der üppigen Autobiografie „Brush With Passion“ – und der Hoffnung. Denn Stevens war auch nach der kräfteraubenden, langjährigen Therapie und noch am Tag vor seinem Tod im Krankenhaus frohen Mutes und sprach von den Projekten, die er bald fortsetzen oder angehen würde. Dennoch verlor Dave Stevens den langen Kampf gegen seine nahezu unheilbare Krankheit und verstarb am 10. März 2008 in Turlock, Kalifornien.

Dave Stevens plante immer neue „Rocketeer“-Abenteuer. Egal ob eine Story mit Michael Wm. Kaluta als Co-Autor, Layouter und Zeichner und Stevens als Inker oder ein Crossover mit dem Golden-Age-Superman, in dem auch Orson Welles’ berüchtigter Radiostreich um dem Krieg der Welten eine Rolle spielen sollte – Ideen gab es viele, doch verwirklicht wurden keine. Auf der Comic-Con in San Diego im Juli 2010 kündigte IDW jedoch eine Anthologie-Reihe mit neuen „Rocketeer“-Geschichten an. Und auch wenn das jetzt vielleicht etwas vermessen ist, erinnert das dann doch an den Respekt und die künstlerische Wertschätzung für Will Eisner und die eher vorsichtige kommerzielle wie künstlerische Wiederannäherung an Eisners Spirit vor ein paar Jahren.

So oder so: Dave Stevens und sein „Rocketeer“ werden niemals vergessen werden und immer in bester Erinnerung bleiben. Hoffentlich auch ein Stück weit wegen dieser ersten deutschen Gesamtausgabe, die genauso wie ihr US-Pendant mehr als nur überfällig war.

Dave Stevens: Rocketeer - alle Abenteuer in einem Band, Cross Cult, Hardcover, 160 Seiten, 29,80 Euro. Der Artikel von Christian Endres wurde für den redaktionellen Teil der Neuausgabe verfasst. Wir danken für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung. Mehr von unseren Autor Christian Endres kann man auf seinem Blog lesen.

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