Comic-Klassiker : Magisches Mittelalter

Eine liebevoll gemachte Gesamtausgabe von „Johann und Pfiffikus“ präsentiert die humorvolle Reihe von Schlümpfe-Schöpfer Peyo als zeitlosen Klassiker.

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Charmantes Kleinod: Eine Szene aus dem ersten Sammelband. Foto: toonfish
Charmantes Kleinod: Eine Szene aus dem ersten Sammelband.Foto: toonfish

Die „École Marcinelle“ war ein Versprechen, das leider nicht zur Gänze wahr wurde. Jijé („Jerry Spring“), Franquin („Spirou“), Morris („Lucky Luke“), Will („Harry und Platte“), Peyo und mit Abstrichen Tillieux („Jeff Jordan“) schrieben und zeichneten in diesem Vorort von Charleroi Comics für Kinder, die realistische und spannende Genregeschichten mit einem karikaturhaften Zeichenstil verknüpften. Kennzeichen all dieser Künstler war, dass sie zwar kindgerechte, aber keine infantilen Serien schufen. Am kindlichsten ist da sicherlich der Belgier Pierre Culliford, der sich selber Peyo nannte, mit seinen berühmten Schlümpfen.

Die Ursprungsserie der blauen Zwerge jedoch ist „Johann und Pfiffikus“, eine wunderbare und überaus komische Interpretation des europäischen Hochmittelalters. Johann ist der Page eines vollkommen vertrottelten Königs und erlebt spannende Kämpfe und Ritterturniere. Für den Humor ist sein Freund Pfiffikus zuständig, ein cholerischer Kobold, der auf einer ständig mies gelaunten Ziege reitet. Gerade mal 17 Alben und eine Handvoll Kurzgeschichten entstanden zwischen 1946 und 2001, nahezu jedes davon ein charmantes Kleinod.

Wer nun geglaubt hat, mit einer Kombination der bisherigen beiden deutschen Editionen, die 1979 und 1994 bei Carlsen erschienen sind, die Serie komplett zu haben, der sieht sich getäuscht: Als Faksimile-Seiten sind in dieser neuen, absolut vorbildlichen Gesamtausgabe die „Johann“-Strips und -Geschichten aus „Le Soir“ enthalten, in denen die Titelfigur noch blond ist. Und auch die albenlangen Storys aus „Spirou“ wurden um fehlende Seiten ergänzt.

Da spielt es gar keine Rolle, dass die Geschichten, die vor 1954 entstanden sind – also zwei Drittel dieses ersten Bandes – aus heutiger Sicht etwas sperrig und altbacken wirken. Das wird alles in kenntnisreichen Vor- und Nachworten wegerklärt. Von all den Gesamtausgaben, die gerade den Markt überschwemmen, ist dies eine der liebevollsten und besten: ein zeitloser Klassiker. Am 5. Februar erscheint der zweite Band der Reihe.

Peyo: Johann und Pfiffikus, Gesamtausgabe Band 1 – Der Page des Königs, aus dem Französischen von Max Murmel. toonfish/Splitter, 176 Seiten, 29,95 Euro, Leseprobe hier.

Weitere Tagesspiegel-Texte von unserem Autor, Zitty-Kulturredakteur Lutz Göllner, finden Sie hier.

 

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