Comic-Klassiker „Rork“ : Meister magischer Welten

In Frankreich ist er schon lange etabliert, in seiner alten Heimat Deutschland bislang nur ein Geheimtipp. Jetzt kann man den Zeichner Andreas neu entdecken - wie auch eines seiner großen Vorbilder.

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Durch Raum und Zeit: Eine Seite aus dem besprochenen Sammelband.
Durch Raum und Zeit: Eine Seite aus dem besprochenen Sammelband.Foto: Schreiber & Leser

Die geheimnisumwitterte Hauptfigur dieser Comicreihe hat ein scharfkantiges Profil, ist von kräftiger Statur und trägt trotz seiner jungen Züge schneeweißes langes Haar. Rork erscheint alterslos - ist er vielleicht unsterblich? Er gilt als Wanderer zwischen den Welten und hat nicht näher definierte übersinnliche Fähigkeiten...

Der Schöpfer dieser Figur - der 1951 in Weißenfels geborene Comiczeichner Andreas Martens, der sich als Künstler schlicht Andreas nennt - hat sich bereits früh entschieden, professionell Comics zu zeichnen und besuchte dafür eine der wenigen auf die „Bandes Déssinées“ (die französische Bezeichnung für Comics) spezialisierten Ausbildungsstätten der 1970er Jahre, das renommierte Brüsseler Institut Saint-Luc.

Andreas lebt seitdem in Frankreich und veröffentlichte dort regelmäßig verschiedene Comicserien, während er in Deutschland zu Unrecht ein Geheimtipp in der Comicszene geblieben ist. Nach ersten Veröffentlichungen war „Rork“ Andreas´ erste wichtige Serie, die er 1978 für die belgische Comiczeitschrift „Tintin“ konzipierte und später immer wieder aufgriff und weiterführte. Der nun vorliegende erste Band der zweibändigen Gesamtausgabe im Verlag Schreiber & Leser enthält neben den frühen Rork-Erzählungen ein ausführliches einleitendes Dossier mit vielen Zitaten des Zeichners, zum Teil bislang in Deutschland unveröffentlichte Geschichten und (durchweg wunderschön gestaltete) ganzseitige Illustrationen von Andreas, die meist die Hauptfigur in prägnanten Szenen darstellen.

Eine rätselhafte Welt mit eigenen Gesetzen

Bereits die erste Geschichte des Bandes zeigt Andreas auf dem Höhepunkt seines Könnens, zugleich ist sie die zuletzt gezeichnete (zwischen 2006 und 2011): „Geister“. Hier tritt Rork in seiner typischen Rolle als selbstloser Helfer einer Episodenfigur auf. Meist handelt es sich dabei um einen Freund, der ebenfalls magische Fähigkeiten hat, aber mit einem Problem konfrontiert wird, dem er hilflos ausgeliefert ist. In diesem Fall ist es Samuel, der die Gabe hat, mithilfe von Baumgeistern, die nur er sehen kann, verschwundene Personen aufzuspüren. Nun befürchtet Samuel, seine Gabe verloren zu haben und wird von einer obskuren Gestalt bedroht. Rork, der dank seiner Fähigkeiten neben der realen Welt auch andere Hemisphären besuchen kann, begleitet Samuel auf einer Reise, die ihm das eigentliche Geheimnis seiner Begabung erst bewusst machen wird.

Weltenwanderer: Rork in einer Seite aus dem besprochenen Band.
Weltenwanderer: Rork in einer Seite aus dem besprochenen Band.Foto: Schreiber & Leser

Virtuos erschafft Andreas eine rätselhafte Welt mit eigenen Gesetzen mittels eines sich ständig verändernden, oft spektakulär angelegten Seitenlayouts, das seine kontrastreichen, in Jugendstilmanier mit ornamentalen Details versehenen Schwarzweißzeichnungen immer wieder neu arrangiert und zu spannungsgeladenen Kompositionen verknüpft. Dabei können die Seiten in vertikal oder horizontal angeordneten Panels geradezu zerschnitten werden. Surreale Einfälle wie das Auftreten sogenannter „Störer“ – identische Klonwesen, die sich den Hauptfiguren scheinbar in den Weg stellen – und atemberaubende, bizarr verschlungene Landschaften münden in pure Phantastik, wenn die Geister sich schließlich zeigen, von denen jeder einzelne ein – im Wortsinne – ein wunderbares Wesen ist, das mit einer Fülle prächtiger oder unheimlicher, barocker Details ausgestattet ist.

„Ich lasse Dinge gerne in der Schwebe“

In den frühen Geschichten, etwa in der Erzählung „Fragmente“, ist noch der Einfluss des niederländischen „Trompe l´oeil“-Künstlers M. C. Eschers erkennbar. Dessen Scheinarchitekturen werden bei Andreas zu inhaltlich begründeten übersinnlichen Phänomenen. Immer wieder wird sein tiefes Interesse an Architektur erkennbar, die den Zeichner zu einer Vielzahl phantastischer Einfälle beflügelt: in einem Hochhaus fehlt ein Stockwerk, sodass die oberen Etagen zu schweben scheinen; ein altes Gemäuer lässt seinen Bewohner vorzeitig altern; mitten im südamerikanischen Dschungel eröffnet sich einer Gruppe von Forschern ein „Friedhof der Kathedralen“, eine verlassene Stadt, die nur aus gotischen Sakralbauten besteht.

Irrationale Kraft: Eine Seite aus Andreas' Erzählung „Passagen“, die in dem besprochenen Sammelband zu finden ist.
Irrationale Kraft: Eine Seite aus Andreas' Erzählung „Passagen“, die in dem besprochenen Sammelband zu finden ist.Foto: Schreiber & Leser

In manchen dieser Short Stories könnten Leser eine befriedigende Erklärung für die irrationalen Geschehnisse vermissen - Andreas hinterlässt zahlreiche offene Fragen, trumpft aber doch immer mit eindrucksvollen visuellen Ideen auf. Für den Erzähler Andreas ist die Verrätselung Programm: „Ich lasse Dinge gerne in der Schwebe, denn niemand kann alles wissen. Ich schließe ungern eine Geschichte ab. […] Wenn man am Ende angekommen ist, soll man gern noch mal von vorn anfangen.“ (Zitat aus dem Dossier des Buches).

Neben der grafischen Verwandtschaft zum Jugendstil verraten Andreas´ Zeichnungen eine Vorliebe für die aufwendige Illustrationskunst des 19. Jahrhunderts, erinnern etwa an Gustave Dorés Kupferstiche. Obwohl die Geschichten meist vage in der Gegenwart oder jüngeren Vergangenheit angesiedelt sind, wirkt das Setting  - im Dekor und in den Kostümen der Charaktere – oft viktorianisch, was die Comics geradezu als Gothic Novels in Comicform erscheinen lassen.

Vom Horror-Comic inspiriert

Das verbindet Andreas mit seinem direktesten Vorbild und Impulsgeber, dem 1948 geborenen Comiczeichner Bernie Wrightson. Der in den Sechziger und Siebziger Jahren durch seine für den Warren-Verlag gezeichneten Comics (auf deutsch veröffentlicht in der im vergangenen Sommer erschienenen „Creepy präsentiert Bernie Wrightson“-Ausgabe im Splitter Verlag) bekannt gewordene  amerikanische Zeichner orientierte sich ebenso am Illustrationsstil des 19. Jahrhunderts und beeindruckte vor allem durch seine stimmungsvollen schwarzweißen Horror-Storys.

Inspirationsquelle: Eine von Bernie Wrightson gezeichnete Seite von 1974.
Inspirationsquelle: Eine von Bernie Wrightson gezeichnete Seite von 1974.Foto: Splitter

So sind Andreas´ frühe Arbeiten noch stark von Wrightsons feiner Tuschetechnik und dessen freiem Umgang mit dem Seitenlayout beeinflusst, später löste er sich vom Vorbild und entwickelte einen eigenständigen expressiven Stil. Die flächig kolorierten älteren Rork-Geschichten erreichen nicht ganz die Ausdrucksstärke seiner Schwarzweißarbeiten, vereinzelt kann der gezielte Einsatz von Farben aber auch die irrationale Kraft der Storys unterstützen, wie etwa in der Erzählung „Passagen“, wo die Backstory Rorks erzählt wird, sein Heranwachsen und seine Initiation als Welten-Wanderer. Andreas gelingt es hier, auf mehreren bildgewaltigen Seiten den unscharfen Übergang von der irdischen Sphäre in eine kosmische zu erschaffen, die wie ein kunstvoller Mix aus Weltall und Unterwasserwelten erscheint.

So manche „Rork“-Geschichte erinnert (wie auch der bereits im vergangenen Jahr erschienene Band „Cromwell Stone“ von Andreas) an die düsteren Erzählwelten des amerikanischen Schriftstellers H. P. Lovecraft (1890-1937), der etwa im „Arkham“-Zyklus einen kosmischen Horror heraufbeschwört, der für Menschen unfassbar und verstörend wirkt.

Nicht jede Erzählung kann eine solche Qualität erreichen – und doch wird, dank der großen visuellen Phantasie von Andreas, die Neugier auf weitere Rork-Storys im noch ausstehenden Band 2 genährt. Es bleibt zu hoffen, dass dieser bedeutende deutsche Comickünstler durch die Neuausgaben seiner wichtigsten Werke wieder mehr Präsenz auf dem hiesigen Buchmarkt erhält und auch von einer jungen Lesergeneration entdeckt wird. 

Andreas: Rork Gesamtausgabe 1, Schreiber & Leser, 256 Seiten, Hardcover, 39,80 Euro
Bernie Wrightson – Creepy Gesamtausgabe, Splitter Verlag, 144 Seiten, Hardcover, 22,80 Euro

Unser Autor Ralph Trommer ist Dipl.-Animator, Autor von Fachartikeln über Comics, Prosatexten und Drehbüchern. Weitere Tagesspiegel-Artikel von ihm finden sich unter diesem Link.

Sammlerstücke: Die Cover der beiden im Text besprochenen Sammelbände.
Sammlerstücke: Die Cover der beiden im Text besprochenen Sammelbände.Foto: Schreiber & Leser / Splitter

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