Comic-Klassiker : Von Mäusen und Mördern

„Metamaus“: Art Spiegelmans faszinierende Bilanz seines Welterfolgs „Maus“ erscheint jetzt auch auf Deutsch. Eine Kölner Ausstellung und der Siegfried-Unseld-Preis würdigen sein Lebenswerk.

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Unter Rechtfertigungsdruck: Spiegelman in einem Selbstporträt aus dem Meta-Maus-Band.
Unter Rechtfertigungsdruck: Spiegelman in einem Selbstporträt aus dem Meta-Maus-Band.Foto: Promo

Ob er das, was er da mache, nicht selbst „geschmacklos“ finde, wurde Art Spiegelman in den späten achtziger Jahren mal barsch von einem deutschen Reporter gefragt. Die Holocaust-Erinnerungen seines Vaters als Comic zu verarbeiten – und dann auch noch mit Mäusen als Juden, Katzen als Deutschen und Schweinen als Polen…? „Nein“, antwortet Spiegelman seinem Gesprächspartner. „Ich denke, Auschwitz war geschmacklos.“ 

Dies ist eine der Episoden, die der heute 63-jährige Spiegelman erzählt, wenn er verdeutlichen will, wie schwierig es für viele Menschen war, sich auf sein Werk einzulassen. Der eingangs zitierte Dialog findet sich wieder in einer opulenten Rückschau auf sein Werk, das bis heute als Wegbereiter für ernsthafte, anspruchsvolle Comicerzählungen gilt.

„Das Unheil ist meine Muse“

„Metamaus“ heißt das Buch, das nach der Erstveröffentlichung vor knapp einem Jahr nun am 26. September im Fischer-Verlag auch auf Deutsch erscheint. Auf 300 Buchseiten sowie einer DVD mit unzähligen Skizzen, Notizen, Bildern, Tonaufzeichnungen und Filmen zieht Spiegelman Bilanz jenes Werkes, das ihn zu dem wohl bedeutendsten lebenden Comicautor der Gegenwart gemacht hat – das aber seitdem wir ein dunkler Schatten über ihm hing, weil es ihm jahrelang unmöglich zu machen schien, weitere Comics zu schaffen.

Bis die Anschläge des 11. September 2001 kamen, die der New Yorker aus nächster Nähe erlebte und die in ihm die kreative Kraft wieder freisetzten – „das Unheil ist meine Muse“, sagt er dazu. Wenngleich der daraus entstandene Schnellschuss „Im Schatten keiner Türme“ trotz einiger großartiger Passagen erzählerisch und zeichnerisch weit hinter „Maus“ zurückbleibt.

Meta-Comic: Neben Interviews und Dokumenten reflektiert Spiegelman seine Geschichte auch in Comicepisoden.
Meta-Comic: Neben Interviews und Dokumenten reflektiert Spiegelman seine Geschichte auch in Comicepisoden.Foto: Spiegelman

Im vergangenen Herbst war es 25 Jahre her, dass der erste Band von „Maus“ als Buch erschien, die Arbeit daran begann Spiegelman allerdings bereits Anfang der 1970er Jahre. Damals fing er an, seinen Vater in langen, per Tonband aufgezeichneten Gesprächen zu dessen Erfahrungen als Holocaust-Überlebender zu befragen. Das nach und nach erst in einzelnen Episoden und dann als Buch veröffentlichte Ergebnis ist eine einzigartige Auseinandersetzung nicht nur mit der Geschichte der Vernichtung der europäischen Juden, sondern auch mit der Frage, wie Überlebende und folgende Generationen damit umgehen.

Ein beklemmender Besuch in Ostdeutschland

Sich nach so langer Zeit erneut diesem Werk zu stellen, war für Spiegelman nicht einfach, wie er schreibt: „Maus hat mich zu dem gemacht, was ich bin und hat mich seitdem regelmäßig heimgesucht.“ Wieso er trotz aller Ambivalenzen nun erneut zu dem Thema zurückkehrt, begründet Spiegelman in einem gezeichneten Vorwort zu „Metamaus“. Bis heute wolle alle Welt von ihm immer und immer wieder Antworten auf die gleichen drei Fragen, lässt er sein mausgesichtiges Alter Ego sagen: „Warum Comics? Warum Mäuse? Warum der Holocaust?“

Aufgearbeitet: Etliche Skizzen machen Spiegelmans Arbeitsprozess nachvollziehbar.
Aufgearbeitet: Etliche Skizzen machen Spiegelmans Arbeitsprozess nachvollziehbar.Foto: Spiegelman

Spiegelman beantwortet diese Fragen primär in Form einer Reihe langer Interviews mit der Literaturprofessorin Hillary Chute, angereichert mit zahlreichen Illustrationen und Dokumenten aus seinem reichhaltigem Privatarchiv.

Der jetzt ins Deutsche übertragene Band, der zeitgleich zu einer umfangreichen Spiegelman-Ausstellung im Kölner Museum Ludwig erscheint, ist ein faszinierendes Zeitdokument für jeden, der sich für Comics oder die Aufarbeitung der NS-Geschichte interessiert. Und es ist dank der gewählten Interviewform eine größtenteils überraschend unterhaltsame Lektüre. Auch wegen Spiegelmans lebendiger Erzählweise und seines Galgenhumors. So kann man neben einer gezeichneten Episode von einem beklemmenden Besuch in Ostdeutschland 1992 die Dankesrede Spiegelmans nachlesen, die er 1990 beim Comicsalon Erlangen hielt, wo er einen Sonderpreis für „Maus“ hielt. Der Titel der Rede: „Lieber ein Sonderpreis als ein Sonderkommando.“

So schweigsam wie sein eigener Vater 

Berührend sind vor allem die persönlichen Einblicke in Spiegelmans Familiengeschichte, die durch die auf der beiliegenden DVD enthaltenen Interviewaufzeichnungen mit seinem Vater eine besondere Tiefe bekommen. Man erfährt, wie Spiegelman junior als Jugendlicher erst nach und nach davon hörte, was seine Eltern als Holocaust-Überlebende durchgemacht hatten, er schildert die lange Zeit gestörte Beziehung zwischen Sohn und Vater, die erst nach dem Selbstmord der Mutter und dem Beginn der Interviews langsam wieder zueinander fanden. Und er reflektiert die Unschärfen der Erinnerung, seiner eigenen wie der des Vaters.

Dazwischen finden sich immer wieder aufschlussreiche, oft unterhaltsame Dokumente zur Werkgeschichte, wie die gesammelten Ablehnungsbriefe von Verlagen, die sich später schwarz geärgert haben dürften, als „Maus“ mit einem Pulitzerpreis geehrt und ein internationaler Bestseller wurde. Dank der Weigerung des Autors wurde der nie verfilmt, auch wenn es viele Anfragen gab.

Vom Unheil verfolgt: Art Spiegelmans Selbstporträt auf dem Cover seines neuen Buches.
Vom Unheil verfolgt: Art Spiegelmans Selbstporträt auf dem Cover seines neuen Buches.Foto: Randomhouse

Es gibt etliche Skizzen zu sehen, die den Entstehungsprozess des Klassikers akribisch nachvollziehbar machen, auf der DVD kann man jede einzelne Seite in verschiedenen Arbeitsschritten betrachten – eine Fundgrube für Fans und Forscher. Aufschlussreich auch die Interviews mit Spiegelmans eigenen Kindern. Denen erzählte der Vater lange Zeit ähnlich wenig über die eigene Familiengeschichte wie einst sein Vater.

Daneben gibt es pointierte und erhellende Ausflüge in die Kulturgeschichte, mit denen Spiegelman begründet, wieso er die Maus als Metapher wählte, was er unter anderem auf die Bildsprache der Nazipropaganda, aber auch die Cartoons von Disney und Co. zurückführt. Und dass es unbedingt ein Comic sein muss, mit dem er seine Geschichte erzählt? Kein anderes  Medium könne die gleichzeitige Präsenz von Vergangenheit und Gegenwart so gut ausdrücken, findet Spiegelman.

Art Spiegelman: MetaMaus - Einblicke in Maus, ein moderner Klassiker, erscheint am 26. September im Fischer-Verlag, Übersetzung Andreas Heckmann, Lettering Andreas Michalke, Dirk Rehm, Dieter Kerl, 300 Seiten inkl. DVD, 34 Euro. Die Website des Verlages mit weiteren Informationen findet sich hier. Die Originalausgabe "MetaMaus - A Look Inside A Modern Classic" erschien im Herbst 2011 bei Pantheon/Viking, 300 Seiten, inkl. DVD, ca. 17-19 Euro

Ausstellung ab 22. September im Kölner Museum Ludwig: CO-MIX - Art Spiegelman: Eine Retrospektive von Comics, Zeichnungen und übrigem Gekritzel, bis 6. Januar 2013. Am Donnerstag, 20. September, findet um 19 Uhr im Kino im Museum Ludwig ein KunstBewusst-Gespräch mit Art Spiegelman und Andreas Platthaus unter dem Titel „What, me worry in Germany?" statt.

Termin-Hinweis: Im Juni wurde Art Spiegelman der renommierte Siegfried Unseld Preis der Siegfried Unseld Stiftung zugesprochen, der seit 2004 alle zwei Jahre an Schriftsteller und Wissenschaftler verliehen wird. Die Preisverleihung findet am 23. September 2012 im Kino Metropol in Berlin statt.

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