Comic-Kunstbuch „Reprobus“ : Ein unheimlicher Heiliger

„Reprobus“ von Markus Färber, kürzlich von der „Stiftung Buchkunst“ zu einem der 25 schönsten Bücher des Jahres gekürt, erzählt in faszinierenden Bildern eine düstere Parabel, in der sich christlicher Mythos, Märchen und Seelendrama treffen.

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Animalisch-menschliches Zwitterwesen: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.
Animalisch-menschliches Zwitterwesen: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.Foto: Rotopolpress

Schon das Cover lässt Düsteres befürchten. Ein werwolfähnliches Ungeheuer in einem Wald, das die Baumwipfel überragt und einen frisch gerissenen Hirsch unter seinen Klauen festhält. Sein Blick ist auf eine schwarze Gewitterwolke über ihm gerichtet, auf der „Reprobus“ geschrieben steht.

Für den 32jährigen Comic-Newcomer Markus Färber, in christlichem Umfeld in Oberfranken aufgewachsen, lag es nahe, bei der Themenwahl für seine Abschlussarbeit an der Kunsthochschule Kassel auf ein christliches Sujet zurückzugreifen. Doch er hätte es sich auch einfacher machen können, indem er sich an den populären Mythenkanon der Bibel gehalten hätte – für einen Comic ein bewährtes Erfolgsrezept, man denke nur an Ralf Königs Bibelparodien „Prototyp“ und „Archetyp“ oder Robert Crumbs Illustration der „Genesis“. Schließlich sind diese Geschichten wirklich jedermann bekannt.

Schutzgott der Seeleute und Autofahrer

Doch Färber zog es vor, den frühchristlichen Heiligen Christophorus aus dem Orkus des Vergessens hervorzuholen und zum Protagonisten seiner Graphic Novel auszuwählen, einen Missionar, der möglicherweise im dritten oder beginnenden vierten Jahrhundert nach Christus lebte, von dessen Legende aber sehr voneinander abweichende Versionen überliefert sind. Seine Herkunft als animalisch-menschliches Zwitterwesen Reprobus („der Schlechte“) deutet auf die Vermischung mit noch älteren, antiken Mythen hin, insbesondere den „Kynokephalen“, einem Riesen mit Hundskopf, der nach alt-griechischer Vorstellung zusammen mit anderen monströsen Wesen am Rande der Welt gelebt haben soll.

Vor allem im Mittelalter war Christophorus populär. Vielerorts galt er als Schutzgott, Bildnisse von ihm wurden vor Kirchen, Spitälern oder Häusern angebracht, um Unheil und Tod von außen abzuhalten. Noch heute ist er unter anderem Schutzgott der Seeleute und Autofahrer; sein Gedenktag ist der 25. Juli. Der römischen Westkirche passten allerdings die heidnisch-hündischen Anteile an der Legende nicht ins Programm, vor allem nach der Reformation, sodass viele Bildnisse, die ihn als hundsköpfigen Heiligen zeigten, vernichtet wurden, während sich diese Version im orthodoxen Osten, etwa auf Ikonen, weiterhin hielt. Heute ist er vor allem bekannt als menschlicher Riese mit Wanderstab, der (wie sein Name sagt) Christus auf seinen Schultern über einen Fluss trägt– gleichsam eine Allegorie für einen Missionar, der den christlichen Glauben verbreitet.

Der Kern der Legende, die Markus Färber erzählt, handelt vom hundsköpfigen, Menschen wie Tiere fressenden Riesen Reprobus, der den mächtigsten Herrscher auf Erden sucht, um seine Kräfte in dessen Dienst zu stellen. Er trifft auf den Kaiser und wird dessen Leibwächter, bis er feststellt, dass dieser eine noch größere Macht fürchtet – den Teufel. Daraufhin wird Reprobus des Teufels Hauptmann und zieht plündernd und mordend mit den „teuflischen Heerscharen“ durchs Land – bis er Zeuge wird, wie der Teufel vor einem einfachen Holzkreuz erzittert… Reprobus wendet sich auch von diesem Herrn ab, um das Rätsel der Macht des Kreuzes zu verstehen. Auf den Rat eines Eremiten hin hilft er fortan Menschen, einen Fluss zu überqueren, und trifft schließlich auf Christus, den er auf seinem Rücken über den Fluss trägt. Dabei spürt er die Last der Welt auf seinen Schultern und das Tier verwandelt sich in Christophorus.

Playmobilfiguren des Teufels

Markus Färber gibt diese Parabel um die Menschwerdung eines Monsters in kantigem, an Holzschnitte erinnerndem Strich wieder. Das Geschehen wird aus kühler Distanz betrachtet, mitleidlos werden grausame Kriegshandlungen, Plündereien und Orgien dargestellt - grotesk überzeichnet, als wüstes Gewimmel. Dabei lassen sich viele ironische Details und Bilderfindungen entdecken – etwa wurmförmige Lautmalereien, die sich aus dem Mund eines singenden Spielmanns und aus dessen Instrument herausschlängeln. Oder die spaßigen Soldaten des Teufels, die wie Playmobilfiguren aussehen.

Zwischen Mythen und Moderne: Das Buchcover von "Reprobus".
Zwischen Mythen und Moderne: Das Buchcover von "Reprobus".Foto: Rotopolpress

Doch Markus Färber belässt es nicht bei der Nacherzählung dieser Parabel und benutzt eine weitere Erzählebene, die die Chronologie immer wieder aufbricht. Diese Ebene ist rätselhafter und führt zunächst in eine märchenhafte, paradiesisch anmutende Natur-Welt voller fantastischer Wesen wie Reprobus, in der keine Menschen existieren. Der Fluss, über den Reprobus den kindlich-weisen Christus trägt, führt wiederum in die Welt der Menschen, die alte Mythen-Welt scheint zu versinken und in Vergessenheit zu geraten. Auch stilistisch unterscheidet sich dieser Erzählstrang von der linienbetont gezeichneten Parabel: hier ist alles mit Acrylfarben gemalt, dadurch stimmungsvoller, fantastischer, trotzdem kunstvoll stilisiert und reduziert auf sehr differenzierte Weiß-, Grau- und Schwarztöne.

Ausführlich wird vor allem der Seelenzustand des Reprobus nach seiner Verwandlung in Christophorus in psychologisch eindringliche Bilder gefasst. Eine Sinn-Krise scheint das eher unfreiwillig in einen Menschen transformierte Wesen heimzusuchen, das seine neue Bestimmung erst noch finden muss. Diese Passagen wirken wie ein Traum, der in Reprobus wehmütige Erinnerungen an die Zeit weckt, in der er im Einklang mit der Natur lebte.

Jede Seite des Buches wird individuell in Bilder aufgelöst - mal füllt ein Panel eine ganze Doppelseite aus, mal werden kreisrunde Ausschnitte in ein großes Panel integriert; Details werden wie durch ein Makroobjektiv fokussiert und mit Bedeutung aufgeladen; von Bild zu Bild finden oft Metamorphosen statt wie im Animationsfilm. Dieser visuelle Einfallsreichtum ist an keiner Stelle Selbstzweck und ordnet sich immer der Geschichte unter.

Markus Färber ist Schüler des in Kassel lehrenden Comickünstlers Hendrik Dorgathen und bezeichnet insbesondere den französischen „Alpträumer“ David B. als eine Inspirationsquelle. Robert Crumbs brillant-zurückhaltende „Genesis“-Adaption soll seinen Entschluss gefestigt haben, dieses Buch zu machen. Die malerischen Elemente und Metamorphosen erinnern aber auch an den italienischen Comickünstler Lorenzo Mattotti. Die Holzschnitt-Ästhetik wie auch die Stilisierung der Figuren im Parabelteil verweisen wiederum auf Färbers langjährige Erfahrung mit Drucktechniken und, nicht zuletzt, sein intensives Studium mittelalterlicher Buchillustrationen und Altarbilder.

Christliche Botschaft voller Zweifel

Markus Färbers Adaption der Legende zeichnet sich nicht allein durch die faszinierende grafische Umsetzung aus, die ihn in die erste Reihe der deutschen Comickünstler katapultiert. Sie überzeugt ebenso als moderne, mutige Annäherung an einen von Vergessenheit bedrohten Mythos, die den Leser durch ihre offene Erzählstruktur zu eigenen Interpretationen anregt. In Jesus´ Sprechblasen wird zwar auch auf die christliche Botschaft verwiesen, ein Zweifel schwingt dabei aber immer mit - Christus ist eine befremdliche, schmächtige Figur in T-Shirt und kurzer Hose, dessen Nimbus mit seinem kahlen Kopf verwachsen ist und ein wenig auch an Beelzebub-Hörner erinnert.

Als die beiden ungleichen Heiligen gegen Ende der Geschichte die Großstadt betreten, um den Menschen den Glauben zurückzugeben, betreten sie ein abweisendes, düsteres Häuser-Labyrinth und drohen selbst, im Gewirr verloren zu gehen. Hier gelingt Färber ein eindrucksvoller Spagat - vom Mittelalter in die Moderne, vom Reich der Mythen in eine Gesellschaft der Anonymität. Ohne Worte, in expressionistischer Stummfilmästhetik.

Zu Recht wurde „Reprobus“ von der „Stiftung Buchkunst“ als eines der 25 schönsten Bücher des Jahres 2013 ausgezeichnet (in der Kategorie Allgemeine Literatur). Die sorgfältige Herstellung des Buches (auf bestem Papier, in Fadenheftung) im engagierten Kasseler Independent-Verlag rotopolpress hat daran einen nicht zu unterschätzenden Anteil.

Markus Färber: Reprobus, mit einem Nachwort der Kunstwissenschaftlerin Cordula Patzig, rotopolpress, 96 Seiten, 22 Euro. Mehr über die Auszeichnug der Stiftung Buchkunst unter diesem Link. Mehr über das aktuelle Programm des Independent-Verlages rotopolpress gibt es hier, den Katalog gibt es hier.

Unser Autor Ralph Trommer ist Dipl.-Animator, Autor von Fachartikeln über Comics, Prosatexten und Drehbüchern. Weiter Tagesspiegel-Artikel von ihm unter diesem Link.

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