Comic-Liebeserklärung : Seht, wie niedlich sie war!

Der zweite von Bastien Vivès auf Deutsch erschienene Band „In meinen Augen“ leidet an seinem starren Konzept. Man muss von der verliebten Perspektive absehen, um technische Details bewundern zu können.

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Radikal subjektiv: Eine Szene aus dem besprochenen Band.
Radikal subjektiv: Eine Szene aus dem besprochenen Band.Illustration: Vivès/Reprodukt

Nach einem so sensationellen Band wie „Der Geschmack von Chlor“ (Tagesspiegel-Rezension hier) können die Erwartungen an den folgenden nur erdrückend wirken – vor allem, wenn dessen Eindruck zudem noch sehr frisch ist. Die Gefahr, enttäuscht zu werden, liegt umso näher, weil die Voraussetzungen denen des Vorgängers ähneln: Wieder zeigt Bastien Vivès die Anziehung, die von der Anmut der Gesten und Bewegungen einer Frau ausgeht, wieder ersetzen Andeutungen eine fertige Geschichte.

Wie der Titel „In meinen Augen“ bereits erahnen lässt, geht Vivès nun einen Schritt weiter und zeigt eine unglückliche Liebesgeschichte aus der Perspektive des Verliebten – in episodischen Erinnerungsfetzen, die die Erscheinung der Frau beschwören, aber auch die Orte, mit denen sie verbunden ist: die U-Bahn und die Flure auf dem Weg zu ihr, ihr Zimmer, das Kino, in dem sich beide zum ersten Mal küssen.

Die Optik eines Verliebten

Die amouröse Faszination geht hier in eine andere Richtung. Die Frau in „Der Geschmack von Chlor“ berückte den Protagonisten eine Schwimmerin durch ihre Selbstsicherheit in dem ihm so fremden Element. Ihrer Körperbeherrschung steht in dem aktuellen Comic ein Mädchen gegenüber, das die Dinge laufen und sich leicht von ihnen ablenken lässt. Sie erscheint als Klischee von Natürlichkeit: von ihrem Literaturstudium angeödet, liest sie am liebsten ein Kinderbuch und bricht beim Anblick eines eingesperrten Affen in Tränen aus. Wenn man nicht von der Niedlichkeitsnummer dieser rothaarigen Sophie Marceau eingefangen wird, nervt sie nicht unbeträchtlich.

Allerdings fängt kaum jemand wie Bastien Vivès in einer so sinnlichen Weise den Reiz von Bewegungen ein. Wenn der subjektive Blick sich ganz darin vertieft, wie sie auf einer Party tanzt, sind diese wenigen Seiten rhythmischer als die allermeisten Comics, die Musik und Rhythmus visualisieren wollen. Nur fehlt diese Dimension in den meisten Bildern, so dass das Konzept ziemlich rasch ermüdet. So ist es eben, wenn man seinen Guckschatz verliebt angafft: Man sieht etwas, das anderen verborgen bleibt. Am schönsten zeigen das die gruseligen Küsse, die sie ihm gibt. Der aufregendste Moment einer Liebesgeschichte ist hier von einer Goldfischglas-Optik verzerrt, bei der einem unwillkürlich Trashgruseltitel in den Sinn kommen: Augensaugende Französinnen ohne Gefühl und Verstand.

Konturen einer eigenen Wirklichkeit

Die radikal subjektive Perspektive nimmt dem Leser den Blick für die Beziehung zwischen den beiden, die vielleicht erklären würde, warum sie in den Augen des Verliebten so leuchtet. So fällt es schwer, sich auf Vivès‘ Spiel mit der Kontur zu konzentrieren und die Grillen des Liebesobjekts geflissentlich zu übersehen. Er zeichnet die Orte und Menschen mit knalligen Wachs- und Buntstiften, ohne sie schwarz zu umranden. Das bleibt dem Mädchen und wenigen Dingen in ihrer unmittelbaren Umgebung vorbehalten. Je nachdem, was sie gerade tut oder wohin sie schaut, verschwinden ihre Umrisslinien und tauchen wieder auf. Dadurch gewinnt sie eine ganz eigene Präsenz und Realität.

Zum Schluss verpasst Bastien Vivès dieser Präsenz eine gallige Note. Nach einer Liebesnacht, in der ihr Körper diffus aus dem Blau der Dunkelheit hervorstrahlt, kehren ihre Konturen zurück, als sie ihn verlassen will: Nach dem Rausch, in dem sich alles auflöst, folgt die Realität des Abschieds. Wir sahen durch die Augen eines Liebeskranken, der den zweifelhaften Zauber einer hübschen Nervensäge zu bannen versucht – ein sprödes Unterfangen.

Bastien Vivès: In meinen Augen, Reprodukt, aus dem Französischen von Kai Wilksen, Handlettering von Dirk Rehm, 136 Seiten, 18 Euro, Leseprobe unter diesem Link. Kürzlich beantwortete Bastien Vivès den Tagesspiegel-Comicfragebogen - seine Antworten stehen hier.

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