Comic-Magazin : „Wir werden dem eigenen Anspruch nicht mehr gerecht“

Die Comic-Anthologie „Orang“ hat sich in den vergangenen zehn Jahren zu einem der herausragenden Foren für anspruchsvolle gezeichnete Kurzgeschichten entwickelt. Jetzt ist die letzte Ausgabe erschienen. Herausgeber Sascha Hommer erklärt, wieso das Projekt eingestellt wird.

Schwermetall: Eine Szene aus Sascha Hommers Beitrag im aktuellen Band.
Schwermetall: Eine Szene aus Sascha Hommers Beitrag im aktuellen Band.Foto: Orang

Der Zeichner und Autor Sascha Hommer, der sich inzwischen mit zahlreichen Buchveröffentlichungen wie „Insekt“, „Vier Augen“ und der Serie „Im Museum“ einen Namen als Schöpfer anspruchvoller Comicerzählungen gemacht hat, gründete das Magazin „Orang“ 2003 als Experimentierfeld für studentischen Avantgarde-Comics. Ab der dritten Ausgabe gehörten Arne Bellstorf, Verena Braun, Line Hoven, Klaas Neumann und Till Thomas mit zur Redaktion. In wechselnden Personenkonstellationen veröffentlichten sie insgesamt zehn Ausgaben zu wechselnden Themenschwerpunkten, deren jüngste mit dem Titel „Heavy Metal“ (172 Seiten, 18 Euro, mit Comics von Anke Feuchtenberger, Aisha Franz, Sascha Hommer, Marijpol, Till Thomas und anderen) jetzt erschienen ist und u.a. über den Reprodukt-Vetrieb erhältlich ist.

Im Laufe der Jahre hat sich das Magazin zu einem Forum für gut erzählte und zugleich künstlerisch anspruchsvolle Avantgarde-Comic-Storys entwickelt, rund 70 Künstlerinnen und Künstler präsentierten ihre Arbeiten in „Orang“, darunter auch viele ausländische Zeichner, deren Arbeiten erst dadurch einem deutschen Publikum bekannt wurden. Im Tagesspiegel-Interview erklärt Sascha Hommer, wieso das Projekt jetzt trotz der anhaltenden positiven Resonanz eingestellt wird. Die Fragen stellte Lars von Törne per E-Mail.

Wieso hörst Du bzw. hört Ihr auf?

Prominente Unterstützung: Anke Feuchtenberger hat immer wieder Beiträge geliefert, hier eine Szene aus dem aktuellen Band.
Prominente Unterstützung: Anke Feuchtenberger hat immer wieder Beiträge geliefert, hier eine Szene aus dem aktuellen Band.Foto: Orang


Die Zeitspanne zwischen dem Erscheinen der einzelnen Ausgaben ist jüngst immer länger geworden, zwischen der letzten Ausgabe und der jetzt vorliegenden sind zwei Jahre verstrichen. Das finde ich eigentlich zu lange, aber in der Praxis ist es im Gegensatz zu den früheren Ausgaben leider nicht anders möglich. Zudem hat sich „Orang“ immer als ein Projekt verstanden, das neue Ästhetiken und Positionen aufgreift, die kein anderes Forum auf dem deutschsprachigen Markt haben. Über diese Ästhetiken und ZeichnerInnen sind wir früher quasi automatisch gestolpert, sei es im studentischen Umfeld in Hamburg oder auf Festivals. Mittlerweile müssen wir schon ein wenig auf die Suche gehen, und das würde sich im Laufe der nächsten Jahre gewiss noch verschärfen. Zudem hat sich der Personenkreis, den man einmal als Redaktion bezeichnen konnte, durch Umzug oder andere Projekte zerstreut. Meine Erfahrung ist aber, dass Projekte dieser Art umso besser werden, umso mehr Arbeit man als Herausgeber investiert. Das beinhaltet nicht nur die ordentliche Betreuung der Herstellung, sondern vor allen Dingen einen steten Dialog mit den beteiligten KünstlerInnen. Kurz gesagt können wir dem eigenen Anspruch nicht mehr ganz gerecht werden. Das schließt auch das Bedürfnis ein, mit jeder Ausgabe wieder neues Terrain zu betreten. Ein Magazin, das sich auf ein bestimmtes Spektrum einpendelt und mit den Jahren selbstverständlicher Teil des Betriebs wird, wollten wir nicht anstreben.

Was war das Ziel von „Orang“, und wieweit habt Ihr es erreicht?


Ganz am Anfang war die Idee lediglich, für einige StudentInnen des Hamburger Umfelds eine Publikationsplattform einzurichten, damals habe ich das Projekt noch alleine geleitet. Mit der dritten Ausgabe waren dann alle ZeichnerInnen beisammen, die die Ausrichtung des Magazins auch für die Folgejahre prägen sollten, und durch ihren Einfluss entwickelte sich eine Art von ästhetischem Programm. Zudem wurde damals deutlich, dass wir auf Unterstützung von Anke Feuchtenberger rechnen können. Für die kommenden Ausgaben galten dann jeweils unterschiedliche Ziele: Ausgabe vier war die erste Publikation im Offset-Druck, Ausgabe fünf beinhaltete die ersten internationalen Gäste. Zu diesem Zeitpunkt bekamen wir auch positives Feedback aus der Comicszene und hatten den Eindruck, mit unseren hohen Ansprüchen, was Herstellung und inhaltliche Ausarbeitung angeht, etwas bewegen zu können. Mit der sechsten Ausgabe waren wir zum ersten Mal unter dem Dach von Reprodukt, und versuchten im Folgenden einfach, ein möglichst hohes Niveau zu halten, vor allem auch, was die internationalen Gäste anbelangt. International waren zeitgleich mit unserem Projekt aber eine Vielzahl von sehr schön gemachten neuen Anthologien aufgetaucht, so dass in diesem Kontext „Orang“ dann wieder austauschbar schien. Mit der neunten Ausgabe wollten wir daher nochmals die rapide gestiegene Anzahl junger, in Deutschland lebender ZeichnerInnen in einem Kompendium sammeln, im übrigen mehrheitlich Frauen. Mit der jetzt vorliegenden zehnten Ausgabe möchten wir der Reihe einen würdigen Abschluss bereiten, mit vielen Arbeiten von regelmäßigen BeiträgerInnen, aber auch einigen Überraschungen.

Traumwelten: Eine Szene der Zeichnerin Moki aus dem achten Band.
Traumwelten: Eine Szene der Zeichnerin Moki aus dem achten Band.Foto: Orang

Aber zurück zur Frage nach den Zielen. Ich würde sagen, es gab ab etwa 2004 verschiedene Vorhaben, und zwei davon haben wir eingelöst. Das erste Vorhaben, sich selbst beizubringen, wie man eine Anthologie macht, und auf dem Weg dahin interessantes Material zu veröffentlichen, das haben wir ohne Zweifel bewältigt. Das zweite Vorhaben, durch die Publikation von noch eher unbekannten KünstlerInnen den Verlagen einen Katalog für mögliche Buchprojekte an die Hand zu geben, hat sich zumindest in einigen Fällen eingelöst. Das dritte Vorhaben, zu beweisen, dass die wachsende deutschsprachige Zeichnerszene auch im direkten Vergleich mit internationalem Material bestehen kann, hat dagegen in den Lizenzverkäufen der deutschen Verlage einen sichtbareren und nachhaltigeren Niederschlag gefunden als in unserem Magazin. Das vierte und zugegebenermaßen hoffnungslose Unterfangen schließlich, der deutschen Leserschaft zu einem erträglichen Geschmacksurteil zu verhelfen, konnten wir nicht bewältigen.

Wo kann man künftig neue Kurzgeschichten von Künstler/innen wie denen finden, denen „Orang“ in den vergangenen Jahren ein Forum bot, von Anke Feuchtenberger, Arne Bellstorf und Dir bis hin zu teilweise in Deutschland noch weitgehend unbekannten Zeichnerinnen und Zeichnern?

Leistungsschau des deutschen Comic-Nachwuchses: Eine Szene von Aisha Franz aus "Orang" Nummer 9.
Leistungsschau des deutschen Comic-Nachwuchses: Eine Szene von Aisha Franz aus "Orang" Nummer 9.Foto: Orang


Unser Wunsch ist, dass die Leerstelle, die „Orang“ hinterlässt, von anderen Projekten gefüllt wird. Interessante KünstlerInnen gibt es in Deutschland heute deutlich mehr als noch vor einigen Jahren, so dass Projekten dieser Art nichts im Wege stehen sollte. In letzter Zeit zeichnet sich auch ab, dass die deutschen Verlage mehr und mehr junge ZeichnerInnen mit Buchprojekten verlegen, die noch vor einiger Zeit keine Chance gehabt hätten. Neben der seit Jahren fortlaufenden Arbeit von Reprodukt hat auch der avant-verlag nun einige wichtige Publikationen in dieser Richtung veröffentlicht, und Labels wie Rotopol oder Mami Verlag legen mit einem vielseitigen Programm nach.

Welche neuen Projekte verfolgst Du nach der Herausgeberschaft von „Orang“?
Ein direktes Folgeprojekt ist im Moment nicht geplant. Seit einigen Jahren bin ich aber zusammen mit Kollegen und Freunden für die Planung des Comicfestivals in Hamburg verantwortlich, und letztes Jahr hat unser Festival eine vielversprechende Entwicklung genommen. Desweiteren möchte ich mich etwas mehr auf meine eigene Arbeit als Comiczeichner konzentrieren.

Finale: Das Cover der zehnten und letzten "Orang"-Ausgabe, gezeichnet von Sascha Hommer.
Finale: Das Cover der zehnten und letzten "Orang"-Ausgabe, gezeichnet von Sascha Hommer.Foto: Orang

Welche letzten Worte gibst Du dem Projekt mit auf den Weg?
Ohne die Hilfe und Freundschaft der Redaktion sowie von engagierten ZeichnerInnen wie Anke Feuchtenberger, moki oder Kati Rickenbach wäre ein Projekt wie „Orang“ sinnlos gewesen. Dass ich die Verantwortung als Herausgeber so lange für mich beanspruchen durfte, empfinde ich als hohe Anerkennung.

Die „Orang“-Website findet sich hier: www.orang-magazin.net.
Die aktuelle Ausgabe sowie einige ältere gibt es u. a. bei Reprodukt.
Mehr von und über Sascha Hommer gibt es auf seiner Website saschahommer.blogspot.ca.

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