Comic-Musical : Mach das Licht endlich an, Spinnenmann!

Spider-Man singt im Spandexkostüm: Wie eine Comic-Ikone am Broadway zum Musicalhelden geschrumpft wird.

Thomas Greven
Nachkommen. Die Spider-Man-Figur aus dem berühmten Comic hat jeder im Kopf – den Musicaldarstellern wird diese Karriere kaum gelingen. Foto: AFP
Nachkommen. Die Spider-Man-Figur aus dem berühmten Comic hat jeder im Kopf – den Musicaldarstellern wird diese Karriere kaum...Foto: AFP

An diesem Dienstag soll Spider-Man nun endlich am Broadway seine Musicalpremiere feiern, nachdem sie mehrfach verschoben wurde und sich die teure Musicalproduktion „Turn off the dark“ seit Monaten mit Voraufführungen über Wasser hält. Ist noch jemand gespannt? Der Hype um die musikalische Beteiligung von U2s Sänger Bono und Gitarristen The Edge ist Vergangenheit. Und über Pannen und Unfälle, den Regisseurwechsel wegen künstlerischer Differenzen sowie jede Menge Streit über das immer wieder überzogene Budget wurde schon viel berichtet.

Vielleicht sind die Zuschauer aber auch gerade gespannt darauf, ob bei den artistischen Flugeinlagen wieder jemand abstürzt. Bei den letzten Voraufführungen in dieser Woche jedenfalls war das erst vor wenigen Jahren aufwendig restaurierte Foxwoods-Theater nahezu ausverkauft; allerdings sollen nur wenige Zuschauer tatsächlich den vollen Preis von bis zu 300 Dollar bezahlt haben. Und während die Kritiker weiter maulen, ist das Publikum nach zwei Stunden singendem Spider-Man zufrieden – trotz oder wegen inzwischen pannenfreier Performance. Mit hoher Kunst rechnet wohl niemand, wenn die Männer in den Spandexkostümen loslegen, aber solide Unterhaltung kann man schon erwarten. Denn zum Glück macht es ja nichts, wenn eine stringente Dramaturgie nicht recht zu erkennen ist, sondern der Eindruck einer zwischen Zirkusartistik, Drama, Romanze und sanft ironisierender Komödie changierenden Nummernrevue entsteht. Die wartet dazu noch mit merkwürdigen Anachronismen insbesondere bei Kleidung und Technologie auf. Und sie ist angereichert mit an griechische Mythen angelehnte Passagen.

Jeder kennt doch ohnehin die Saga um den durch einen Laborunfall mit Spinnenkräften ausgestatteten Verbrecherjäger Peter Parker. Sein nicht zufällig in den US-Farben blau und rot gehaltenes Spinnenkostüm und sein Leitspruch sind zur Ikone geworden: „With great power comes great responsibility“ – deutsch etwas holprig meist als „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“ übersetzt. Fast jeder hat dazu auch noch die Filmbilder im Kopf, vor allem die Spezialeffekte aus der Trickkiste Hollywoods. Was macht es da schon, wenn man im Theater die Seile und Helfer sieht, die Spider-Man und sein erwartungsgemäß bis zum Klamauk überzeichneter Widersacher Green Goblin brauchen, um über dem Publikum zu schweben? Auch wenn man sich an einigen Stellen schon wundert, wie billig so viel Geld (geschätzt werden über 70 Millionen Dollar) aussehen kann. Scharfe Zungen sprechen von einem „Cirque de Soleil für Arme“. Was Monty Python wohl mit dem Stoff und dem Budget angestellt hätten? Ein wenig mehr Mut zur Groteske hätte man sich angesichts der Unmöglichkeit einer naturalistischen Herangehensweise schon gewünscht. Witzig ist immerhin der Versuch des Green Goblin, gegen die automatischen Ansagen der Telefonanlage der Tageszeitung seine Drohung loszuwerden.

Die mit hohen Erwartungen verbundene Musik der U2- Helden, die sich auffällig von der Produktion fernhalten, krawummt recht ordentlich. Aber ohne Bonos Stimme und Edges berühmten Effektgeräteturm klingt es meist, als ob eine (allerdings sehr gute) U2-Coverband die Musical-typischen Phrasen routiniert abspult – nichts bleibt wirklich im Ohr.

Für Freunde der Comic-Kunst und New-York-Besucher empfiehlt sich bis zum 1. Juli mehr als das Musical der Besuch des Festivals für „Comic Book Theater“ im hippen Brooklyn-Williamsburg.

Spidey kann bis dahin ruhig warten. Denn eine Weile wird er sich am Broadway auch mit seinen Spinnenfäden aus Papier schon halten. Die Generalproben sind ordentlich schief gegangen, da wird die Premiere schon klappen.

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