Comic-Reportage „Im Schatten des Krieges“ : Mit einem Ex-Marine in den Irak

Comic-Autorin Sarah Glidden hat sich mit einem Reporter-Team in Krisenregionen des Nahen Ostens begeben. Das Ergebnis ist lesenswert - trotz einiger Schwächen.

von
Story im Kopf: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Story im Kopf: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Reprodukt

Die US-Zeichnerin Sarah Glidden („Israel verstehen - in 60 Tagen oder weniger“) kann einem leid tun: Jahrelang arbeitet sie an einer aufwändigen Comic-Reportage über Syrien, den Irak und die Türkei und wird dabei völlig von den Ereignissen in den drei Ländern überrollt. 2010 war sie zusammen mit einem kleinen Team unabhängiger Journalisten im Nahen Osten unterwegs, kurz vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien. Nun, sechs Jahre später, ist ihr Comic „Im Schatten des Krieges“ erschienen. Zu einer Zeit, in der wir täglich neue Nachrichten über den Verlauf des Krieges in Syrien, die Gräueltaten des IS im Irak und dem Umbau der Türkei zu einer Diktatur erhalten, ist es merkwürdig, über all diese Länder zu lesen, in denen es vor sechs Jahren noch relativ ruhig war. 

 Schade ist dies vor allem, weil die vielen Themen und Schicksale, die Glidden in ihrem Comic verarbeitet, dadurch nicht unwichtiger geworden sind: Spannend etwa ist, wie unterschiedlich die Iraker und Kurden, denen Glidden begegnet, den Irak-Krieg für sich bewerten, oder dass Syrien einen Großteil der irakischen Flüchtlinge aufgenommen hat, die durch die US-amerikanische Invasion aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Eine besonders bittere Erkenntnis, wenn man bedenkt, wie wenig syrische Flüchtlinge die USA heute aufnehmen. Bitter auch die Schilderungen, dass viele der Städte, die heute in Trümmern liegen, früher kaum weniger modern waren als westliche Städte. 

Journalistische Grundsätze vs. Beziehung

 Glidden geht es jedoch nicht voranging um Aktualität. Ausgangspunkt ihres Projektes war die Frage, wie Journalismus funktioniert und wie Journalisten in Krisengebieten wie dem Irak arbeiten. Sie selbst ist nur stille Beobachterin, die eigentliche „Hauptfigur“ ist ihre Freundin Sarah Stuteville, Kopf des unabhängigen Reporter-Teams „The Seattle Globalist“, das sie auf eine Reise in den Nahen Osten begleitet.   

So ist Glidden immer dabei, wenn ihre Kollegen sich mit Kontakt-Personen treffen, Gespräche vereinbaren oder über die Konzeption der Artikel brüten. Dies offenbart einige nette Details, etwa dass nach jedem Audio-Interview noch 30 Sekunden stiller Raumklang aufgenommen wird, um spätere Schnitte damit zu unterlegen.

Einblick in die Arbeit westlicher Journalisten im Nahen Osten: Eine Seite aus dem besprochenen Band.
Einblick in die Arbeit westlicher Journalisten im Nahen Osten: Eine Seite aus dem besprochenen Band.Foto: Reprodukt

Insgesamt stellt man fest, dass ein Reporter im Irak eben auch nicht viel anders macht, als ein Reporter in Seattle. Spannender sind die Diskussionen um journalistische Grundsätze, etwa, ob man Flüchtlingen, die man interviewt, helfen oder sich neutral verhalten soll oder dass man nie schon eine Story im Kopf haben sollte, bevor man beginnt, sie zu recherchieren. 

Gerade vor letzterem Punkt ist Stuteville nicht immer gefeit, insbesondere was ihren Begleiter Dan angeht: Dieser ist ein alter Jugend-Freund, der ebenfalls mit der Globalist-Crew reist, und früher als amerikanischer Soldat im Irak-Krieg gekämpft war, obwohl er gegen die Invasion war. Stuteville möchte eine Story über seine Eindrücke als Ex-Marine im Irak schreiben, doch ihre Vorstellungen und ihre journalistischen Grundsätze kollidieren immer wieder mit ihrer persönlichen Verbundenheit zu Dan.

 Mehr Selektion statt Dokumentation hätte gut getan

 Eine weitere widersprüchliche Figur ist Sam Malkandi, der einst als irakischer Flüchtling in die USA gekommen war, dann aber ausgewiesen wurde, weil er Kontakt zu den Terroristen der Anschläge vom 11. September 2001 gehabt haben soll. Stuteville und das restliche Team schwankt zwischen den Anschuldigungen, die Sam gemacht werden, und ihrer Sympathie für den heimatlosen Familienvater, der seine Unschuld beteuert.

 All das macht „Im Schatten des Krieges“ trotz der lange zurückliegenden Zeit überaus lesenswert und regt zu weiterer Recherche an.

Stille Beobachterin: Sarah Glidden (rechts) auf dem Cover ihres Buches.
Stille Beobachterin: Sarah Glidden (rechts) auf dem Cover ihres Buches.Foto: Reprodukt

Leider weist der Comic aber auch einiges an Redundanz auf, obwohl er sich durchaus flüssig liest: Gliddens Anspruch auf journalistische Wahrhaftigkeit hat sie daran gehindert, stärker zu selektieren und zu verdichten, stattdessen berichtet sie oft minutiös von eher zweitrangigen Details.

Auch dem inhaltlichen Konzept hätte ein stärkerer Fokus gut getan; Glidden kann sich nie ganz entscheiden, ob sie vor allem über die Funktionsweise von Journalismus, die Schicksale der interviewten Menschen, oder die komplizierte Beziehung zwischen Dan und Sarah Stuteville schreiben möchte. Alles wird angerissen, aber nie mit wirklicher Tiefe ausdiskutiert.

 So bleibt am Ende ein spannender aber kein zwingender Einblick in die Arbeit westlicher Journalisten im Nahen Osten, der nebenbei auch viel über das Hadern amerikanischer Intellektueller mit den Folgen des Irak-Krieges und ihre Frage nach Verantwortung verrät.

 Sarah Glidden: Im Schatten des Krieges, Reprodukt, 304 Seiten, aus dem Englischen von Ulrich Pröfrock, Lettering: Minou Zaribaf, 29 Euro

Weitere Tagesspiegel-Artikel unseres Autors Erik Wenk finden Sie hier, zu seinem Blog Elfenbeinbungalow geht es hier.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben