Comic-Reportagen : Journalisten mit Zeichenblock

Was können Comic-Reportagen leisten - und wo sind die Grenzen dieses Genres? Der Politikwissenschaftler Thomas Greven stellt ausgewählte Arbeiten mit ihren Stärken und Schwächen vor.

Thomas Greven
„Krieg der Fliegen“ - Szenen aus der Comic-Reportage von Pedro Lima, Philippe Psaïla und Jean-Paul Krassinsky.
„Krieg der Fliegen“ - Szenen aus der Comic-Reportage von Pedro Lima, Philippe Psaïla und Jean-Paul Krassinsky.Foto: Promo

Es ist kein Zufall, dass die jüngere Entwicklung von Comic-Journalismus und Comic-Reportagen in den USA ihren Ausgangspunkt hatte, vor allem mit Joe Sacco (dessen "Sarajevo"-Reportage im Mai bei Edition Moderne erscheint). Der US-amerikanische Journalismus befindet sich seit Jahrzehnten in einer tiefen Krise, verursacht durch die immer stärkere kommerzielle Orientierung der Medienwirtschaft und verstärkt durch eine spezifische Kultur der Professionalität, die sich durch die Bevorzugung offizieller Quellen und dem Verzicht auf Kontextualisierung zugunsten einer angeblichen Balance auszeichnet. In seinem „A Manifesto Anyone“ richtete sich Joe Sacco (in: "Reportagen", 2013, Edition Moderne) explizit gegen die zwanghafte Kettung des US-Mainstreamjournalismus an Objektivitäts- und Ausgewogenheitsprinzipien (und implizit auch gegen die Dominanz der Profitinteressen).

 Joe Sacco und der Comic-Journalismus

In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass Sacco in einer seiner jüngeren Arbeiten gewissermaßen zu den Ursprüngen des Genres zurückkehrte und begleitende Illustrationen und kürzere Comics für die journalistischen Reportagen eines Autors vorlegte ("Days of Destruction, Days of Revolt", mit Chris Hedges, 2012). Die bereits im 19. Jahrhundert erschienen gezeichneten bzw. illustrierten Artikel waren zwischenzeitlich vom Foto-Journalismus verdrängt worden; Fernsehreportagen und Dokumentarfilme taten später ihr Übriges, um sie gewissermaßen technologisch überflüssig zu machen. Warum also ihre jüngere Renaissance auch in Europa, insbesondere in Frankreich, wo mit "XXI" und "La Revue Dessinée" gleich zwei Magazine mit recht großer Verbreitung Comic-Reportagen großen Raum geben bzw. ganz auf sie ausgerichtet sind? Insbesondere angesichts der Kosten, die durch gründliche Recherchen und die „Langsamkeit der Comics“ verursacht werden, ist dies erstaunlich. Ist die Wiederbelebung des journalistischen Traditionsformats „Reportage“ in Comic-Form gar ein Element der Rettung des Printjournalismus?

Pionier. Joe Sacco hat die moderne Comicreportage besonders stark geprägt, hier eine Szene aus seinem Sammelband "Journalism".
Pionier. Joe Sacco hat die moderne Comicreportage besonders stark geprägt, hier eine Szene aus seinem Sammelband "Journalism".Foto: Promo

Es scheint mir unmittelbar einsichtig, dass zur Bewertung von Comic-Reportagen zuerst journalistische Maßstäbe angelegt werden müssen, das heißt inhaltliche Wahrhaftigkeits- und Authentizitätskriterien sind für dieses Genre wichtiger als ästhetische und formale Kriterien. Es gilt also zu prüfen, ob die subjektive Interpretationstätigkeit, die laut Sacco für den Comic-Journalismus zwangsläufig ist, journalistischen Ansprüchen genügt. Eine sklavische Bindung an (vermeintliche) Fakten ist durch diese Standards aber nicht zwingend; diese würde schlicht zur erzählerischen Erstarrung führen und der Comic-Reportage ihren Vorteil gegenüber reinen oder mit Fotos illustrierten Texten nehmen. Auch der ästhetische Gehalt der Comic-Reportagen ist also zu prüfen.

Grundsätzlich kann als eine klare Stärke von Comic-Reportagen festgehalten werden, dass es den Autoren und Zeichnern oft gelingt, dem Leser das Eintauchen in eine ihm fremde Atmosphäre zu ermöglichen. Aber: Der Fokus der meisten Comic-Reportagen auf Krisen und gesellschaftliche Probleme ist nicht zufällig, denn Arbeiten, die sich Alltagsphänomenen widmen oder selbst grundsätzlich spannenden Themen, die aber keine krisenhafte Zuspitzung oder Aktualität aufweisen, sind oft überaus trocken und zäh. Die Textfülle, der Mangel an erzählerischer Dynamik und Bezugspersonen, die der nicht-narrativen Darstellungsweise geschuldet sind, fallen dann insbesondere negativ ins Gewicht (eine ausführliche Diskussion aktueller franko-belgischer Comic-Reportagen findet sich hier).

 Comic-Reportagen im deutschsprachigen Raum

Im deutschsprachigen Raum sind bisher erst wenige Comic-Reportagen erschienen. Recht erfolgreich war die Reihe über die Afghanistan-Reisen des französischen Fotoreporters Lefèvre während der sowjetischen Besatzung von Emmanuel Guibert („Der Fotograf“). Das zweimonatlich in Bern erscheinende Magazin "Reportagen" hat zuerst mit „Krieg der Fliegen“ von Pedro Lima, Philippe Psaïla und Jean-Paul Krassinsky einem Comic Raum gegeben und in der Ausgabe 20 (2015) eine ältere Sacco-Reportage („Weihnachten mit Karadzic“) nachgelegt. Man kann gespannt sein, ob "Reportagen" den Weg von "XXI" geht und nun regelmäßig Comic-Reportagen veröffentlicht.

Das Züricher Comic-Magazin "Strapazin" hat dem Thema Comic-Reportagen die Ausgabe vom Juni 2014 gewidmet (Nr. 115). Hier zeigen sich einige der oben genannten Probleme, sowie ein weiteres: Comic-Reportagen brauchen wohl eine gewisse Länge, um ihre Vorteile auszuspielen. Das "Strapazin"-Heft enthält vier sehr kurze Beiträge (zum Luzerner Bahnhofsvorplatz, zu Gottesfigurenbauern in Kolkata, zu Buenos Aires und zu einem Krematorium), die lediglich mit Zeichnungen illustrierte Fließtexte sind und weitere sehr kurze Reportagen wie zum Beispiel Olivier Kuglers ästhetisch ansprechende Arbeit „John Ateiku. Ein Fischer in Ghana“, die aber über Andeutungen einer thematischen Entwicklung nicht hinauskommen. Der beste Beitrag, neben einigen inhaltlich gelungeneren Kurzreportagen, stammt von Uli Lust, ist aber keine wirkliche Reportage, das heißt keine recherchebasierte journalistische Arbeit.

Respektvoll. Eine Seite aus Olivier Kuglers "Mit dem Elefantendoktor in Laos".
Respektvoll. Eine Seite aus Olivier Kuglers "Mit dem Elefantendoktor in Laos".Foto: Edition Moderne

Eine Reportage von Olivier Kugler, die auch im Sammelband „Grand Reporters“ von "XXI" enthalten ist, ist auf Deutsch als Einzelband erschienen ("Mit dem Elefantendoktor in Laos", Edition Moderne, 2013). Kuglers eigenwilliger Stil, die ganze Seite oder Doppelseite für Text und Bild zu benutzen, Zwischenräume nur durch Farbunterschiede oder Lücken anzudeuten und die Zeichnungen teilweise überlappend zu konzipieren, eignet sich sehr für Reportagen in exotischen Räumen. Es gelingt ihm, dem Leser die überbordende Realität des Dschungels und der Arbeitswirklichkeit der Elefanten, ihrer Führer und des mobilen Arztteams wirklich nahe zu bringen, ohne exotistischen Voyeurismus und mit großem Respekt für die Porträtierten. Gelegentliches darstellerisches Chaos ist unvermeidlich und wird von Kugler dann und wann mit hilfreichen, ästhetisch aber unbefriedigenden Pfeilen im Zaum gehalten. In der deutschsprachigen Ausgabe findet sich ein ausführlicher Appendix mit weiteren Erläuterungen und Fotos.

Im vergangenen Jahr hat Carlsen zwei sehr unterschiedlich konzipierte Comic-Reportagen auf Deutsch verlegt. "Die Rückkehrer", geschrieben vom amerikanischen Filmemacher und Professor französischer Herkunft Oliver Morel und gezeichnet von Maël, widmet sich – wie Morels Film "On the Bridge" (Amerikas verletzte Seelen) von 2010– den posttraumatischen Belastungsstörungen von amerikanischen Soldaten, die im Irak und in Afghanistan gedient haben. Ohne Zweifel ist dies ein Thema von großer Brisanz, angesichts der unfassbaren Doppelmoral der USA im Umgang mit ihren Kriegsveteranen. Als Helden verehrt, mit Hurrapatriotismus in immer neue, angeblich „gute“ Kriege verwickelt, finden sich amerikanische Soldaten spätestens dann als vernachlässigte und vergessene, oft gebrochene Menschen wieder, wenn sie physisch oder psychisch nicht mehr „funktionieren“. Die Fortschritte bei der frontnahen medizinischen Versorgung haben dazu geführt, dass immer mehr Soldaten auch schwerste Verletzungen überleben, aber die amerikanische Gesellschaft scheint nicht in der Lage zu sein, für die Folgekosten Verantwortung zu übernehmen.

Es wird Blut geben: Eine Szene aus "Die Rückkehrer".
Es wird Blut geben: Eine Szene aus "Die Rückkehrer".Foto: Carlsen

Es ist selten ergründet worden, wie es zu der strukturellen Vernachlässigung kommt – die selbst von aktiven Soldaten und ihren Familien so lange verdrängt wird, bis sie selbst betroffen sind. Auch der Comic geht dieser Frage nicht nach, sondern schildert Morels Begegnungen mit Kriegsheimkehrern während der Recherchephase für seinen Film. Maël gelingen durchaus eindrucksvolle Bilder, schwarz-weiß mit Rottönen, die Assoziationen an Blut wecken, in einem Stil, der wie die Ausführung eines Storyboards für einen Film aussieht. Die Geschichten der Soldaten und ihrer Familien sind anrührend. Und doch will der Funke nicht recht überspringen. Vielleicht steht der Autor selbst zu stark im Mittelpunkt, vor allem aber irritiert, dass er sich nicht recht zwischen journalistischer Reportage und Kunstprojekt entscheiden kann. Die verschiedenen Erzählfäden verheddern sich, der Autor springt hin und her. Dies mag das ständige Gefühlschaos symbolisieren, in dem die Betroffenen leben – Suizidgedanken stehen immer im Raum – aber der Eindruck bleibt, dass hier die Chance vertan wurde, das Thema fesselnder zu erzählen. 

Der freie Journalist Alexander Bühler und die Zeichnerin ZAZA Uta Röttgers versuchen in ihrem Band "Emilio Tasso. Eine Abenteuerreportage", diese Spannung durch eine teilweise Fiktionalisierung zu erzielen. Der fiktive Journalist Tasso – wohl kein reines Alter Ego des Autors Bühler – gelangt im Kongo zufällig an Informationen über eine Episode aus der belgischen Kolonialzeit und geht diesen nach, obwohl oder gerade weil er bei seinen Recherchen auf Misstrauen und Abwehrverhalten bis hin zu Drohungen stößt. Wie bei Alfred Hitchcock gibt es eine Art MacGuffin, Uran-Brennstäbe für den geplanten Palast des belgischen Königs (in dessen Privatbesitz der Kongo lange war), und der Protagonist steckt in diversen Klemmen, die an Abenteuercomics und –filme erinnern – wie auch die dynamischen, schwarz-weißen Zeichnungen und Seitenkompositionen.

Am Ende jedoch überzeugt die Mischform zwischen Reportage und Abenteuer nicht. Man interessiert sich nicht wirklich für den Protagonisten, weil dieser eindimensional bleibt und seine Interaktionen oberflächlich. Und durch die teilweise Fiktionalisierung wird der Authentizitätsanspruch der journalistischen Anteile fragwürdig. 

Die Zukunft der Comic-Reportagen

Der Mehrwert von Comic-Reportagen lässt sich nicht pauschal bestimmen. Die Frage nach der journalistischen wie nach der ästhetischen Qualität muss von Fall zu Fall beantwortet werden, und die Antworten liegen selbstverständlich auch im Auge des Betrachters. Die Kunstform Comic ist grundsätzlich aber ohne Zweifel für das Genre der Reportagen geeignet. Angesichts des erheblichen Kostenvorteils gegenüber Film- und Fernsehreportagen könnten Comic-Reportagen durchaus weiter reüssieren, auch in Deutschland. 

Unser Autor Dr. Thomas Greven ist Senior Research Fellow am Institut für Internationale Politik, Berlin, und Privatdozent am John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin. Ein lange Fassung seines Aufsatzes mit umfangreicher Literaturliste finden Sie unter diesem Link.