Comic-Roman : Der Berg ruft

Coseys Meisterwerk „Auf der Suche nach Peter Pan“ wurde in einer vorbildlichen Neuausgabe wieder aufgelegt.

Florian Weiland-Pollerberg
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Grandios. Die Landschaft des Schweizer Kantons Wallis spielt eine große Rolle in Coseys Meisterwerk.Illustration: Cosey/Cross Cult

Der Schauplatz: Ein abgelegenes Dorf in den Walliser Alpen. Die Zeit: Ende der 1920er Jahre. Es ist noch früh im Jahr. Zu früh für Touristen. Doch der englische Schriftsteller Melvin Z. Woodworth ist kein gewöhnlicher Tourist. Er sucht in dem kleinen Bergdorf Ardolaz Inspiration für seinen nächsten Roman. Sein Verleger in London wartet schon ungeduldig. Woodworths Reise ins Wallis ist zugleich eine Reise in die eigene Vergangenheit. Denn in dem Grand Hotel, das oberhalb des Dorfes thront, verbrachte sein Halbbruder Dragan, über den er nur wenig weiß, die letzten Monate seines Lebens.

Coseys Welt sind die Berge. Den Durchbruch als Comiczeichner verdankt der 1950 in Lausanne geborene Schweizer, der eigentlich Bernard Cosandey heißt, der Serie „Jonathan“, in der er die Abenteuer eines Aussteigers – hinter dem sich unverkennbar ein Alter Ego des Autors verbirgt – in der Bergwelt des Himalaya erzählt. Nach neun Bänden und zahlreichen Preisen gönnte sich Cosey eine Auszeit vom starren Serienkonzept – der Comic-Roman „Auf der Suche nach Peter Pan“ entsteht. Und wieder spielt die Handlung in der verschneiten Bergwelt. Diesmal jedoch nicht in Asien, sondern im Schweizer Kanton Wallis, seiner Heimat.

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Heiße Quellen. Vor der Bergkulisse entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte.Illustration: Cosey/Cross Cult

Auch wenn das Bergdorf Ardolaz letztlich fiktiv ist, begeistert die große Authentizität, mit der Cosey das Leben in den Bergen schildert. Grandios ist zudem die Darstellung der Natur. Waren die frühen Jonathan-Bände noch stark von den Arbeiten seines Lehrmeisters Derib („Yakari“, „Buddy Longway“) geprägt, hat Cosey mit „Auf der Suche nach Peter Pan“ endgültig seinen eigenen Stil gefunden.

Coseys erster großer Comic-Roman baut seine Spannung langsam auf. Mit seinen stimmungsvollen Bildern und seinem ruhigen Erzähltempo bleibt „Auf der Suche nach Peter Pan“ auch gut 25 Jahre nach seinem ersten Erscheinen eine Ausnahmeerscheinung. Cosey vertraut auf die Kraft der Bilder. Ganze Passagen kommen ohne Text aus. Eine wunderbare Sequenz illustriert ein Klavierstück, das Dragan Z. Zmadjevic komponierte. Die Musik verwandelt sich in einen impressionistischen Bilderreigen. Doch wer ist der Unbekannte, der in dem verlassenen Grand Hotel Klavier spielt? Woodworth, der sich inzwischen mit dem von der Polizei gesuchten Falschmünzer Baptistin angefreundet hat, will es herausfinden. Und was hat es mit dem bezaubernden Mädchen auf sich, das er bei einem Bad in einem Thermalsee überrascht?

Beeindruckende Mischung aus Liebesgeschichte und Heimatroman

Die friedliche Bergidylle wird schon bald getrübt. Ein Gletscher droht abzustürzen und das Dorf unter sich zu begraben. Der Ort wird evakuiert. Woodworth bleibt heimlich zurück. Aber er ist nicht der Einzige. Die Polizei taucht auf, wild entschlossen, Baptistin endlich zu stellen. Woodworth trifft inzwischen erneut auf das Mädchen, Evolena, für die Cosey die Schauspielerin Maria Schneider („Der letzte Tango in Paris“) als Vorlage diente. Eine zarte Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Das Happy End kommt unerwartet – und man hätte sich gewünscht, Cosey hätte auf den allzu klischeehaft geratenen Epilog verzichtbar.

Coseys Comic-Erzählung ist dennoch eine höchst beeindruckende Mischung aus Liebesgeschichte und Heimatroman. Nach dem Vorabdruck in dem frankobelgischen Jugendmagazin „Tintin“ (eine erotische Szene musste hierfür gekürzt werden), erschien die knapp 120-seitige Geschichte 1984 zunächst in einer zweibändigen Albenausgabe. Der deutsche Verlag Cross Cult legt den Zweiteiler nun in einer vorbildlichen Neuausgabe in einem Band vor, ergänzt um umfangreiches Zusatzmaterial. Neben einem Interview mit dem Autor kommt auch erstmals eine im Magazin „Tintin“ erschienene Seite, die in der früheren Albumausgabe fehlte, zum Abdruck. Ein lange vergriffenes Meisterwerk der Comic-Literatur ist damit endlich wieder lieferbar. Neben neuen „Jonathan“-Folgen legte Cosey seitdem eine ganze Reihe weiterer Comic-Romane vor. Zuletzt erschien „Le Bouddha d’Azur“ (Dupuis 2005/06).

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Es bleibt noch der ungewöhnliche Titel. Er ist Coseys Vorliebe für malerische Titel geschuldet. In einer kleinen Szene spielt Cosey darauf an. „Auf der Suche nach Peter Pan“ soll der nächste Roman Woodworths heißen. J.M. Barries Jugendbuchklassiker bekam er im Alter von zehn Jahren von seinem Halbbruder geschenkt. Das Buch begleitet ihn auf seiner Reise ins Wallis und jedem Kapitel des Comic-Romans wird ein Zitat Barries vorangestellt. Cosey selbst äußerte einmal, er hoffe, dass es ihm der gute Peter nicht übelnehme, dass er ihn in die Schweizer Bergwelt entführt habe, die es sehr wohl mit Kensington Gardens aufnehmen könne.

Cosey: „Auf der Suche nach Peter Pan“, Cross Cult Verlag, Ludwigsburg. 152 Seiten, Farbe, Hardcover, € 26

Coseys Jonathan-Bände sind z.T. noch bei Salleck Publications / Eckart-Schott-Verlag erhältlich.

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