Comic-Serie : Das richtige Leben im falschen

Der Berliner Zeichner Andreas Michalke erzählt seit acht Jahren in „Bigbeatland“ bunte Episoden aus der linksradikalen Subkultur – der aktuelle Sammelband zeigt ihn auf der Höhe seiner Kunst.

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Linke Lindenstraße: Markus und Fricka gehören zum Stammpersonal der Serie.
Linke Lindenstraße: Markus und Fricka gehören zum Stammpersonal der Serie.Illustration: Michalke/Reprodukt

Bei oberflächlicher Betrachtung kann es leicht passieren, dass man Andreas Michalkes Arbeit unterschätzt. Auf den ersten Blick wirken seine Comicstrips aus der Besetzer- und Hausprojekt-Szene, die er regelmäßig unter dem Titel „Bigbeatland“ in der linken Zeitschrift „Jungle World“ veröffentlicht, wie ein Insider-Witz, der nie für Außenstehende gedacht war. Die vor politischem Subtext und Parolen-Sprech strotzenden Episoden aus einem linksradikalen Paralleluniversum, so könnte man denken, mögen primär für diejenigen interessant sein, die sich der beschriebenen Szene im Grenzbereich zwischen Politik-Aktionismus, Punk und Aussteigerleben zugehörig fühlen.

Wer aber bereit ist, hinter die bunte Fassade und den manchmal derben Witz der überdrehten Serie zu schauen und sich auf die Figuren in dieser epischen Soap-Opera einlässt, der wird mit einem komplexen, höchst unterhaltsamen Leseerlebnis belohnt. Denn Michalke ist weit mehr als ein Chronist der linken Szene mit ihren diversen Sub-Sekten, denen er sich in liebevollem Spott verbunden zeigt. Er ist vor allem ein begnadeter, mit Einfühlungsvermögen, Humor und – nicht selbstverständlich in diesen Kreisen – Selbstironie gesegneter Geschichtenerzähler.

Seit inzwischen acht Jahren kann man mit seinen Comic-Charakteren mitfühlen, lachen und leiden. Nun ist bei Reprodukt ein zweiter „Bigbeatland“-Sammelband erschienen, der die große erzählerische und zeichnerische Begabung Michalkes erneut auch Lesern nahe bringt, die nicht zum überschaubaren Leserkreis der „Jungle World“ zählen.

Szene-Veteran: Andreas Michalke, Jahrgang 1966, veröffentlicht seit Ende der achtziger Jahre seine autobiographisch inspirierten Comics.
Szene-Veteran: Andreas Michalke, Jahrgang 1966, veröffentlicht seit Ende der achtziger Jahre seine autobiographisch inspirierten...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Im aktuellen Band dieser linken Lindenstraße, der die zwischen Ende 2006 und Anfang 2010 erschienen Episoden versammelt, konfrontiert der Berliner Comicautor erneut die bunt zusammengewürfelte Bewohnerschaft eines alternativen Hausprojektes mit gewichtigen aktuellen Themen, ohne dass ihm dadurch die erzählerische Leichtigkeit abhanden käme: Es geht in den teils absurden und doch immer klug durchdachten Episoden um Gentrifizierung und Islamismus, Rassismus und Waffenschmuggel, aber auch um die Suche nach dem richtigen Leben im falschen und die Mühen des multikulturellen Zusammenlebens.

Im Zentrum steht die an real existierende Szene-Veteranen aus Kreuzberg oder Friedrichshain erinnernde Figur des Subkommandante Markus: Ein ergrauter Straßenkämpfer mit Totenschädel-Look, der sich in den jüngeren Episoden zunehmend als liebender Vater und sehnsüchtiger Romantiker entpuppt. Um ihn herum lässt Michalke erneut ein Panoptikum an Figuren auftreten, die auf den ersten Blick wie wandelnde Klischees wirken, aber im Laufe der Lektüre zunehmend an Komplexität gewinnen.

Neben den gut zwei Dutzend Hauptcharakteren, die unterschiedliche Lebensentwürfe innerhalb des linken Spektrums vertreten, tauchen diverse Gastfiguren auf, die Michalke als Katalysator für Slapstick-Einlagen mit wilden Szenenwechseln benutzt, die in Sachen Pointenreichtum und Timing an klassische Screwball-Komödien erinnern: So wird Eisbär Knut vorübergehend aus politischen Gründen zum Entführungsopfer, und Irans Präsident Ahmadinejad mit seiner von Michalke als Nymphomanin karikierten Tochter spielen die Schlüsselrollen in einem wahnwitzigen Entführungsdrama.

Andreas Michalke: Bigbeatland – Der Kampf geht weiter, Reprodukt, 100 Seiten, 15 Euro, Leseprobe unter diesem Link.
Zum Weiterlesen: Ein Porträt von Andreas Michalke, das anlässlich der Veröffentlichung des ersten Bigbeatland-Sammelbandes im Tagesspiegel erschien, finden Sie unter diesem Link.

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