Comic-Serie : Ein Nichts mit Cowboyhut

Kein Präsident ist vor seinem Spott sicher: Seit 40 Jahren kommentiert Gary Trudeau in seiner Serie „Doonesbury“ Weltpolitik und amerikanischen Alltag

Micha Wießler
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Immer für eine Kontroverse gut. Gary Trudeaus "Doonesbury" ist so politisch wie kaum eine andere Comicserie.Illustration: Trudeau

Comicstrips sind in den USA nach wie vor fester Bestandteil der Zeitungskultur. Sonntags gibt es sogar meist eine spezielle Comicbeilage, die oft so dick ist wie der Rest der Zeitung. Da könnte eigentlich Neid aufkommen, auch wenn es inzwischen in Deutschland die eine oder andere rühmliche Ausnahme gibt. Aber ich persönlich kann die meisten Strips in den US Blättern nicht wirklich lesen. Entweder handelt es sich um alte Abenteuerklassiker, die ihren Charme in der millionsten Fortsetzung verloren haben. Oder aber es sind Funnys, Gag-Geschichten, die ebenfalls aus einer ewigen Wiederholungsschleife zu bestehen scheinen. Aber es gibt einige Ausnahmen. Und zu denen gehört definitiv Doonesbury. Gestartet hatte Gary Trudeau seinen Strip 1968 unter dem Namen „Bulls Tales“ in der Studentenzeitung von Yale und bereits nach zwei Jahren und der Umbenennung in Doonesbury erschien der Strip in zwei Dutzend Tageszeitungen. Drehten sich die Geschichten anfänglich hauptsächlich um das Studentenleben der titelgebenden Hauptfigur Mike Doonesbury und seiner Mitbewohner, so erweiterte Trudeau seine Besetzung und seine Themen rasch.

Doonesbury ist in vielerlei Hinsicht ein Sonderfall unter den Comicstrips. Kein anderer Comic ist so politisch, mischt sich so in Welt- und Tagespolitik und in die mediale US-Wirklichkeit ein. Und mit den Mitteln der Satire entlarvt er Worthülsen, Mediengeplapper, Desinformation und Selbstdarsteller. Ein Sonderfall ist er auch aufgrund der Vielzahl der Protagonisten. Neben den auf der offiziellen Website genannten 24 Hauptfiguren tauchten in den bald 40 Jahren seines Bestehens Hunderte von Nebenfiguren im Strip teilweise wiederkehrend auf. Viele begleiten den Leser nun schon seit dieser Zeit, altern mit ihnen (wenn auch nicht immer in Echtzeit).

Kriegsverletzungen, Depressionen: Auch das vermittelt Trudeau mit Humor

Da ist beispielsweise Zonker, der ewige Hippie und Meistersonnenbräuner, der seinem Idol George Hamilton (dem wahrscheinlich braungebranntesten B-Movie-Darsteller der 80er) nacheifert. Da ist Duke, Zonkers Onkel, optisch und seinen Vorlieben nach dem großen Gonzo-Journalisten Hunter S. Thompson nachempfunden.

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Episch. Seit gut 40 Jahren zeichnet Trudeau seinen Strip schon, hier die Folge vom vergangenen Wochenende.Illustration: Trudeau

Wie Thompson, arbeitet auch Duke zu Anfang als Journalist beim „Rolling Stone“, wird aber bald Botschafter in China (zu Zeiten als Nixon die Öffnung ins Reich der Mitte vorantreibt), Baseballmanager, Waffenlobbyist, arbeitet für Ölfirmen in Kuwait und eröffnet dort nach der Befreiung durch die Amerikaner im Golfkrieg den „Club Scud“, einen Nachtklub in dem sich Lobbyisten und durstige GIs gleichermaßen treffen.

Dann gibt es da B.D., der in den ersten Jahren des Strips, zu Collegezeiten, nie ohne seinen Footballhelm zu sehen ist. Nahtlos wechselt er zur Armee, dann zur Polizei, dann wieder zur Armee und behält dabei immer seinen jeweilig wechselnden Helm auf. In über 35 Jahren sieht man nie sein Haar, diesen running gag bricht Trudeau genial auf, als B.D. im zweiten Golfkrieg verwundet wird und sein Bein verliert. Er wacht amputiert im Lazarett auf und trägt keinen Helm mehr. Und ab da wird er auch keinen mehr aufhaben. Er ist nicht mehr der Gleiche. B.D. ist vom Krieg gezeichnet, auch psychisch, wie viele andere Kriegsheimkehrer. Ab da beschäftigt sich eine Storyline in Doonesbury mit seinem Weg zurück in ein normales Leben. Mit seinen Depressionen, seiner Therapie, seinen Problemen sich an eine Prothese zu gewöhnen. Das ist teilweise schwer zu ertragen, aber Trudeau schafft es auch hier, eine passende punchline für jeden Strip zu finden, setzt den Humor dem Thema und dem jeweiligen Charakter gegenüber angemessen ein. Es ist typisch für Trudeau und seine Methode, einzelne handelnde Personen stellvertretend für ein gesellschaftliches Phänomen oder Gruppe dauerhaft zu beobachten und regelmäßig wieder auf sie zurück zu kommen.

Einer meiner Lieblingscharaktere ist Mr. Butts, die wandelnde Zigarettenkippe, der die US-Zigarettenlobby und ihren Kampf gegen juristische Einschränkung und für neue Märkte wo-auch-immer im Strip repräsentiert. Butts zeichnet sich besonders durch seine „herausragende Arbeit mit Kindern und Soldaten im Desert Storm“ aus, heißt es auf der Website.

Eine schwebende Waffel namens Clinton

Aber auch reale Personen tauchen im Strip auf, vor allem Politiker aller Couleur, aber auch Prominente wie O.J. Simpson oder aktuell Tiger Woods. In der Regel lässt Trudeau diese aber nur aus dem Off sprechen und entlarvt dabei oft Show und Oberfläche allein durch die minimalistischen Reaktionen der Zuschauer, die im Comic zu sehen sind oder indem er ihnen satirisch pointierte Dialoge in den Mund legt. Manche Politiker werden aber auch durch ein Symbol ersetzt. So geisterte Meisterkommunikator Ronald Reagan in den 80ern als Ron Headrest, eine Anspielung auf den damals populären animierten Moderator Max Headroom, als quasi virtueller Präsident über die Fernseher im Comic.

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Geballte Kraft. Regelmäßig erscheinen Sammelbände der Strips, hier der bislang letzte vom vergangenen November.

George Bush sen. wurde immer unsichtbar (eine Anspielung auf seinen Mangel an Charisma als Nachfolger Reagans) dargestellt, seine Stimme kam einfach aus dem Nichts. George W. Bush, als seines Vaters Sohn in jeder Hinsicht, trug auf dem Nichts abwechselnd einen Cowboyhut oder dann in Kriegszeiten einen römischen Helm. Bill Clinton war durch eine im Raum schwebende Waffel symbolisiert (to waffle = schwafeln; über Clintons Symbol wurde sogar eine Leserabstimmung vorgenommen, zur Wahl stand auch eine flipping coin, eine fliegende Münze als Entscheidungshilfe). Der damalige Sprecher des Repräsentantenhauses, Newt Gingrich, ein strammer Rechtsaußen, schwebte stets als Bombe (manchmal mit brennender Lunte) im Raum.

Doonesbury ist auch deswegen ein Sonderfall, weil der Strip inzwischen in den meisten Zeitungen im Politikteil statt auf der Comicseite abgedruckt wird. Und vor allem ist er ein Sonderfall, weil wahrscheinlich kein Comic so von seinen konservativen Gegnern angefeindet wird wie Gary Trudeaus. Immer wieder wurden einzelne Strips von Zeitungen nicht abgedruckt oder provozierten Kontroversen. Vor einigen Jahren gingen seine Gegner sogar soweit, statt wie gewohnt zu versuchen auf Zeitungsverleger im Lande Einfluss zu nehmen, damit diese den Strip absetzen, die Druckerei der Sonntagsbeilagen direkt anzuschreiben und schafften es damit tatsächlich, Doonesbury in der Verbreitung entscheidend zu behindern.

Wer sich auf dieses doch recht komplexe Universum handelnder Charaktere, amerikanischer Tagespolitik und Anspielungen aller Art einlassen möchte: Es gibt und gab verschiedene Sammelbände des Strips über die Jahrzehnte (Anfang der 80er sogar zwei Bände auf Deutsch bei Carlsen), teilweise zu finden im (guten) Buchhandel, aber heutzutage bietet vor allem die Website www.doonesbury.com den Zugang zur täglichen Dosis. Jeden Tag lässt sich dort der aktuelle Strip mitlesen, außerdem gibt es ein Archiv und eine Zeitachse mit einer Chronik der Ereignisse und Höhepunkte, diversen Spielen und Links zu politischen Themen.

Unser Autor Micha Wießler ist Geschäftsführer des Berliner Comicladens Modern Graphics. Der Laden befindet sich in der Oranienstr. 22, Kreuzberg (Hauptgeschäft) und hat eine Filiale im Europacenter (UG), Tauentzienstr. 9-12. Online unter www.modern-graphics.de.

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