Comic-Star Joann Sfar : Die fabelhaften Welten des Joann Sfar

Der französische Künstler ist im Comic ebenso zu Hause wie im Film und der Literatur, kürzlich erschien ein neuer Band seiner Erfolgsserie „Die Katze des Rabbiners“ - ein Porträt.

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Die Katze des Rabbiners: Die Reihe hat Sfar wohl am bekanntesten gemacht, hier die tierische Hauptfigur mit Zlabya, der Tochter des Rabbiners.
Die Katze des Rabbiners: Die Reihe hat Sfar wohl am bekanntesten gemacht, hier die tierische Hauptfigur mit Zlabya, der Tochter...Foto: Sfar/Promo

Joann Sfar gehört zu den produktivsten, vielseitigsten und erfolgreichsten Comickünstlern Europas. Sein Gesamtwerk umfasst mehr als einhundert Alben, vom modernen Märchen über kulturgeschichtlichen Erzählungen bis zu biografischen Notizbüchern. Der Künstler ist ein genialer Tausendsassa, der nur zufällig beim Comic gelandet ist. Als Kind habe er „immer davon geträumt, Musiker zu werden“, wie er im Gespräch erzählt. Da ihm seine musikalischen Eltern aber „kaum etwas beigebracht“ haben, entschied er sich, Philosophie und die deutschen Romantiker zu studieren. Ihre Gedankenwelt prägt sein Werk. Nach dem Studium ging er nach Paris, wo er ein Kunststudium aufnahm  und über viele Jahre mit anderen Größen der französischen Comicszene wie Emmanuel Guibert, Lewis Trondheim und Christophe Blain ein Atelier teilte. „Diese Begegnungen waren immens wichtig für meine Entwicklung, ganz abgesehen davon, dass ich von ihnen meine ersten Aufträge zugeschanzt bekommen habe“, erinnert sich Sfar.

Weise Helden, traurige Helden

Zu seinen bekanntesten Arbeiten gehören hierzulande zwei Serien, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Da ist zum Einen die Erzählung „Die Katze des Rabbiners“, in der er die väterliche Familienbiografie aufgegriffen und den Juden Nordafrikas ein Denkmal gesetzt hat. Lange Zeit galt der Zyklus als abgeschlossen, vor wenigen Tagen aber ist in Frankreich mit „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ ein neuer Band, der sechste, erschienen. Avant-Verleger Johann Ulrich muss sich nun etwas einfallen lassen, wie er diesen in die bereits erschienene prächtige Gesamtausgabe in zwei Bänden integriert.

Zum anderen ist da die fulminante Fantasy-Saga „Donjon“, in der das Genre der fantastischen Literatur und daraus hervorgehende Rollenspiele wie „Dungeons & Dragons“ mächtig aufs Korn genommen werden. Seit 1998 zeichnet Sfar mit Lewis Trondheim (vereinzelt auch mit Christophe Blain und Manu Larcenet) an diesem auf über einhundert Bände angelegten Epos, in dem sie von Aufstieg, Blüte und Niedergang des absurd-grotesken Kerkers namens Donjon erzählen. Nun haben Trondheim und Sfar mit dem 36. Album die Serie zumindest ihrem vorläufigen Ende zugeführt. Darin müssen die beiden Helden von trauriger Gestalt, der Enterich Heribert von Vaucanson und dessen Drachist Marvin, die Apokalypse dieser schaurig-romantischen Mittelalterwelt verhindern. Beide Serien bilden die Pole seines Gesamtwerks, jüdische Folklore hier und romantische Vampirwelt dort.

Meister aller Klassen: Joann Sfar.
Meister aller Klassen: Joann Sfar.Foto: Thomas Hummitzsch

Den leichtesten Zugang zum gigantischen Sfar-Kosmos bekommt man mit seinen Vampir-Erzählungen, von denen zuletzt die beiden Bände „Vampir“ und „Aspirine“ erschienen sind. Mit diesen taucht man ein in eine schaurig-romantische Welt, die wie eine märchenhafte Melange aus Friedrich Wilhelm Murnaus Graf Orlok und Tim Burtons Jack Skellinton erscheint. Sfar erzählt darin von der verzweifelt-schönen Liebe zwischen dem Untoten Ferdinand und der von ihm verehrten, aber untreuen Alraune Aspirine, die sich irgendwo in den litauischen Weiten ihre übernatürlich-magische Parallelwelt mit Golems, Wolfsmenschen, Mumien und anderen übernatürlichen Wesen teilen.

Osteuropäische Juden finden im Skizzenbuch Zuflucht

Die Erzählungen des Fabulierkünstlers Sfar sind Märchen mit Anbindung zur Wirklichkeit, ähnlich wie Guillermo del Torros Filmfantasie „Pans Labyrinth“. Er brauche diesen „Dialog zwischen Realität und Imagination“. Dies gilt auch für die weniger beachteten Geniestreiche dieses Tausendsassas, wie die Serie „Professor Bell“ – eine viktorianisch angehauchte Erzählung rund um die Erlebnisse des Detektivs Joseph Bell, der eigentlich Kinderarzt ist und Arthur Conan Doyle als Vorlage für keinen geringeren als Sherlock Homes diente – oder seine philosophischen Burlesken aus der griechischen Sagenwelt, die er gemeinsam mit Christophe Blain verfasst hat. Auch hier trifft akribische Recherche auf blühende Fantasie.

Bei seinen jüdischen Erzählungen, die eine geradezu vergessene Welt wieder auferstehen lassen, verfährt er genauso. Diese Comics sind aber keine historischen Exkurse mit dem Zeigefinger, sondern fantasievolle Abenteuer mit Charme, Witz und Tiefgang. Da werden religiöse Dogmen von der schelmischen „Katze des Rabbiners“ hinterfragt, dem Antisemitismus im zaristischen Russland wird im „Klezmer“-Zyklus die bauernschlaue Lebenslust einiger musikalischer Freigeister entgegengesetzt und in „Chagall in Russland“ finden die osteuropäischen Juden im Skizzenbuch des Malers Zuflucht. Dabei sind die Erzählungen nie eindimensional oder kitschig, sondern stets vielschichtig und klug. Sfar holt mit seinen Comics die jüdische Kultur aus dem Schatten des Holocaust und verankert sie in der philosophischen Kultur Europas.

Mit seinen Arbeiten versuche er immer wieder, „das Sprechen über das Judentum zu befreien“, sagt Sfar. „Das gilt auch für den Fall, dass etwas Negatives oder Schlechtes gesagt wird.“ Seit Jahren engagiert er sich deshalb an Schulen, um dem wachsenden Antisemitismus in Frankreich möglichst früh entgegenzuwirken. Er sieht sich aber nicht als Botschafter des europäischen Judentums, sondern vielmehr als agent provocateur. Auf dem Titel seines bislang nur in Frankreich erschienenen „Journal de merde“ präsentiert er sich auch entsprechend: ein Zeichner, der mit seiner Feder Feuer legt. Entsprechend ist er zu einem der meistgefragten Kommentatoren mit dem Bleistift geworden. Seine spontanen und auf Instagram hochgeladenen Karikaturen zur Liebesaffäre des französischen Präsidenten François Hollande Anfang 2014 schafften es bis in die Hauptnachrichten. Bei Karikaturen muss man unweigerlich an die Anschläge auf die „Charlie Hebdo“-Redaktion denken, auf die Sfar ebenfalls reagiert hat. „Wenn es einen Gott gibt, dann tötet er nicht wegen einer Zeichnung“ ließ er seine konsternierte Katze sagen.

Joann Sfar ist ein Verfechter des Experiments. Von der sorgfältigen Feder-Tusche-Zeichnung über exzentrische Aquarell-Experimente bis hin zur schnellen Filzstift-Skizze findet man in seinem Werk alles. Manches geht schief, aber nichts schadet, um voranzukommen.

Er mag Robert Crumb, Sempé, Hugo Pratt

Lieblingszeichner hat er keine, „aber ich mag Robert Crumb, Sempé, Quentin Blake, Hugo Pratt und Fred“. Vor allem Crumb findet man in seinen Werken wieder, weniger stilistisch als vielmehr thematisch. Mit großem Vergnügen lässt er seine Figuren die Spielarten der Liebe erproben, über die Sexualität seiner Figuren lotet er das Verhältnis von Mann und Frau, aber auch das von Mensch und Religion aus. „Ich denke, solange man ein erfülltes Sexualleben hat, braucht man die Religionen nicht besonders.“ Es mache ihm Spaß, Menschen zu zeichnen, die sich küssen, die miteinander tanzen oder Sex haben. Nicht aus Voyeurismus, sondern weil in der Sexualität die „Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit“ seiner Figuren stecke. Und weil Verletzlichkeit den Menschen zum Menschen macht, wird auch in Sfars Filmen und in seinem Debütroman fleißig geliebt. Joann Sfar spielt in all seinen Arbeiten virtuos auf den Tasten von Religion, Magie und Aberglauben, seine Leser tanzen verträumt im Zwischenreich von Mythologie und Sehnsucht. Wer einmal in seine Comicwelt eingetaucht ist, wird darin ewig weiterschwimmen wollen.

Sfar ist aber bei weitem nicht nur Comiczeichner und Karikaturist, sondern auch ein gefeierter Filmemacher. Mit seiner preisgekrönten Hommage an Serge Gainsbourg gelang ihm 2009 ein fulminantes cineastisches Debüt, in dem er im wahrsten Sinne des Wortes die Puppen tanzen lässt. Mit „La Gueule“ hat er eine Figur geschaffen, die so einmalig in der Geschichte des Kinos ist, wie Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu“. Seine klassische Zeichentrick-Adaption von „Die Katze des Rabbiners“ kommt nicht so spektakulär daher, hat in Frankreich aber dennoch Hunderttausende begeistert. Vor wenigen Wochen ist sein neuer Film in die französischen Kinos gekommen, eine Adaption des Thrillers „Die Dame im Auto mit Sonnenbrille und Gewehr“ von Sébastien Japrisot. Die Kritiken zum Film, für den er unter anderem den Sänger Benjamin Biolay gewinnen konnte, reichen von großer Begeisterung bis hin zu herber Enttäuschung.

Seit dem vergangenen Jahr schreibt der Pariser auch „Romane ohne Bilder“, wie er selbst sagt. In seinem im Frühjahr in Deutschland erschienenen Roman „Der Ewige“ legt er den Vampir Janos auf die Therapeutencouch, um ihn noch einmal über die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs ziehen zu lassen, auf denen er einst ums Leben kam. Wer Sfars Vampirwelten aus seinen Comics kennt, der wird hier Einiges wiedererkennen und dennoch etwas verwirrt diesen gleichermaßen komischen wie brutalen Roman zur Seite legen, mit dem der Zeichner beim Versuch, die visuellen Techniken seiner genialen Comics auf die Sprache zu übertragen, etwas Baden geht.

Ein längeres Interview mit Joann Sfar, das unser Autor Thomas Hummitzsch im vergangenen Jahr führte, findet sich auf dessen Weblog intellectures.

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