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Comic-Tagebuch : Der tägliche Wahnsinn

20.03.2012 22:31 UhrVon Thomas Hummitzsch
Immer an der Wand entlang: Delisle an der Mauer, die Israel von den palästinensischen Gebieten trennt.Bild vergrößern
Immer an der Wand entlang: Delisle an der Mauer, die Israel von den palästinensischen Gebieten trennt. - Foto: Reprodukt

UpdateBeredte Skizzen aus dem Nahen Osten: Guy Delisle hat mit seinem Tagebuch aus Jerusalem den wichtigsten europäischen Comicpreis gewonnen. Jetzt ist das Buch auf Deutsch erschienen.

Der kanadische Comicautor Guy Delisle beschreibt sich selbst gern als einen ganz normalen Typ. Er habe weder das Zeug zum investigativen Journalisten, noch tauge er als Reporter, sagt er von sich selbst. Seine gezeichneten Tagebücher eröffnen dennoch besser als jede Dokumentation oder Reportage den Blick in eine fremde, unbekannte Welt. Es war daher längst überfällig, dass der Kanadier einen großen Comicpreis gewinnt. Im französischen Angoulême hat es nun kürzlich geklappt.

Seine mehr als 300-seitigen „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ wurden als bestes Comicalbum des Jahres ausgezeichnet – mehr zum Festival hier. Kürzlich erschien der Comic in deutscher Übersetzung bei Reprodukt.

Bereits seine Reiseskizzen aus der gesichtslosen chinesischen Millionenmetropole Shenzen waren aufgrund ihrer persönlichen Perspektive und Leichtigkeit bemerkenswert. Mit seinem Bericht aus der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang erregte der Kanadier Aufsehen – nicht nur in der Comicszene, sondern auch darüber hinaus, denn Delisle bot hier seltene Einblicke in den Alltag in der nordkoreanischen Diktatur. Gleiches gilt für seine Aufzeichnungen aus Birma, die entstanden, als er von 2005 bis 2006 seine Frau, die für die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ arbeitet, in die südostasiatische Militärdiktatur begleitete.

Kantiger Kopf, spitze Nase, Seitenscheitel

Zwei Jahre später ging es dann mit Sack und Pack für ein Jahr nach Jerusalem. Von August 2008 bis zum Juli 2009 lebte er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in der nahöstlichen Metropole. Wie schon in Burma studierte Delisle Land und Leute, während seine Frau zur Arbeit ging. Seine Eindrücke und Erlebnisse hielt er in Skizzenbüchern fest. Die darin festgehaltenen Zeichnungen von Menschen, Gebäuden, Menschen und Situationen sind der Ausgangspunkt seiner erfolgreichen Comic-Tagebücher, in die er sie später überträgt und die in ebenso komischen wie ernsthaften Anekdoten von seinen Erfahrungen in der Fremde erzählen.

Delisle besitzt ein außergewöhnliches erzählerisches Talent. Direkt und authentisch erzählt sein gezeichnetes Alter Ego mit kantigem Kopf, spitzer Nase und lockerem Seitenscheitel von seinen Erlebnissen. Die Geschichten hängen dabei nie im luftleeren Raum, sondern stehen immer in Bezug zum Erzähler. So hat man beim Lesen beinahe das Gefühl, man säße mit einem alten Freund auf dem Sofa und lausche seinen begeisterten Erzählungen. Zumal Delisle die seltene Bereitschaft besitzt, vermeintliches Wissen über Bord zu werfen, wenn ihn die Wirklichkeit eines Besseren belehrt.

Im Nahen Osten scheint dies notwendiger als anderswo. Wer jemals diese Region bereits hat, begreift schnell, dass er eigentlich nichts weiß. All die einfachen Erklärungen aus der Distanz verlieren hier schnell an Bedeutung. Auch Delisle hat dies erfahren. Dem nahöstlichen Wahnsinn vermag er selbst kaum Struktur zu geben, so dass die einzig verlässliche Sequenz, die sich durch den Comic zieht, die am Leser vorbeiziehende Zeit seines Aufenthalts ist. So erzählt er in Monatskapiteln (denen jeweils eine Skizze vorangestellt ist), was er erlebt und gesehen hat. Und dies war oft ganz anders, als er erwartet hatte.

Etwa bei seinen Ausflügen nach Hebron, der zweitgrößten Stadt in den palästinensischen Gebieten, in der einige hundert Siedler und ebenso viele israelische Soldaten für kafkaeske Verhältnisse gesorgt haben. Das historische Stadtzentrum ist ausgestorben, der alte Markt geschlossen und die Türen der historischen Wohnhäuser zur Straße sind zugeschweißt – damit sich israelische Siedler auf der einen und palästinensische Bewohner auf der anderen Seite nicht auf der Straße begegnen. Wo dies doch passieren kann, stieß Delisle auf eine gelbe Linie, die die Straße in zwei Hälften teilt, jeweils eine für Palästinenser und Israelis. Dies klingt so absurd, dass es kaum vorstellbar ist. Delisle wäre aber nicht Delisle, wenn er diesen Irrsinn nicht konsequent weiterdenken würde. Mit einem einzigen Satz gelingt es ihm, die Absurdität dieser Linie vor Augen zu führen, indem er fragt: „Und auf welcher Seite soll ich jetzt gehen?“ Ja, dass es noch andere Menschen als Israelis und Palästinenser gibt, gerät hier schon mal schnell aus den Augen. Im Nahen Osten ist für Normalität kein Platz.

Vielsagende Alltagsbeobachtungen: Eine Szene aus dem Buch.Bild vergrößern
Vielsagende Alltagsbeobachtungen: Eine Szene aus dem Buch. - Foto: Reprodukt

Die Welt steht Kopf

Ebenso skurril sind die abwechslungsreichen Anekdoten, die die israelische Siedlungspolitik betreffen. Mit seiner Familie lebt er in einem palästinensischen Viertel in Ostjerusalem. Vom Balkon aus können sie in die israelischen Siedlungen im Westjordanland blicken, in denen nicht wenige ihrer Bekannten wohnen – die Konditionen sind einfach besser. Wer will es ihnen verdenken? Und mit dem Shoppen in den attraktiven Siedler-Malls ist es auch so eine Sache. Natürlich würde man damit die Siedlungspolitik indirekt unterstützen, aber wenn selbst die Palästinenser dort einkaufen, fällt der eigene Verzicht doch schwer. Und wenn Siedler dann freudestrahlend ihre defekten Autos in die palästinensischen Dörfer fahren, weil sie dort günstiger repariert werden, dann steht die Welt vollkommen auf dem Kopf. Und wer meint, die verschiedenen Religionen in diesem Landstrich könnten sie wieder auf die Füße stellen, der irrt gewaltig. Zwar setzt sich Delisle, der sich selbst als Agnostiker bezeichnet, mit allen ernsthaft auseinander, doch klug machen ihn diese Begegnungen in den seltensten Fällen: „Wenn man sich das Theater, das Religiosität in dieser Ecke der Welt anrichtet, ansieht, dann bekommt man nicht gerade Lust, gläubig zu sein.“

Wie schon in den „Aufzeichnungen aus Birma“ wirft er in seinem aktuellen Tagebuch einen kritischen Blick auf die Gemeinschaft der internationalen Helfer und Berichterstatter, deren alltägliche Unreflektiertheit eine unterschwellige Doppelmoral entlarvt. Zahlreiche dieser kurzen Einwürfe handeln in der Zeit des Gaza-Krieges, als sich Journalisten mehr für die beste Sicht in den gesperrten Landstrich interessierten als für das, was dort eigentlich passierte.

Guy Delisle und sein Alter Ego: Der Angouleme-Gewinner vor dem Covermotiv seines aktuellen Buches.Bild vergrößern
Guy Delisle und sein Alter Ego: Der Angouleme-Gewinner vor dem Covermotiv seines aktuellen Buches. - Foto: AFP

Delisles „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ sind wie seine anderen Tagebücher ein bunter Mix aus Reisereportage, politischem Kommentar, historischen Hintergrunderläuterungen, Personenporträts und Anekdoten aus dem Alltag in gezeichneten Skizzen. Einzeln betrachtet geben diese kurzen Text-Bild-Erzählungen immer nur einen Ausschnitt wieder, im Ganzen betrachtet fügen sie sich aber zu einer Panoramaaufnahme der nahöstlichen Realität zusammen. Denn seine Aufzeichnungen dokumentieren keineswegs nur seine Erlebnisse in Jerusalem, sondern seine Erfahrungen, die er bei seinen Reisen durch das Land und die angrenzenden palästinensischen Gebiete gemacht hat. Tel Aviv, Akko, Eilat, Ramallah, Nablus, Hebron, Bethlehem – all diese Orte hat er besucht und von allen findet sich die eine oder andere Anekdote in seinem Buch. Nur nach Gaza wurde ihm immer wieder die Einreise verweigert – er vermutet, weil er mit dem sehr viel politischeren Joe Sacco verwechselt wird, der im vergangenen Jahr einen Gaza-Comic vorlegte.

Jerusalem aber ist der Kern, um den sich alles dreht – sein Tagebuch ebenso wie die nahöstliche Wirklichkeit. Denn hier laufen alle Konfliktlinien in der etwa einen Quadratkilometer kleinen Altstadt zusammen: Der politische Zwist zwischen Israelis und Palästinensern – und irgendwie mischen die Internationalen ja auch noch mit. Die religiösen Konflikte zwischen Juden, Muslimen und Christen und ihren jeweiligen Ablegern besonderer Prägung. Und auch die sozialen und innenpolitischen Probleme der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen in Israel und Palästina. Sie alle kulminieren hier in einem Alltag, der von Normalität weit entfernt ist und doch dessen Anstrich bekommt.

Wenngleich Delisles Comics nicht unpolitisch sind, sperren sie sich gegen eine ideologische Vereinnahmung. Er will mit seinen Tagebüchern nicht belehren, sondern schlichtweg seine Eindrücke wiedergeben. Seine Skizzen spiegeln die Impressionen eines Mannes, der alle Seiten zu Wort kommen lässt, weil er in erster Linie neugierig auf und immer wieder auch verwundert über die Welt ist. Dies unterscheidet ihn, wie er auch selbst einräumt, von Autoren wie Joe Sacco, dessen journalistische Reportagen aus den Krisengebieten dieser Welt unzweifelhaft ein politisches Ziel verfolgen. Delisles Tagebücher aber gewinnen ihre Kraft eben aus dieser unpolitischen, neugierigen Haltung.

Vom Nervenbündel zum genervten Profi

Zu dieser gesellt sich eine sympathische Unbeholfenheit, die den Kanadier in regelmäßigen Abständen in den einen oder anderen Fettnapf treten lässt – etwa wenn er am Sabbat-Samstag mit dem Auto in das ultraorthodoxe Viertel Mea Shearim fährt und dort den Ärger der jede Aktivität verweigernden Juden auf sich zieht. Oder wenn er bei einem Vortrag vor muslimischen Studentinnen etwas kopflos einige seiner frühen Comicseiten mit diversen Nacktszenen zeigt. Delisle ist seinen Lesern sympathisch, eben weil sie selbst sich in seinem Alter Ego wiederfinden können – sei es als Nervenbündel während der Sicherheitsbefragung bei der ersten Einreise nach Israel, als souveräner – weil wissender – Einreisender bei der zweiten, dritten oder vierten Passage, und schließlich als genervter Profi, der die Sicherheitsbeamten für minderbemittelt hält, weil sie ihn zum x-ten Mal nach dem Mädchennamen seiner Großmutter fragen. Als würde der eine Rolle spielen.

Ein Atheist in der Heiligen Stadt: Delisle auf dem Cover seines Buches.Bild vergrößern
Ein Atheist in der Heiligen Stadt: Delisle auf dem Cover seines Buches.

Diese leichten, ebenso selbstironischen wie entlarvenden Passagen sind Pausen zwischen intensiven Erzählungen, in denen er politischen oder sozialen Missständen auf den Grund geht. Nach mehr als 300 Seiten nimmt Guy Delisle mit seiner Familie den Flieger nach Hause, im Koffer viele Erfahrungen und Erlebnisse. Sie sind Teile im großen nahöstlichen Puzzle, das uns Delisle in seinen neuerlichen „Aufzeichnungen“ auf seine Art zusammengefügt hat.

Guy Delisle: Aufzeichnungen aus Jerusalem, aus dem Französischen von Martin Budde, Handlettering von Olav Korth, 336 Seiten, 29 Euro. Leseprobe hier.

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