Comic-Tagebuch : Die Magie von Fernwärmeleitungen

Der Brite Oliver East hat mit „Berlin and that“ ein kurioses Büchlein über seine Wanderung von Berlin bis an die polnische Grenze veröffentlicht.

von
Berlin jenseits der Klischees: Eine Seite aus dem Buch.
Berlin jenseits der Klischees: Eine Seite aus dem Buch.

Schon komisch, diese Deutschen. Reden ein unverständliches Kauderwelsch voller Sch- und Ch-Laute, trinken in der Öffentlichkeit Alkohol und grüßen nicht, wenn man ihnen auf einer Waldwanderung begegnet.

So hat es zumindest Oliver East erlebt, ein britischer Independent-Comickünstler, von dem kürzlich ein kleines, feines Buch mit seinen gezeichneten Erinnerungen an einen Deutschlandbesuch erschienen ist.

Es heißt „Berlin and that“ und ist ein künstlerisches Tagebuch, in dem East mit Zeichnungen, Texten und Collagen erzählt, wie er eine Woche lang erst durch den östlichen Teil Berlins und dann bis an die polnische Grenze gewandert ist. Was er da auf knapp 200 (bislang nur im englischen Original erhältlichen) Seiten zusammenträgt, sind bisweilen sehr unterhaltsame Beobachtungen der für einen Ausländer offenbar skurrilen Besonderheiten von Berlinern und Brandenburgern – von Briefkästen und Vogelhäuschen, die wie echte Häuser in Miniaturformat aussehen, bis hin zum rigorosen Territorialverhalten von Fahrradfahrern.

Seine Beobachtungen illustriert East mit aquarellierten Zeichnungen, die teils meditative Miniaturen und teils genaue Beobachtungen von Alltagsobjekten sind, welche alteingesessene Berliner oder Brandenburger kaum noch bewusst wahrnehmen dürften.

S-Bahn-Brücken und Baustellen, Mauern und Vorgärten üben auf den fremden Besucher, der kein Deutsch spricht und sich mit einer Miniatur-Landkarte zurechtzufinden versucht, einen geradezu magischen Zauber aus.

Drei Farben Grau: Eine Doppelseite aus dem Buch.
Drei Farben Grau: Eine Doppelseite aus dem Buch.

Easts Zeichnungen, die mit gedämpften Farbtönen koloriert wurden und in denen Menschen nur als reduzierte Strichfiguren erscheinen, haben ihren ganz eigenen, schrägen Charme.

So hat man Berlin und sein östliches Umland noch nicht gesehen, auch weil der Künstler sich bis auf den Fernsehturm von bekannten  Motiven fernhält und stattdessen auf seinen mit bis zu 24 Panels vollgestopften Seiten die morbide Schönheit des Bahnhofs Ostkreuz oder die Ästhetik von Wurstbuden und Spielplätzen, Fernwärmeleitungen und Waldstücken lobpreist.

Wie ein Schmetterlingsforscher sammelt der wandernde Künstler Impressionen, sortiert und gruppiert sie – und wird dabei unterstützt von mehr als 50 Gastkünstlern, die einzelne Schnipsel, Bilder und Collagebilder beigetragen haben.

Das Ganze verbindet East mit einem speziellen, auch selbstironischen Humor. Akribisch wird jede seiner Befindlichkeiten während der monotonen Wanderungen durch Brandenburger Wälder notiert, und wenn er mal wieder eine Seite seiner oft unzuverlässigen Landkarte abgewandert hat, führt das Strichmännchen-Alter-Ego des Erzählers auf märkischen Äckern seine Freudentänze auf.

Was den Briten eigentlich zu dieser Wanderung motiviert hat, bleibt zwar rätselhaft. Doch wer sich auf Oliver Easts Blog umschaut, hat das Gefühl, er ist einer von der Sorte, denen der Weg Ziel genug ist.

Oliver East: „Berlin and that“, 186 Seiten, Blank Slate Books, ca. 20 Euro, erhältlich u.a. bei Amazon UK, sowie in gut sortierten Comicläden wie “Grober Unfug” in Berlin. Mehr über das Buch und eine Leseprobe gibt es unter diesem Link.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben