Comic-Verfilmung : Mit Kruzifix und Trenchcoat

Johnny Depp hat die Filmrechte an "Rex Mundi" gekauft. Eine gute Wahl: In dem Comic wird eine alternative Zeitgeschichte entworfen - klug gemacht und schön anzuschauen

Johannes Thumfart
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Mittelalter im 20. Jahrhundert. "Rex Mundi" entwirft eine alternative Version der europäischen Geschichte.Illustration: Ehapa

Comics werden zwar als "neunte Kunst“ bezeichnet. Dass eine zeitgenössische Serie außerhalb der hermetischen Gemeinde ihrer Fans Beachtung findet, ist dennoch selten. Ausnahmen sind die grandiosen Serien "Watchmen" und "From Hell". Die eine Verfilmung ist eben angelaufen, die andere wurde bereits vor sieben Jahren mit Johnny Depp in der Hauptrolle auf die Kinoleinwand gebracht.

Nun hat sich Johnny Depps Produktionsfirma Infinitum Nihil die Rechte an der Verfilmung einer weiteren Comicserie gesichert – an "Rex Mundi" des Autoren- und Zeichner-Duos Arvid Nelson und Eric Johnson. Derzeit schreibt Jim Uhls, Autor des düsteren Kinoerfolgs "Fight Club", die Vorlage zu einem Drehbuch um.

Depp beweist mit der Wahl von "Rex Mundi" Geschmack, was Comics anbelangt. Die noch unvollendete Serie - bislang sind im englischen Original fünf Bände erschienen, auf deutsch vier bei Ehapa - gehört zum Besten, was die zeitgenössische Comiclandschaft zu bieten hat.

Bemerkenswert ist Rex Mundi zuallererst wegen seines Settings. Die Serie spielt in einem fiktiven Europa der 1930er Jahre, das aus einer alternativen Version der Geschichte hervorgegangen ist. Einige weichenstellende historische Ereignisse haben nie stattgefunden. Ausgeblieben sind etwa die als Reconquista bekannte Vertreibung der Mauren aus Spanien, die Reformation, die französische Revolution und der Erste Weltkrieg. Man ist zwar technisch und modisch auf demselben Stand wie in den echten Dreißigern - man fährt Automobil, trägt weite Röcke und Trenchcoats - auf anderen Gebieten herrscht jedoch finsterstes Mittelalter.

Unfassbare Zerstörung und den Geruch von Sandelholz

In der merkwürdigen Welt von "Rex Mundi" gibt es etwa keine Trennung von Staat und Kirche. Ein Ende der Inquisition und der christlich-muslimischen Glaubenskriege ist nicht abzusehen.

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Im Netz der Verschwörung. Die Serie handelt von der mörderischen Jagd auf eine Schriftrolle, die aus einer geheimen Bibliothek...

Düstere Prophezeiungen sind auf den Straßen der europäischen Metropolen zu hören, überall herrscht Angst vor einer Anklage wegen Ketzerei.

Dem Helden der Serie, einem Pariser Arzt namens Dr. Saunière, sind die schwierigen politischen Umstände seiner Zeit jedoch eher gleichgültig. In der Tradition der Heroen des Film Noir trägt er den Kragen seines Mantels stets weit hochgeschlagen und kümmert sich wenig um die Außenwelt. Ihn plagen vielmehr sein Alkoholproblem und seine Exfreundin.

Eines Abends, ganz in der Manier des Film Noirs, bekommt Saunière überraschenden Besuch von einem alten Freund, der ihn in einer sehr dringenden Angelegenheit sprechen möchte. Es geht um eine Schriftrolle, die aus einer geheimen Bibliothek in den Gewölben der Madeleine gestohlen wurde. Saunière verspricht, das Dokument wiederzufinden. Doch seine Nachforschungen berühren offenbar gefährliches Terrain. Schon bald sind dem Protagonisten allerhand Leute auf den Fersen, die sich für den verschwundenen Text interessieren: Inquisitoren, Templer, Brüder der Geheimgesellschaft Prieuré de Sion, die auch im Da Vinci Code für verschwörungstheoretische Couleur sorgten, und ein mysteriöser Mann in Weiß. Dieser hinterlässt überall, wo er auftaucht, unfassbare Zerstörung und den Geruch von Sandelholz.

Die Mischung aus Mittelaltermystik und 30er-Jahre-Flair erinnert an Indiana Jones

Was als eine auf Paris beschränkte Kriminalgeschichte beginnt, entwickelt sich im Laufe der ersten Bände der Serie zu einer Verschwörungsgeschichte europäischen Ausmaßes. Als im vierten Band Indiana Jones einen Cameo-Auftritt als Passant auf einem Bahnsteig hat, wird dem Leser plötzlich klar, wo er diese Mischung aus mittelalterlicher Mystik und Atmosphäre der dreißiger Jahre eigentlich schon einmal gesehen hat.

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Der verschwundene Text, erfährt Saunière, hat etwas mit einem Komplott des Herzogs von Lorraine zu tun, den französischen König abzusetzen. Der proto-faschistische Herzog will Europa unter der Führung eines großfranzösischen Reiches zum letzten Kreuzzug gegen die muslimische Welt führen. Im Laufe der Erzählung gelingt es Lorraine tatsächlich, Preußen, Österreich und das Emirat Córdoba in einen Krieg zu verwickeln, der letztlich alle drei Mächte vernichten wird. Saunière wird dagegen immer tiefer in das Geheimnis um das Haus Lorraine hineingezogen, das ihn schließlich bis zu den katharischen Burgen Okzitaniens und an die Ursprünge der Gralsgeschichte führt.

Besonders gelungen ist "Rex Mundi" aber vor allem wegen Qualitäten, die nur ein Comic auszeichnen kann. Das Schnitttempo ist für das Genre der Graphic Novel atemberaubend schnell und die Cliffhanger am Ende der jeweiligen Bände lassen den Leser nach der nächsten Folge hecheln. Die Zeichnungen fangen das süßliche Ambiente Okzitaniens auf eben so suggestive Weise ein wie die düstere Atmosphäre des verregneten Paris. So gelingt Rex Mundi tatsächlich die unwahrscheinliche Verbindung von Mittelalter und Film Noir.

Arvis Nelson und EricJ: Rex Mundi, bislang vier Bände à 20 Euro auf Deutsch, Ehapa Comic Collection.

© ZEIT

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