Comicalbum „Post aus dem Jenseits“ : Rückbildungsroman

Ein Entwicklungs- und Bildungsroman über die Tücken des Lebens nach dem Tod erhält nachträglich einen Prolog – und die dadurch aufgetürmten Paradoxien zeigen sich nicht nur im grafischen Detail.

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Überladene Grafik: Eine Seite aus dem besprochenen Band. Foto: Splitter
Überladene Grafik: Eine Seite aus dem besprochenen Band.Foto: Splitter

1977 von Èric Liberge als Kritzelei in seinen Schulheften begonnen und ab 1998 als „Monsieur Mardi-Gras: Unter Knochen“ veröffentlicht, war die jenseitige Tragikomödie, die mittels Anleihen bei christlicher Kunst und Dante Alighieris Œuvre durchaus auch existenzielle Fragen aufwarf, ein ungewöhnlich nuancierter Comic.

 Von der Knochen- zur Kaffeemühle

 Die über vier Comicalben reichende Jenseits-Saga des französischen Autorenzeichners um ein im Jenseits erwachendes Skelett erfuhr dabei mit jedem Band eine thematische Erweiterung, die sich ursprünglich als schwarze Komödie beginnend hin zu einem humanistisch-existenziellen Traktat entwickelte. Bild- und Farbgestaltung verliehen dem surrealen Werk eine derart visuelle Überzeugungskraft, dass man geneigt war, von einem fantastischen Realismus zu sprechen.

Einst angefangen als Groteske in schwarzweißen Bildern, die lediglich einige Grautöne beinhaltete, verwandelte sich das ambitionierte Comicprojekt Liberges über die langandauernde Produktionszeit von fast zehn Jahren in einen moralphilosophischen Diskurs, in dem Fragen nach Endlichkeit und dem Sinn des Lebens Eingang in die komödiantische Handlung fanden. Kontextuell dazu fand ein behutsam gesteigerter Farbeinsatz statt.

Sakrale Segmentierung ohne esoterisches Brimborium - aus dem ersten Band von "Monsieur Mardi-Gras". Foto: Splitter
Sakrale Segmentierung ohne esoterisches Brimborium - aus dem ersten Band von "Monsieur Mardi-Gras".Foto: Splitter

Durch einen Akt der Bürokratie wurde die Tetralogie eingeleitet: Victor Tourterelle gelangt als Skelett ins Jenseits und wird von einem Postbeamten, der ebenso skelettiert ist wie alle anderen der dortigen Bewohner, mit einem neuem Namen versehen und erhält, prä-finale Ordnung muss sein, einen Stempel auf den Hinterkopf. Aufklärung über die Gründe seines gegenwärtigen Zustandes bleibt ihm jedoch versagt. Der in der deutschen Übersetzung „Mardi-Gras Aschermittwoch“ genannte Neuankömmling ist damit unzufrieden und beginnt die Administration des Jenseits zu hinterfragen. Bei seinem daraus resultierenden Widerstand gegen die Obrigkeit dieser freudlosen Welt und den in ihr grassierenden Fatalismus setzt Mardi-Gras unter anderem Kaffee als Waffe gegen die Ungerechtigkeiten im Leben nach dem Tod ein, was ein ausgesprochen charmanter Einfall ist.

Unfrankierte Postmoderne

Sein hohes Niveau hielt Liberge jedoch nicht konstant durch: Band zwei und vier wiesen offensichtliche Längen auf. Der dritte Band aber stellte konzeptionell wie auch in der Umsetzung den Höhepunkt der Reihe dar, hier musste Mardi-Gras sich seinen Verfehlungen im Fegefeuer stellen.

Das neue dunkle Zeitalter kam in den Vorgängerbänden auch in bunten Farben daher. Foto: Splitter
Das neue dunkle Zeitalter kam in den Vorgängerbänden auch in bunten Farben daher.Foto: Splitter

Liberges feiner Grafikstil erinnerte dabei an die Stiche seines Landsmanns Gustave Doré (1832-1883) für Dantes „Die Göttliche Komödie“ und die Panelgestaltung orientierte sich bisweilen an der Ornamentik von Flügelaltären oder Kirchenfenstern und spielte inhaltlich konsequent mit Darstellungsformen sakraler Kunst.

Eine subtile und changierende Art der Kolorierung entfaltete sich mit dem Fortschreiten der stets komplexer werdenden Handlung und mündete in einem pointierten und minimalen Farbfeuerwerk der Erlösung, die den Figuren kurz vor Schluss zuteilwurde. Am Ende holten jedoch schwärzeste Zweifel den einzigen Zurückbleibenden im Jenseits ein: dessen selbstgewähltes Schicksal einer grauen Beamtenexistenz beschloss so den Farbkreis von Handlung und Leben in den ursprünglichen Grundtönen.

Die Nackten und die Toten, der Sinn bleibt im Prequel allerdings allzu oft verhüllt: Eine Szene aus dem besprochenen Band. Foto: Splitter
Die Nackten und die Toten, der Sinn bleibt im Prequel allerdings allzu oft verhüllt: Eine Szene aus dem besprochenen Band.Foto: Splitter

Der nun erschienene Prolog „Post aus dem Jenseits“, welcher dem Werdegang von Figuren der Tetralogie nachgeht, zeigt mehr als eine Dekade später: weniger ist oft mehr. Es darf bezweifelt werden, ob die genauen Hintergründe der Herkunft des als bildlichen Symbols viel wirkungsvolleren Postbeamten, der ohne Fahrradkette durch den Raum radelt, einen nennenswerten Mehrwert bewerkstelligen. Ebenso ist der in den Vorgängerbänden sparsame Einsatz von nicht skelettierten Protagonisten einer Häufung gewichen, die sich vor allem in der Darstellung einer unbekleideten Frau manifestiert, der jedoch jeglicher Wert im Sinne einer grafischen Umsetzung von erzählerischen Inhalten abgeht – sofern diese überhaupt vorhanden sind.

Zudem machen die mittlerweile arg mit unwichtigen und raumfressenden Details überladene Grafik und esoterische Mätzchen zu Lasten der Kaffeebohne die Leichtigkeit, mit der vor über zehn Jahren Tiefgang generiert wurde, völlig vergessen. Was bleibt, ist ein Sieg profaner Diesseitigkeit über das Jenseits und ein schaler Geschmack nach seit Ewigkeiten abgestandenem Kaffee.

Empfänger unbekannt verzogen - das Titelbild des besprochenen Bandes. Foto: Splitter
Empfänger unbekannt verzogen - das Titelbild des besprochenen Bandes.Foto: Splitter

Èric Liberge: Post aus dem Jenseits, Splitter, 152 Seiten, 29,80 Euro

Hinweis: Dieser Text verwendet Elemente einer vom Autor für das Magazin „Stadtpark" 08/2009 verfassten Rezension.

 

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