Comicbiographie : Schweizer Historiengemälde

Jenseits von Wilhelm Tell: "Stockalper, König des Simplons" nähert sich der dramatischen Biographie eines bedeutenden Schweizers: Optisch beeindruckend, aber statisch, detailreich, aber überraschend undramatisch erzählt.

Katja Schmitz-Dräger
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Spektakuläres Layout. Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Illustration: Sambal Oelek / Edition Moderne

Eine Schweizer Geschichte aus der frühen Neuzeit ist Inhalt des in der Edition Moderne erschienenen Bandes "Stockalper, König des Simplons", dessen Autor Sambal Oelek, bürgerlich Andreas Müller, sich nicht zum ersten Mal mit historischen Persönlichkeiten der Schweiz befasst: Unter anderem Le Corbusier und Ernst Ludwig Kirchner sind bereits Gegenstand seiner Comics geworden. Grundsätzlich ein begrüßenswerter Ansatz, zumal hierzulande auf diesem Gebiet allzu häufig allein Wilhelm Tell aus einer einzigen gigantischen Wissenslücke ragt.

Gefördert von der Schweizerischen Stiftung für das Stockalperschloss fasst die vorliegende Publikation die Geschichte um den Sturz und die triumphale Wiederkehr des Schweizer Bankiers, Kaufmanns und Politikers Kaspar Stockalper vom Thurm in Comicform. Dieser fällt 1678 in Sitten einer Intrige zum Opfer: Während einer Landratssitzung wird er verhaftet und aller Ämter enthoben. Nur im Austausch gegen einen beträchtlichen Teil seines Vermögens kann er sein Leben vorerst retten und flieht ins Exil nach Domodossola. Doch seinen Gegnern gelingt es nicht, seinen Einfluss dauerhaft zu beschränken: Stockalper kehrt nach wenigen Jahren nach Brig zurück und nimmt seine Position als Landeshauptmann wieder ein; sein Widersacher stirbt einen unansehnlichen Tod.

Es ist ein ehrgeiziges und höchst aufwändig gestaltetes Werk, mit dem hier der 400. Geburtstag des historischen Unternehmers gewürdigt wird.

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Die detaillierten Zeichnungen und das spektakuläre Layout jeder Doppelseite fallen sofort ins Auge und versetzen den Betrachter ein ums andere Mal in Staunen. Da sind die Tiermotive, von denen je eines jede Seite bestimmt und sich mit den streng rechteckigen Bildsequenzen zu einem organischen Ganzen verbindet - eine Anspielung auf den stets zwischen Aufklärung und mittelalterlichem Aberglauben changierenden Zeitgeist.

Die Hörner eines Steinbocks werden zum Mühlrad

In der Tat ist es beeindruckend, wie virtuos Sambal Oelek den Flügel einer Eule in die Bergkette eines Bildhintergrundes, den anderen in die Mauern eines Turmes auf einem anderen Bild übergehen lässt, während ihre Augen gleichsam mit den kragenumkränzten Köpfen zweier Gerichtsherren verschmelzen. Die Hörner eines Steinbocks werden auf gleiche Weise zu einem Mühlrad und einem Torbogen, und auf gleiche Weise fügt sich auf jeder Seite ein Buchstabe ins Bild: hier greift der Autor die populären Spielereien der Epoche auf. Zusammengesetzt ergibt sich der Stockalpersche Wahlspruch, ein Anagramm seines Namens. Fraglos lässt sich einiges entdecken in diesem detailverliebten Werk; alles ist genau geplant und durchdacht. Dass der Autor von Haus aus Architekt ist, verwundert nicht.

Das allerdings ist zugleich das zentrale Problem des Bandes: Die Überlegtheit der Zeichnungen lässt sie zugleich allzu steif wirken; den einzelnen Bildern wie auch der Geschichte geht die Dynamik, die die grandios layouteten Doppelseiten beim ersten Blick versprechen, praktisch vollständig ab. Dabei bleiben nicht nur Mimik und Gestik der Figuren statisch wie auf alten Gemälden oder bei minderbegabten Schauspielern; auch in den Dialogen und den Handlungsabläufen werden die Bemühungen des Autors zu deutlich spürbar.

Macht, Geld, Lügen, Intrigen, Tod - und dennoch ist die Geschichte zäh

Sambal Oelek alias Andreas Müller hat kiloweise Quellen und Forschungsliteratur gewälzt und schafft es am Ende nicht, die Geschichte davon zu befreien. Da werden Schuldenbeträge, Salzpreise oder das Schlossinventar minutiös beziffert, ohne dass der heutige Leser mit der Detailfülle allzu viel anfangen könnte, und immer wieder beschleicht einen anhand eines für die Handlung belanglosen Dialogs das Gefühl, dass hier Quellenzitate strapaziert werden, von denen sich der Autor partout nicht trennen mochte. Dass die Tiermotive auf den Doppelseiten auch nahezu jedes Mal, komme was da wolle, im Text untergebracht werden, verstärkt den Eindruck des Gewollten.

Schade, dass diese angekündigte "dramatische Episode der Schweizer Geschichte" so vollständig undramatisch erzählt wird, obwohl das Material - Macht, Geld, Lügen, Intrigen, Frauengeschichten, Tod - durchaus alles hergibt, was es für eine spannende Geschichte braucht. So aber erstickt die Geschichte an all der Präzision, und es kommt ein eher zähes Stück heraus, durch das man sich mühsam ackert. Die Frage drängt sich auf, warum es ausgerechnet ein Comic hat sein sollen, wo der Autor sich am Ende doch lieber auf das mitgelieferte erklärende Bonusmaterial verlässt - einer jener unbeholfenen Versuche des Interesseweckens bei jüngeren Generationen?

"Stockalper, König des Simplons" ist ein schön anzusehender Band mit vielen nützlichen Informationen im Anhang, und als Aufbereitung der Geschichte im Rahmen der Gedenkfestlichkeiten für bereits Informierte bestimmt tauglich. Darüber hinaus Aufmerksamkeit auf sein Sujet lenken wird er allerdings vermutlich nicht: Herr Stockalper bleibt vorläufig ein exklusiv schweizerisches Thema und versäumt die Gelegenheit, Wilhelm Tell etwas Gesellschaft zu verschaffen.

Sambal Oelek: Stockalper, König des Simplons. Edition Moderne, 48 Seiten, 19,80 Euro.

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