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Comicforschung : „Da ist kein Platz für Frauen“

27.10.2009 17:58 Uhr
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Realer als sie aussehen. Die meisten Figuren aus dem Tim-und-Struppi-Universum sind von Menschen beeinflusst, die Hergé nahestanden oder die damals prominent waren. - Illustration: Hergé/Carlsen

Der Tintinologe Michael Farr über die realen Hintergründe von „Tim und Struppi“ und das geheime Liebesleben der Hauptfigur der Serie.

Mister Farr, Sie gelten als der wichtigste Experten für die realen Geschichten und Ideen hinter den Tim-und-Struppi-Comics, jetzt haben Sie den Band „Tim & Co“ über die Vorbilder für die Comicfiguren veröffentlicht. Welches war für Sie die größte Überraschung bei Ihren Recherchen?

Ich habe im Lauf der vergangenen Jahre viele Entdeckungen gemacht. Die meisten sind Kleinigkeiten – aber hochinteressante Kleinigkeiten. Ich habe mich jahrelang durch den privaten Nachlass von Hergé gearbeitet und dabei zahlreiche Fotos und andere Dokumente gefunden, die dann früher oder später in seinen Büchern wieder auftauchten.

Zum Beispiel eine Akte mit alten Flugprospekten unter anderem aus Indien – die Stewardessen darin tragen genau die gleichen Uniformen wie später die Stewardessen in einem Tim-und-Struppi-Album.

Hergé war offenbar sehr detailbesessen…

Ja, ich habe zum Beispiel auch eine Postkarte von 1944 gefunden, die Hergé von einem Kollegen bekommen hat. Darauf waren Gegenstände aus einem Marinemuseum zu sehen, wie etwa ein Kronleuchter aus dem Steuerrad eines Schiffes. Und siehe da: Genau den gleichen Kronleuchter finden wir später bei Tim und Struppi im Band „Das Geheimnis der Einhorn“. Es gibt unzählige Fundstücke dieser Art.
Noch mehr Beispiele?

Ich habe einen ganzen Ordner mit Material über Australien gefunden. Meine Theorie ist: Hätte Hergé mehr Zeit gehabt, hätte er Tim und Struppi dort auch noch hinreisen lassen. Wir wissen, dass Hergé ein sehr starkes Interesse an der Lage der Ureinwohner dort hatte, wie auch an der Lage der Indianer in Amerika, deren Schicksal er in „Tim in Amerika“ aufgegriffen hat. Das ist typisch Hergé: Er ist immer auf der Seite der Unterdrückten, der Underdogs gewesen.

Hat Hergé dieses Material und Ideen für seine Werke systematisch gesammelt?

Nicht nur. Er hatte immer ein Notizbuch dabei, um Ideen aufzuschreiben, wenn sie kamen. Auch nachts. Er träumte viel, und wenn er aufwachte, machte er sich oft Notizen, die er dann später für seine Bücher benutzte. Er schrieb jede Einzelheit nieder, aber auch Ideen, Namen, Situationen, Szenen. In seinen Archiven finden sich unzählige Ideen, von denen nur die letzten benutzt wurden. So hat er im letzten vollendeten Tim-und-Struppi-Band endlich Kapitän Haddock einen Vornamen gegeben: Archibald. Aber in seinen Notizen finden sich mehr als 30 andere Vorschläge, wie der Kapitän mit Vornamen hätte heißen können.

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Auch Weltenbummler machen mal Pause: Die Figur des Tim wurde von mehreren realen Vorbildern inspiriert. - Illustration: Hergé/Carlsen

Was die realen Personen hinter den Comicfiguren angeht, beschreiben Sie in Ihrem Buch noch ausführlicher als in früheren Veröffentlichungen, wie Tims Äußeres von Hergés jüngerem Bruder inspiriert war, seine Persönlichkeit aber von dem in den 30er Jahre berühmten Starreporter Albert Londres. Wie kommen Sie darauf?

Es gibt diverse Zitate von Hergé, die das belegen. Londres war ein Vorbild Hergés, ein investigativer Reporter, der viel reiste und mit abenteuerlichen Geschichten zurückkehrte – was Hergé selbst auch gerne getan hätte. Und Fotos von Hergés jüngerem Bruder Paul zeigen ganz klar dessen äußerliche Ähnlichkeiten mit Tim. Dieses Foto hier im Buch habe ich von einer einstigen deutschen Freundin des Bruders bekommen, die ihn kennenlernte, als er nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland stationiert war. Er hatte eine Tolle, wie Tim, und wurde von seinen Kameraden immer als „Major Tintin“ gehänselt, wie Tim im Original heißt.

Und das war vor Ihren Recherchen nicht bekannt?

Viele Leute gingen bislang davon aus, dass das Vorbild für Tim Hergé selbst war. Das ist ja auch wahr, aber es ist eben nicht die ganze Wahrheit. Moralisch mag Hergé selbst das Vorbild für seine Figur gewesen sein, aber vom Aussehen ist es eindeutig sein Bruder Paul - und für die Handlung stand Albert Londres Pate.

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Mit seiner klaren Linienführung, der "Ligne claire", wurde Hergé zum einflussreichsten Comic-Künstler Europas. Er starb 1983. - Foto: Carlsen

Tim selbst ist ja ein ziemlich makelloser Charakter und wirkt in seiner Charakterisierung nicht gerade sehr realistisch...
Das empfand irgendwann auch Hergé so. Als er älter wurde, wollte er eine neue Figur schaffen, die eine menschlichere Seite seiner selbst zeigte – denn Hergé war ein lebenslustiger Mensch, der gerne feierte, gut aß und trank. Die Essen, die ich mit Hergé hatte, gehören zu den größten Festmahlen meines Lebens, großartige Weine eingeschlossen. Und er verlor öfter mal seine Geduld und fluchte. So schuf er 1940 den versoffenen Kapitän Haddock, der nach elf Jahren in der Serie auftauchte und von da an Tim begleitete – für Hergé ein Weg, seine andere, weltlichere Seite zu zeigen.

Was in Hergés Werk auffällt: Tim hat zwar Wegbegleiter für seine Abenteuer, aber keine richtig enge Beziehung…
Hergé war ein Mensch, der ein sehr aktives Privatleben hatte, er hatte viele Freunde und ein Auge für schöne Frauen, vor allem für jüngere, mit denen die Beziehungen nicht immer problemlos waren. Aber er behielt dieses Privatleben für sich!

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Lernte als Journalist Hergé kennen: Michael Farr, britischer Tintinologe. - Foto: Lars von Törne

Bemerkenswert ist, dass seine Hauptfigur Tim sich fast nur mit Männern umgibt und so gut wie keine Frauen in seinem Leben auftauchen. War Tim schwul?

Ich verstehe, wieso jemand das denken könnte. Und Tim ist ja auch in der schwulen Community für viele ein Held, ein Vorbild. Das ist auch gut so – aber Hergé selbst wäre darüber sehr erstaunt. Er war das Gegenteil von schwul: Sein Interesse an Frauen war so groß, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass er Tim als schwule Figur anlegte. Hergé sagte mir einmal: Tim ist ein Abenteurer, er lebt ein schnelles, gefährliches Leben, da ist kein Platz für Frauen – mit Ausnahme der Opernsängerin Bianca Castafiore.

Das Gespräch führte Lars von Törne

Der Brite Michael Farr (56) ist Journalist und gilt als einer der führenden Experte für die von Hergé erschaffene Comic-Reihe „Tim und Struppi“. Jetzt hat Farr das Buch „Tim & Co“ über die historischen Vorbilder der Figuren veröffentlicht (Carlsen, 130 Seiten, 24,90 Euro). Zuvor erschien von ihm der Band „Auf den Spuren von Tim und Struppi (205 Seiten, 35 Euro). 

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