Comicforschung : Invasion aus dem Alltag

Immer öfter behandeln Comics reale Ereignisse, politische Themen und Autobiographisches. Jetzt hat eine Fachtagung das Spannungsverhältnis zwischen Fakt und Fiktion untersucht.

Christoph Haas
Ich und Ich: Auch die im Tagesspiegel zuerst veröffentlichten "Da war mal was"-Strips von Flix waren ein Thema der Tagung.
Ich und Ich: Auch die im Tagesspiegel zuerst veröffentlichten "Da war mal was"-Strips von Flix waren ein Thema der Tagung.Foto: Flix

So eskapistisch und realitätsblind, wie man es ihnen gerne vorgeworfen hat, waren Comics nie – auch wenn sie sich vor allem an Kinder und Jugendliche richteten. Unbestreitbar ist aber, dass sich das Medium in den vergangenen zwei Jahrzehnten weit stärker, als es früher der Fall war, der Wirklichkeit zugewandt hat. Und dies in vielfacher Form: Sei es als Reportage, als bekenntnishafte oder fiktionalisierte Autobiographie, als dokumentarische, mehr oder minder didaktisch orientierte Schilderung historischer Ereignisse und historischer Persönlichkeiten.

So war es angemessen, dass die sechste Jahres-Tagung der „ComFor“, der deutschen „Gesellschaft für Comicforschung“, die am vergangenen Wochenende in Passau stattfand, sich mit diesem Boom einmal genauer auseinandersetzte. In seinem Eröffnungsvortrag konstatierte Pascal Lefèvre (Brüssel) zunächst die Unübersichtlichkeit des Feldes, das es zu untersuchen galt, versuchte dann aber eine Typologie herauszuarbeiten. Als „poetisch“ bezeichnete er dokumentarische Comics, die stark auf ästhetische Effekte setzen, als „expositorisch“ dagegen solche, die vor allem den Anspruch haben, zu informieren, Wahrheiten zu verkünden. Im „partizipatorischen“ Typ setzt sich der Zeichner als investigativer Journalist selbst prominent in Szene, während im „performativen“ Typ die Subjektivität des Geschilderten betont wird.

Von Flix bis Craig Thompson

Als zentral erwies sich in mehreren Vorträgen die Problematisierung des Authentizitätsanspruchs, den nicht-fiktionale Comics erheben. Rüdiger Singer (Göttingen) erläuterte, in welchem Spannungsverhältnis zwischen gegenwarts- und vergangenheitsdominiertem Erzählen die Schilderung des DDR-Alltags  in „Da war mal was“ von Flix und „drüben!“ von Simon Schwartz steht: Auch wenn das erinnernde Ich sich hinter dem erinnerten Ich verbirgt, bleibt es als ordnungsstiftende Instanz unterschwellig präsent. Mit Bezug auf Craig Thompsons „Blankets“ und Alison Bechdels „Fun Home“ definierte Christian Heuer (Freiburg) autobiographische Comics als „narrative Akte persönlicher Selbstvergewisserung“. Authentizität ist unter dieser Prämisse nicht schlichte Wiedergabe von etwas real Vorhandenem, sondern Ergebnis einer sorgfältigen Strategie des Auswählens und Beglaubigens, in dem das Einstreuen von Tagebuchaufzeichnungen und Fotos eine große Rolle spielt.

Subjektive Sicht: Eine Szene aus Joa Saccos Gaza-Reportage.
Subjektive Sicht: Eine Szene aus Joa Saccos Gaza-Reportage.Illustration: Sacco

Als wichtiger Auslöser für den Zusammenprall von amerikanischen Comics und Wirklichkeit wurden die Kriege deutlich, in die sich die USA in den vergangenen Jahrzehnten verwickelten. Michael Freund (Wien) analysierte im Vergleich früher und aktueller Folgen des legendären Zeitungs-Strips „Doonesbury“ von Gerry Trudeau, welch unterschiedliche Bilder hier für den Vietnam- und den letzten Irak-Krieg gefunden werden. Bleibt es im ersten Fall bei harmlosen Gags, die mit der Realität des Tötens und Sterbens kaum etwas zu tun haben, so wird diese im zweiten Fall unbarmherzig und im Zweifelsfall unter Verzicht auf punch lines thematisiert. Eine derart explizite politische Stellungnahme ist, wie Lars von Törne (Berlin) bemerkte, sonst nur in amerikanischen Independent-Comics möglich. In impliziter Form gibt es aber auch in den Titeln der Großverlage DC und Marvel eine lebhafte Beschäftigung mit 9/11 und dessen Folgen – von Törne zeigte das Cover eines Comic Books, in dem ausgerechnet Captain America, der patriotischste aller Superhelden, nach Guantanamo gerät.

Tims Struppi als Absage an den „Authentizitäts-Fetisch“

Mehrfach kam die Rede auch auf Joe Sacco, der mit seinen Graphic Novels über den Krieg im früheren Jugoslawien und den israelisch-palästinensischen Konflikt zu den Begründern der Comic-Reportage zählt. Randy Duncan (Arkadelphia, USA) skizzierte die künstlerische Entwicklung Saccos: Ging es diesem anfangs vor allem darum, seine persönlichen Erfahrungen mitzuteilen, so hat er sich inzwischen dem investigativen Journalismus angenähert und legt großen Wert auf intensive Recherche. Wegen der israelkritischen Haltung, die er einnimmt, ist Sacco allerdings auch umstritten. Catherine Michel (Halle) zeigte, dass es dafür Gründe gibt: Die Analyse einer Seite aus dem Band „Gaza“ verdeutlichte, mit welch subtilen Mitteln Sacco dem Leser die palästinensische Sicht der Dinge aufnötigt.

Geschichte von unten? Detail des Covermotivs des Albums „Flug 714 nach Sydney“.
Geschichte von unten? Detail des Covermotivs des Albums „Flug 714 nach Sydney“.Foto: Carlsen

Der berühmteste Reporter, den die Comics hervorgebracht haben, bleibt aber der 1929 von Hergé erfundene Tintin, der in deutscher Übersetzung als Tim seine Abenteuer erlebt. Ole Frahm (Hamburg) forderte dazu auf, die Serie nicht nur als humoristische Absage an den „Authentizitäts-Fetisch“, der den dokumentarischen Comics teuer ist, zu begreifen, sondern auch als „Biographie eines Hundes“. Allein Struppi, Tims treuer Foxterrier, weiß am Ende des 1968 erschienenen Albums „Flug 714 nach Sydney“ was tatsächlich passiert ist; allen anderen Protagonisten wurde von Außerirdischen das Gedächtnis gelöscht.

In der direkten Ansprache des Lesers gibt Struppi sich als Erzähler einer „Geschichte von unten“ zu erkennen: Nur der Hund weiß, was das Fassungsvermögen der zweibeinigen Vertreter „bürgerlicher Subjektivität“ hoffnungslos übersteigen würde. Mit ihren pointiert-provokativen Akzentverschiebungen zählte Frahms Vortrag zu den Höhepunkten der informativen Veranstaltung, die allerdings ein wenig darunter litt, dass die Redezeiten durchweg zu knapp bemessen waren.

Eine kürzere Fassung dieses Berichts erschien zuerst in der „Süddeutschen Zeitung“. Wir danken für die freundliche Genehmigung zur Zweitveröffentlichung. 

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