Comicgeschichte : Buntes Gegengift

Bei Comics verstand die DDR-Führung keinen Spaß. Eine neue Studie ergründet den Erfolg der „Mosaik“-Reihe und der Digedags.

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Grenzenlos: Mit den Digedags konnten DDR-Leser überall hinreisen, in diesem Fall in die USA.
Grenzenlos: Mit den Digedags konnten DDR-Leser überall hinreisen, in diesem Fall in die USA.Illustration: Tessloff

Im Dezember 1958 landete ein Raumschiff in der Sahara - sehr zur Verwunderung hunderttausender Comicleser in der DDR. Warum versandeten die „Mosaik“-Abenteuer der Römerzeit so unvermittelt hier in Heft 25? Warum musste es im Weltraum weitergehen?

Grund 1: Ein gutes Jahr zuvor war der Sputnik um die Erde geflogen, der erste Satellit überhaupt, ein sowjetisches Gerät, welches seither die Überlegenheit des Sozialismus über den Kapitalismus symbolisieren sollte.

Grund 2: Im Jahr 1957 hatte die SED den „Neuen Kurs“ für beendet erklärt und die ideologischen Fesseln enger gezogen. Freimütige Debatten wurden unterbunden, und eine unpolitische Comicreihe wie das „Mosaik“ galt nicht mehr als zeitgemäß. In einem Zeitungsartikel hieß es: „Sollten Autoren und Redaktion mit der Ausrede kommen, sie möchten ihre Serie spaßig aufziehen, so sei ihnen eindeutig gesagt: In grundsätzlichen Erziehungsfragen verstehen wir keinen Spaß.“ Die „Mosaik“-Helden, Dig, Dag und Digedag, hatten bislang keinen fortschrittlichen Klassenstandpunkt erkennen lassen. Das sollte sich so schnell wie möglich ändern.

Grund 3: Die Produktion eines Comics ist keine kurzfristige Angelegenheit; beim „Mosaik“ wurde ein Jahr vorgearbeitet. Daher nahmen die Leser die Konsequenzen des Jahres 1957 erst im Dezember 1958 zur Kenntnis. Nun sollte Schluss sein mit Spaßgeschichten, die in vergangenen Epochen spielten, jetzt ging es ins All und in die Zukunft, in eine Welt, die den Ideologen geeigneter erschien, um darin zeitgemäße Themen wie Kybernetik, Klassenkampf und Sozialismus zu behandeln.

Bestseller in knappen Zeiten

Durch Raum und Zeit. Die „Mosaik“-Abenteuer der Digedags erscheinen als Neuauflage bei Tessloff/Junge Welt.
Durch Raum und Zeit. Die „Mosaik“-Abenteuer der Digedags erscheinen als Neuauflage bei Tessloff/Junge Welt.Illustration: Tessloff

Wer in der DDR aufgewachsen ist, der kennt das „Mosaik“. Es war die einzig wirklich erfolgreiche Comicreihe der DDR, 1955 gegründet und in Auflagen gedruckt, die sich stets an den knappen Papierressourcen bemaßen, nicht an der Nachfrage. Im Jahr 1989 verkaufte der Verlag „Junge Welt“ monatlich eine Million Stück, so viel wie nie zuvor und nie danach.

Die großen Zeiten des „Mosaik“ lagen da schon viele Jahre zurück. Das jetzt erschienene Buch „Die geheime Geschichte der Digedags“ von Mark Lehmstedt widmet sich diesen großen Zeiten, es erzählt von den Anfangsjahren, in denen das „Mosaik“ ein „Anticomic“ sein sollte, ein Gegengift zur „Schund- und Schmutzliteratur“ des Westens. Und es erzählt von den Kämpfen der sozialistischen Pädagogen und Verlagsaufseher, denen das „Mosaik“ zu bunt und lustig war. Es waren Kämpfe gegen Johannes Hegenbarth, der das „Mosaik“ mit seinen Figuren Dig, Dag und Digedag erfunden hatte und dessen Pseudonym bis 1975 auf dem Titel stand: „Mosaik von Hannes Hegen“.

Die Pein der alten Jahre

Dass er nicht der geniale und alleinige Autor und Zeichner war, als der er gelten wollte, ist länger schon bekannt. Er ließ ein Kollektiv von Zeichnern sowie einen hochtalentierten Autor, Lothar Dräger, für sich arbeiten. Und er weigerte sich stur, deren Existenz oder gar Namen auf den Heften zu erwähnen. Ebenso stur weigerte er sich, aus seinem „Mosaik“ ein ideologisches Schulungsblatt zu machen. Das Buch zur „geheimen Geschichte“ widmet sich den Kämpfen und Weigerungen so detailliert, dass man meint, der Autor wolle seine Leser so schmerzhaft wie möglich an der Pein der alten Jahre teilhaben lassen; an der von Hegenbarth und jener, die die Funktionäre zu erleiden hatten.

Denn erstaunlich ist ja nicht, dass es ein Comic schwer hatte in den Zeiten des „sozialistischen Realismus“. Erstaunlich sind die Hartnäckigkeit und der Erfolg des „Mosaik“-Erfinders. Um es kurz zu machen: Der Erfolg kam vom Erfolg. Das „Mosaik“ bescherte dem staatseigenen Verlag einen guten Gewinn. Und so diktatorisch allmächtig, wie gerne angenommen, war die DDR-Staatsmacht doch nicht: Hegenbarth konnte immer mit dem Ende seines Comics drohen und also mit dem Unmut Hunderttausender.

So ist auch erklärlich, dass selbst die Weltraum-Reihe, die die Jugend vom Guten, Sozialistischen und Schönen unterrichten sollte, letztlich ein großer Klamauk wurde. Der Legende vom staatsfern-anarchistischen DDR-Comic konnte der kurzfristige Epochenwechsel in der Sahara nichts anhaben.

Mark Lehmstedt: „Die geheime Geschichte der Digedags - die Publikations- und Zensurgeschichte des ,Mosaik‘ von Hannes Hegen 1955-1975“ , Lehmstedt-Verlag, 430 Seiten, 24,90 Euro

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