Comicmarkt : Die Monster-Variationen

Variantcover, die Veröffentlichung des gleichen Hefts mit unterschiedlichen Titelbildern, sind ein beliebter Trick, um Comicfans zur Kasse zu bitten. Nun stellt eine Neuauflage von „Godzilla“ alles in den Schatten: Das Heft gibt es mit 80 verschiedenen Titeln.

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Zerstörungslust: Zwei der 75 Comic-Shops, die auf den Godzilla-Titelbildern zermalmt werden.
Zerstörungslust: Zwei der 75 Comic-Shops, die auf den Godzilla-Titelbildern zermalmt werden.Foto: IDW

Was haben Comic-Variantcover und Monster-Trashfilm-König Godzilla gemeinsam? Richtig: Beide gehören sie auf ihrem Gebiet jeweils einer Art an, die schon häufig kurz vor dem Aussterben stand, aber letztlich doch nie ganz tot zu kriegen war. Beide haben sie außerdem ihre besten Jahre lange hinter sich.

Von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen, sind spätestens seit dem Kollaps des US-Marktes gegen Ende der 1990er die Zeiten von lukrativen Spekulationsgeschäften mit golden glänzenden Foil-Variantcovern vorbei. Über „Spider-Man #1“ von Todd McFarlane, das 1990 nicht zuletzt wegen seiner diversen Variantcover-Sammlerstücke 2,5 Millionen Hefte verkaufte, oder über das für Jim Lee neu gestartete „X-Men #1“ von 1991 mit fünf Variantcovern und sagenhaften 8,1 Millionen abgesetzten Exemplaren wird heute in der Branche höchstens noch müde bis nervös gelächelt.

Variants, die dieser Tage bei den großen Verlagsgiganten Marvel oder DC erscheinen, sind in der Regel relativ erschwinglich und nur in den seltensten Fällen wirklich mal schwer zu kriegen. Höchstens ausgewählte Titelbild-Varianten zu speziellen regionalen Anlässen wie Messen oder Börsen sowie „Blanco-Variants“, auf deren weißen Heftcover Künstler ihre individuellen Sketche direkt zeichnen und signieren können, haben zumindest so etwas wie das Potenzial, etwas Besonderes zu sein und bei Ebay kurzzeitig für Furore unter den Sammlern zu sorgen, bevor der Sturm sich wieder legt. Variants sind also noch präsent – aber sie haben ihre Anziehungskraft und ihre Magie weitgehend verloren, selbst wenn sie ab und an noch schwach schimmern.

Und Godzilla? Seit dessen ersten Auftritt 1954 ist nicht nur Tokio ziemlich oft in Schutt und Asche gelegt worden. Auch sonst ist viel geschehen: Niedliche Zeichentrickserien fürs Samstagmorgenprogramm. Kreischende, blinkende Actionfiguren aus Taiwan, deren Batterien längst leer sind. Geistreiche Prosa-Verulkungen durch Autoren wie Joe Lansdale oder James Morrow. Und natürlich Roland Emmerich.

Monster-Revival mit Totgeglaubten

Wer ist also überholter und der größere Anachronismus innerhalb seines Ressorts? Good old Godzilla, der selbst noch auf dem Abstellgleis nie genug Hochhäuser und andere Monster in Grund und Boden stapfen kann – oder Comic-Variantcover-Orgien, wie sie diverse mittelgroße US-Verlage in den vergangenen Jahren gelegentlich dann doch noch immer mal wieder zelebrieren? Gute Frage – vor allem, da sich die beiden Totgeglaubten in Übersee jetzt auch noch für ein gemeinsames Monster-Revival zusammengetan haben.

Spekulationsobjekt: Das Heft „Spider-Man #1“ von Todd McFarlane verkaufte sich millionenfach - auch wegen seiner diversen Variantcover.
Spekulationsobjekt: Das Heft „Spider-Man #1“ von Todd McFarlane verkaufte sich millionenfach - auch wegen seiner diversen...Foto: Marvel

Der amerikanische Verlag Idea + Design Works (IDW) bringt nicht nur schöne Hardcover-Neuauflagen wie „The Wizard’s Tale“ oder „The Rocketeer“ heraus. Bei IDW sammelt man seit einigen Jahren auch fleißig Lizenzen und verarbeitet sie in eher durchwachsenen Comics zu „Transformers“, „G. I. Joe“, „Star Trek“ oder „True Blood“ – Produktionen für Hardcore-Franchise-Fans. Der nächste Coup des 1999 gegründeten Verlages aus San Diego, der mittlerweile zu den fünf größten Comic-Herausgebern der Vereinigten Staaten gehört: Die Auferstehung Godzillas, und zwar im Comic!

2012 soll der unermüdliche Antiheld erneut in einer amerikanischen Filmproduktion zu sehen sein – Grund genug für die IDW-Macher, den Monsterfilm-Oldie schon ab März 2011 eine neue Heftserie zu spendieren, obgleich Godzillas Glanzzeiten selbst im Comic weit zurückliegen, als der „King of the Monsters“ 1979 in seiner eigenen, gerade mal 24 Hefte umfassenden Marvel-Serie einst sogar gegen die Rächer um Iron Man und Thor antrat.

Damit die neue IDW-Serie 2011 trotzdem richtig gut aus den Startlöchern kommt, hat man sich nicht nur die Dienste von „Green Arrow“-Zeichner Phil Hester und von Autor Eric Powell gesichert, dem Mann hinter der Erfolgsstory des ordentlich unanständigen „Goon“. Zusätzlich bekommt „Godzilla #1“ gleich noch eine ganze Heerschar Variant-Cover. Fünf davon standen von vorne herein fest: Das Standardcover, ein Variantcover von Alex Ross („Marvels“), ein Variant für den Fachhandel, ein umlaufendes Wraparound-Cover von Powell sowie das limitierte Variant, das es im April exklusiv auf der Wondercon in San Francisco geben wird.

75 Comicläden lassen sich zertrampeln

Die übrigen 75 Variants von Cover-Zeichner Matt Frank waren aufgrund einer ganz besonderen inhaltlichen Komponente die große Variable in IDWs Spiel mit den Varianten. Das Ergebnis dürfte den Verlag mehr als zufriedenstellen: 75 amerikanische Comicshops konnten am Ende nicht der Versuchung widerstehen, die Ladenfront oder das übergroße Logo ihres Shop-Heiligtums auf einem eigens gezeichneten Variantcover von Godzillas Fuß zertrampelt zu sehen. „Brillante Idee!“, sagt Laurie Biedrzycki, eine der Besitzerinnen von Dreamland Comics in Schaumburg, Illinois. „IDWs Außendienst hat mich informiert“, erzählt ihr Zunftgenosse William Binderup, Besitzer von Elite Comics in Overland Park, Kansas. „Ich bin ein großer Godzilla-Fan, und so brauchte es nicht viel, mich an Bord zu kriegen. Der Cover-Künstler von IDW hat das Variantcover schnell und gut hinbekommen.“ Im Falle von Acme Comics in Greensboro, North Carolina, brauchte es allerdings ein paar Versuche, wie Assistant Manager Stephen Meyer verrät: „Ich habe verschiedene Versionen unserer Ladenfront und unseres Logos hingeschickt, die dann von Zeichner Matt Frank interpretiert und zur Absegnung an Toho [japanischer Rechteinhaber von Godzilla, Red.] geschickt wurden. Wir mussten drei oder vier Versionen des Covers ausprobieren, bis wir alle übereinstimmten. Doch es war ein faszinierender Prozess.“

Monstermasche: Ein weiteres Godzilla-Cover.
Monstermasche: Ein weiteres Godzilla-Cover.Foto: IDW

Also wird die Front von Acme Comics ebenso wie die Fassaden von Elite Comics, Dreamland Comics und 72 weiteren amerikanischen Comicläden auf einem der 75 exklusiven Shop-Variants von „Godzilla #1“ zerstört werden. Dafür mussten Meyer, Binderup und die anderen Comichändler immerhin „nur“ läppische 500 Hefte der ersten Godzilla-Ausgabe für ihren Shop ordern, sodass IDW die normale Auflage des Serien-Starts am Ende um satte 37.500 Hefte aufstocken konnte. Diese Hefte in der Buchbinderei mit einem eigenen Umschlag pro 500 Hefte zu versehen, ist in modernen Weiterverarbeitungen kein Problem. Nichtsdestotrotz erhöht IDW die Erstauflage von „Godzilla #1“ dadurch um eine Zahl, von der so manche Marvel- oder DC-Serie nur träumen darf, während sie fröhlich mit etwa zwei Drittel weniger Heften pro Monat am zugigen Abgrund zur Einstellung taumelt.

Ein amerikanisches Phänomen? Nicht unbedingt

Der Marketing-Stunt des Comic-Frühlings ist Godzilla und IDW damit also geglückt. Denn höher war die Auflage eines Comics des US-Verlages bisher nie. Und die Shops? Die müssen durch die Bank von echten Godzilla-Enthusiasten geführt oder erpresst werden. Jedenfalls gibt man sich allenthalben optimistisch, was die 500 vorfinanzierten Hefte angeht, die Anfang März in den Staaten ausgeliefert werden und dann unters Volk gebracht werden müssen. „Alle 500 Hefte werden zwischen dem Erstverkauftag und dem Free Comic Book Day [dem amerikanischen Vorbild zum Gratis Comic Tag, der in Deutschland ebenfalls im Mai stattfindet, Red.] leicht zu verkaufen sein“, prognostiziert William Binderup zuversichtlich. Stephen Meyer in Greensboro sieht es ähnlich: „Wir haben über 400 Kunden, die regelmäßig vorbeischauen, und Matt Frank wird am Free Comic Book Day bei uns vor Ort signieren, was für gewöhnlich noch mal 1500 Besucher in den Laden bringt. Ich habe keinen Zweifel daran, dass wir alle Hefte binnen weniger Monate nach Erscheinen verkauft haben werden.“ Und auch in Illinois regiert das Vertrauen. So prophezeit Laurie Biedrzycki geradezu enthusiastisch: „Über unsere Website und den Laden werden wir die 500 Hefte definitiv verkaufen!“ Ein amerikanisches Phänomen? Nicht unbedingt: „Ich hätte da vermutlich auch mitgemacht“, meint Bernie Sterner vom Würzburger Comicladen Hermkes. „Irre Aktion. Und wenn man’s mal durchrechnet, eigentlich gar nicht so übel: Wenn die in den Staaten die Hälfte der 500 Hefte verkaufen, haben sie ihre Kosten schon wieder reingeholt und eine super persönliche Werbung.“

Wahrscheinlich werden sich die Erwartungen der mit maßgeschneiderten Variantcovern bestückten Händler also erfüllen. Interessanter dürfte es da schon sein, ob neben den Stammkunden mit Sinn für kuriose Erinnerungsstücke an „ihren Laden“ einige eisenharte Sammler tatsächlich versuchen werden, alle Titelbilder über die Websites der jeweiligen Shops und natürlich via Ebay zu bekommen. Noch viel spannender wird es dann in ein paar Monaten, wenn absehbar wird, wie sich der reanimierte Godzilla ohne die künstlich in die Höhe getriebene Druckauflage und den Rummel um die erste Heftnummer schlägt. Schon jetzt steht fest: Im schier unausweichlich erscheinenden Nachruf auf die Serie werden die spektakulär-irrwitzigen 80 Variants genauso Erwähnung finden wie in diversen Markt- und Jahresberichten für 2011. Hier und da sicherlich mit ausreichend Häme. Andererseits haben gerade Godzilla und Variantcover bewiesen, dass Totgesagte länger leben.

Alle Variantcover von Godzilla #1 gibt es unter diesem Link zu sehen.

Mehr von unserem Autor Christian Endres findet sich auf seinem Blog: www.christianendres.de. 

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