Comicmarkt : Unter Schatzsuchern

Sie wollen nur erzählen: Deutsche Comic-Künstler finden im Ausland mehr und mehr Resonanz. Auf dem Comicfestival in Angoulême wurden sie so interessiert wie lange nicht mehr wahrgenommen.

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Großer Auftritt: Ulli Lust beim öffentlichen Interview in Angoulême.
Großer Auftritt: Ulli Lust beim öffentlichen Interview in Angoulême.Foto: Klaus Schikowski

Wenn die Comic-Zeichnerin Ulli Lust lacht, dann scheint ihr ganzes Gesicht zu strahlen. Und diese Fröhlichkeit ist ansteckend. Spricht sie allerdings über ihre Projekte, etwa über ihr fulminantes Buch „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ oder die Online Comic-Plattform www.electrocomics.de, dann lacht sie zwar auch, aber sie wird ernsthafter und dringlicher und man merkt, dass ihr das Thema auf der Seele brennt. Zurzeit hat Ulli Lust viel zu lachen und auch viel zu erzählen, denn sie war so etwas wie ein kleiner, unerwarteter Überraschungserfolg in Frankreich auf dem 38. Festival international de la Bande Dessinée: Sie war gemeinsam mit Moebius beim Ministeressen eingeladen, die französische Fachpresse feierte ihr Buch, und am Ende des Festivals gab es dafür auch eine ehrenvolle Auszeichnung, den Prix révélation für den besten Erstlingscomic.

Dies ist im zweiten Jahr hintereinander eine Auszeichnung in Angoulême für einen deutschsprachigen Künstler nach dem Preis für Jens Harders Welten-Chronik „Alpha“. Wer nun glaubt, dass Auszeichnungen für deutschsprachige Zeichner häufiger vorkommen, der sieht sich getäuscht: Bislang haben nur 1999 das Magazin „Panel“ (als bestes Fanzine) und Ralf König 2005 (für das beste Szenario „Wie die Karnickel“) einen Preis mit nach Hause nehmen dürfen. Harder und Lust waren damals noch Teil der mittlerweile aufgelösten Künstlergruppe „Monogatari“  (zu der auch Tim Dinter und Mawil gehörten) – und dieser Begriff ist die japanische Entsprechung von „Geschichten erzählen“. Es scheint also, als habe diese Generation deutscher Zeichner nun also den internationalen Durchbruch geschafft.

Comic-Oscar: Ulli Lusts „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ - hier die französische Ausgabe - wurde in Angoulême mit dem Prix révélation ausgezeichnet.
Comic-Oscar: Ulli Lusts „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ - hier die französische Ausgabe - wurde in Angoulême mit...Foto: www.caetla.fr

Täglich 14 neue Comics

Der Verlag Ça et la, der die französische Ausgabe von Lusts faszinierender Italienreise veröffentlichte, hat innerhalb der ersten zwei Monate die komplette erste Auflage von 6000 Exemplaren verkauft und 4000 nachgedruckt. Diese Zahl ist auch für den französischen Independentbereich stattlich – auch wenn man meinen könnte, dass die Verkäufe dort besser sind. Aber die kleinen Verlage müssen sich erst gegen den Wust der Neuveröffentlichungen durchsetzen. Rechnet man etwa alle Neuveröffentlichungen (im Jahr 2010 waren es 5165) auf die Tage um, dann erscheinen jeden Tag in Frankreich 14 neue Comics – die Fluktuation auf dem Neuheitenregal der Buchhandlungen darf man sich ausmalen. So hat also auch der Verleger Serge Ewenczyk, der Chef von Ça et la, gut lachen. Er erzählt unumwunden, wie glücklich er über das Buch von Ulli Lust sei, er habe aber auch direkt an das Potenzial geglaubt, nachdem er es gelesen hat. Er sieht in Deutschland eine neue Generation von Comiczeichnern heranreifen, die internationales Niveau haben. Das läge auch an den Kunsthochschulen in Deutschland.

Auf dem Weg nach oben: Aisha Franz' Debüt „Alien“ erscheint in Kürze ebenfalls auch in Frankreich.
Auf dem Weg nach oben: Aisha Franz' Debüt „Alien“ erscheint in Kürze ebenfalls auch in Frankreich.Foto: Reprodukt

Deswegen hat er sich auch gleich für das Debüt der jungen Aisha Franz interessiert, das gerade unter dem Titel „Alien“ bei Reprodukt erschienen ist - eine ausführlichere Rezension folgt in Kürze auf den Tagesspiegel-Comicseiten. Der Band ist, wie mittlerweile so häufig in Deutschland, eine Abschlussarbeit, Franz studierte in Kassel bei Hendrik Dorgathen. „Alien“ erzählt geschickt komponiert die Geschichte einer Mutter und ihrer beiden pubertierenden Töchter und wie Franz die einzelnen Charaktere beleuchtet, ist beeindruckend. Einzig die naiv wirkenden Zeichnungen strahlen eine Widerborstigkeit aus, die für so manchen Leser eine Hürde darstellen. Im Gesamtkonzept wirkt diese Unfertigkeit kalkuliert, aber stimmig. So darf sich Aisha Franz nun also direkt nach Erscheinen des Buches auch schon über die erste Lizenz freuen.

Comic-Pionier Schultheiss plant neue Projekte

Eine deutsch-französische Freundschaft existiert schon länger. Thierry Groensteen von der Edition L’An 2 veröffentlichte schon Alben von Barbara Yelin, bevor sie mit „Gift“ in Deutschland bekannt wurde und auch Jens Harders „Alpha“ erschien dort, bevor sich ein deutscher Verlag herantraute.

Gezeichnetes Roadmovie. Ein Ausschnitt aus „Die Reise mit Bill“.
Gezeichnetes Roadmovie. Ein Ausschnitt aus „Die Reise mit Bill“.Illustration: Schultheiss/Splitter

Auch die Alben von Matthias Schultheiss wurden seit den 1980ern-Jahren zuerst in Frankreich und dann als Re-Import in Deutschland verlegt. Schultheiss, dem der deutsche Comic viel bezüglich internationaler Reputation zu verdanken hat, war in Frankreich ebenfalls vor Ort. Erst im letzten Jahr gab er sein Comeback mit dem Road-Trip „Die Reise mit Bill“. Seine Arbeiten liegen beim Großverlag Glénat vor, und stolz verkündet Schultheiss im Gespräch, dass „zwei neue Bücher demnächst in Frankreich kommen“, dann werde er die Fortsetzung von „Die Haie von Lagos“, einer Reihe über moderne Piraterie, angehen, die Schultheiss damals bekannt machte. Dass die deutschen Verlage nun eine Lizenz eines deutschen Zeichners erwerben müssen, liegt einzig an der Tatsache, dass ganz andere Gelder für Zeichner in Frankreich gezahlt werden, als es deutschen Verlagen möglich ist. Dennoch findet in Deutschland eine beachtliche Talentförderung statt – die sich mittlerweile auch auszahlt.

Einige Verlage machen sich nach Frankreich auf, um auf dem Festival in der „International Rights Area“ einen eigenen Stand zu präsentieren, an dem sie ihre Eigenproduktionen anbieten. So war auch der Berliner Verlag Reprodukt angereist und konnte positive Erfahrungen verbuchen. Im Verlag ist für die Rechte Sebastian Oehler zuständig, der auf die Frage, wie die deutschen Comics im Ausland angenommen werden, euphorisch ausrief: „Großartig“. Das Interesse an deutschen Künstlern habe zugenommen und Oehler wertet das auch als „Bestätigung unserer Arbeit“, denn wie kein anderer deutscher Verlag setzt Reprodukt auf hoffnungsvolle Nachwuchstalente – und im Falle von Aisha Franz hat das direkt gefruchtet, noch mehr Länder hätten an „Alien“ Interesse bekundet. Doch das deutsche Buch, welches am meisten Begehrlichkeiten weckte, war laut Oehler „Baby’s in black“ des Tagesspiegel-Zeichners Arne Bellstorf. Sein als Beatles-Comic getarntes Porträt der Hamburger Subkultur der frühen 1960er-Jahre wurde mittlerweile in sieben verschiedene Länder verkauft. Das sind Dimensionen, die man höchstens von Ralf König kennt, dessen Bände am häufigsten im Ausland verlegt wurden und die man in zwölf Ländern lesen kann.

Auch US-Verlage zeigen zunehmend Interesse

Bei Carlsen zeigte man sich ebenfalls hoch erfreut über die Resonanz, vor allem die letzten Bände von Isabel Kreitz und Reinhard Kleist waren sehr gefragt, obschon „Haarmann“ ein spezifisch deutsches Thema hat. Kleists Kuba-Chronik „Castro“ sei mittlerweile ebenfalls in „fünf oder sechs Länder“ verkauft. Christiane Bartelsen, die die Lizenzverhandlungen führte, war zudem hocherfreut, dass die amerikanischen Verlage nun auch beginnen, sich für deutsche Stoffe zu interessieren. Dort seien aber hauptsächlich Themen für Jugendliche gefragt. Allerdings hebt sie besonders hervor, dass kommende Projekte, die gerade einmal als Entwürfe und Skizzen vorliegen, großes Interesse wecken. Sollte sich dieses Interesse bestätigen, so darf man in Zukunft vielleicht auch über Koproduktionen nachdenken, wie das bei einigen internationalen Verlagen schon gang und gäbe ist – damit kann man als Verlag Druckkosten sparen. Das wirkt gar nicht mehr so illusorisch, wie noch vor einigen Jahren.

Gemeinsam sind wir stark: Das Kollektiv Treasure-Fleet, zu dem unter anderem Paul Paetzel (links stehend), Till Thomas (vorne links sitzend) und Aisha Franz (Dritte von rechts) gehören.
Gemeinsam sind wir stark: Das Kollektiv Treasure-Fleet, zu dem unter anderem Paul Paetzel (links stehend), Till Thomas (vorne...Foto: Klaus Schikowski

Es sind aber nicht nur die eingesessenen Verlage, die sich präsentieren, auch ein kleines Berliner Kollektiv ist vor Ort und hat sich einen Stand gemietet. Man nennt sich „The Treasure Fleet“ und die Idee ist es, als Minicomic-Vertrieb „Kräfte zu kanalisieren“, so Till Thomas, den man aus dem Umfeld des Magazins „Orang“ kennt. Thomas verlegt die Reihe „Zirp“ selbst, die mit ihrer strengen Stilistik und den verrätselten Inhalten immer noch ein Geheimtipp ist – aber welches bessere Publikum kann man sich aussuchen als die Besucher des Independent-Zeltes „Nouveau Monde“ in Angoulême?

Die „Schatzflotte“ hat sich im Sommer 2010 gegründet. Nach seiner Diplomarbeit („Zirp“ #4) hat Till Thomas Hamburg verlassen und ist nach Berlin gekommen. Dort traf er auf Aisha Franz, die auch Mini-Comics macht, und das Kollektiv Édition Biografiktion. Dort veröffentlicht u. a. Paul Paetzel, der in der Illustrationsklasse von Henning Wagenbreth studierte. Seine Diplomarbeit „Die Geschichte von Rudolf“ ist ein auf 109 Exemplare limitierter Mix aus Superheldengeschichte und biografischen Elementen. Da alle Zeichner eine ähnliche Ästhetik aufweisen, fand man sich schnell zusammen und nun will man mit der Website www.treasure-fleet.com nicht nur die eigenen Sachen anbieten, sondern ein Vertrieb für Mini-Comics aller Art werden.

Werbung für den deutschen Comic - mit Hilfe des Berliner Senats

Doch die jungen Künstler überzeugen auch darüber hinaus noch mit Engagement und neuen Ideen: So beantragte man beim Berliner Senat eine Förderung, die zwar normalerweise Ausstellungen zugute kommt, aber natürlich ist die Präsentation von deutschen Kunst-Comics bei einem so großen Festival nichts anderes. Deshalb sah man am Stand der „Treasure Fleet“ aufwändige Siebdruck-Comics neben handgemachten Mini-Comics und sieben Personen, die auf ihre Art und Weise den deutschen Comic im Ausland bekannt machen, mit den Mitteln der Stadt Berlin. „Die Verkäufe waren ziemlich gut, denkt man daran wie viel Konkurrenz es auf dem Festival gibt“, so Till Thomas. Es kämen durch französische, „studentische Kollektive immer wieder neue Anregungen“. Vor allem die  Art und Weise „wie wir unsere Publikationen gestalten sorgte für Aufmerksamkeit“ – man darf also den Auftritt gut und gerne als Erfolg bezeichnen.

In Deutschland entwickelt sich also der Comic aus dem Hochschulumfeld rasant, und das wird auch im Ausland interessiert wahrgenommen. Auch das Kollektiv Monogatari fand sich dereinst an der Kunsthochschule Weißensee. Womöglich ist das die große Chance für den deutschen Comic. Denn diese kurze Momentaufnahme zur Wahrnehmung deutscher Comics auf dem Festival in Angoulême könnte vielleicht ein vorsichtiger Anfang sein, dass eine neue Generation den Comic im eigenen Land seriös und nachhaltig etabliert. Letzten Endes eint doch alle nur ein Ziel: Geschichten erzählen.

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