Comicparabel : Die Magie der Möbiusschleife

Sprung durch die Zeit: Das bemerkenswerte Debüt „Aus der Nachwelt“ von Hanns Zischler und Friederike Groß illustriert, wie der deutsche Comic langsam zur internationalen Konkurrenz aufschließt.

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Besuch aus der Zukunft: Eine Seite aus dem Buch.
Besuch aus der Zukunft: Eine Seite aus dem Buch.Illustration: Groß/Alpheus

Wir schreiben das Jahr 1971. Es ist Winter in Yorba, und der fiktive Maler Leonid Kusmin lauscht in seinem Atelier der Stimme von Sir Alec Guinness. Selbige kratzt wie eine Nadel über das wohl bekannteste Gedicht der Moderne: „The Waste Land“ von T.S. Eliot. Dabei setzt die schwarze Schallfolie akustische Wellen frei, auf denen sich Eliots Verse im Raum ausbreiten, den Gehörgang des Künstlers umspülen und sich synästhetisch mit seinem Heißgetränk verbinden. So beginnt „Aus der Nachwelt“, ein Comic, in dem der Schauspieler und Autor Hanns Zischler (Text) und die Künstlerin Friederike Groß (Zeichnungen) die Grenzen der Zeit im Comic abtasten.

Mit einer sehr textlastigen Exposition macht Eigenverleger Zischler (Alpheus Verlag) seine ersten unbeholfenen Schritte auf ungewohntem Terrain. Anstatt in Bildern zu erzählen, werden  Ausgangssituation und Szenario einfach auf einer Seite heruntergeschrieben. Dankenswerterweise verzichtet Zischler schnell auf diese für den Comic atypische Erzählweise und verlässt sich auf die Zeichnungen von Groß. Autor und Illustratorin finden schnell eine gemeinsame Darstellungsebene für ihr Comicdebüt. Die lyrischen Verse Eliots passen sich dem Grafischen an: Sie beugen sich der Linienführung von Groß und werden dorthin geleitet, wo Zischler sie haben will. Doch etwas stört den gerade erst gefunden, harmonischen Einklang von Wort und Bild.

Ein unerwarteter Telefonanruf, ein weiterer akustischer Akzent, unterbricht die Ruhe von Kusmin und seinem Modell. Im Gegensatz zu den Wellen des Grammophons ähnelt das Klingeln schwarz-weißen Verzerrungen, die sich über das Papier erstrecken und den Protagonisten aus seiner Trance reißen. Der Telefonanruf ist nur Vorbote für Utamor, den mysteriösen Besucher aus der Zukunft, der Kusmin mit posthumem Weltruhm konfrontiert. Mittels einer Möbiusschleife reist der Besucher aus der Zukunft in Kusmins Gegenwart. Die daraus entstehende Geschichte ist keine epische Erzählung, sondern nur eine kurze Parabel, die als Spielfeld für das grafische Experimentieren dient. Der Anruf zieht aber noch eine weitere Konsequenz nach sich: Er unterbricht sowohl „The Waste Land“ als auch die gesamte literarische Verweisstruktur Zischlers. Ab der sechsten Seite verebbt die Intertextualität, und Zischlers Szenario stellt sich ganz in den Dienst vom Groß' Zeichnungen.

Grafische Fingerübung im Land der Dichter und Denker

Auch wenn viele Comiczeichner ihr Brot mit Illustrationen verdienen, ist doch nicht jeder Illustrator sofort ein guter Comiczeichner. Im Fall von Groß, die unter anderem als Illustratorin für die „Stuttgarter Zeitung“ arbeitet, überzeugt die Debütantin durch verschiedenste Möglichkeiten, Zeitsprünge grafisch darzustellen: Sei es das unvermittelte Auftauchen und Verschwinden von Personen von einem Panel zum nächsten, die Einführung von Farbe in einen ansonsten schwarz-weißen Comic oder das Aufeinanderprallen von Surrealismus und Symbolismus.

Was im Land der Dichter und Denker wie ein interessantes Experiment wirkt, ist im europäischen Comickontext keine wirkliche Revolution, sondern eine grafische Fingerübung. Das Hinterfragen von Zeit und das Erzählen auf der Metaebene sind Markenzeichen von Marc-Antoine Mathieu. Seine Comics gleichen einer wirklichen Möbiusschleife, da sie nicht nur die grafischen Möglichkeiten der Erzählform aufzeigen, sondern diese noch enger an die kohärente Geschichte binden und sich beiden gegenseitig ineinander verschlingen. Obwohl „Aus der Nachwelt“ kein Meisterwerk der grafischen Literatur ist, beweisen Zischler und Groß mit ihrem Debüt, dass der deutsche Comic langsam zur internationalen Konkurrenz aufschließt.

Hanns Zischler und Friederike Groß: „Aus der Nachwelt“ , Alpheus Verlag, 86 Seiten, 20 Euro.

Die Homepage unseres Autors Daniel Wüllner findet sich hier, zu seinem Blog geht es hier

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