Comics : American Angst

Bürgerkrieg in New York: 9/11-Trauma und Irak-Debakel sind im Comic angekommen. Die sonst im Kampf gegen das Böse vereinten Helden gehen dabei politisch unterschiedliche Wege.

Lars von Törne
Ground Zero
Erkundungsflug über Manhattan in "DMZ". -Foto: Vertigo

Die Freiheitsstatue ist von Kugeln durchsiebt. „Jeder Tag ist 9/11“ hat jemand an eine Hauswand gekritzelt. New York wurde von der Regierung in Washington zur militärischen Sperrzone erklärt, zur „Demilitarized Zone“, kurz DMZ. Außerhalb davon tobt ein schmutziger Krieg zwischen den Truppen Washingtons und Freistaatlern, die sich gegen die kriegerische Außenpolitik und die neoliberale Innenpolitik der Regierung stellen. Amerika steckt mitten in seinem zweiten Bürgerkrieg. Das ist das Szenario der jetzt auch in Deutschland erscheinenden grafischen Erzählung DMZ von Brian Wood und Riccardo Burchielli, dem politisch und erzählerisch anspruchsvollsten Mainstream-Comic seit langem.

Die Geschichte über den Fotojournalisten Matthew Roth, der im zerbombten New York zwischen die Fronten gerät und entdeckt, was wirklich hinter dem angeblichen Anti-Terrorkrieg steckt, ist das herausragende Beispiel einer ganzen Welle aktueller Comic-Alben und -Hefte, die die Gefühlslage der kriegsversehrten USA und ihrer Bewohner im Jahr sieben nach den Anschlägen vom 11. September und im fünften Jahre des Irakeinsatzes reflektieren. Viele dieser Werke erscheinen demnächst auch auf Deutsch im Panini-Verlag, der sich in letzter Zeit zunehmend um anspruchsvolle Comicliteratur verdient gemacht hat.

Der imaginierte Bürgerkrieg des 21. Jahrhunderts, in dem New York zum amerikanischen Bagdad wird, dient dabei nicht nur Wood und Burchielli als Szenario und Metapher für die Verunsicherung, von Propaganda begleitete Militarisierung und Spaltung Amerikas. Auch in der amerikanischsten Variante des Comic-Genres, im Superhelden-Universum, herrscht „Civil War“. So lautet der Titel eines verzweigten Epos aus dem Marvel-Verlag, in dem sich in einer Haupt- und zahlreichen Unterserien die Schockwellen von Irakkrieg und 9/11Trauma im Reich der kostümierten Muskelmutanten fortsetzen. Auf der Oberfläche ist „Civil War“ nur ein weiteres Kapitel in der Endlos-Saga um Action-Ikonen wie Spider-Man, Daredevil und Captain America, die seit Jahrzehnten weiter gesponnen wird und immer wieder aktuelle Themen aufgreift. Aber unter der Oberfläche spürt man einen Politisierungsschub, wie ihn diese Art von Mainstream-Unterhaltung lange nicht erlebt hat. So klingt die Ausgangslage der kürzlich mit großem Werbeaufwand gestarteten, auf mehr als 100 Hefte angelegten Mega-Serie wie eine Kopie der amerikanischen Innenpolitik nach 2001, von Patriot Act bis zur Heimatschutzbehörde.

Im Comic liest sich das so: Ein misslungener Polizeieinsatz gegen außer Kontrolle geratene Superhelden hat hunderte Zivilisten getötet. Für die Regierung ist das ein willkommener Anlass, um den Kampf gegen den Terror auszurufen und die Bürgerrechte einzuschränken. Geschöpfe mit außergewöhnlichen Kräften sollen sich registrieren lassen und für den Staat arbeiten. Das spaltet sonst recht staatstragende Figuren wie Iron Man und Captain America, Spider-Man und die Fantastischen Vier in mehrere Lager: Während die einen der Regierung helfen wollen, tauchen die anderen in den Untergrund ab und machen auf Bürgerrechtler. Einige wandern sogar aus, weil sie mit diesem Land, Amerika, nichts mehr zu tun haben wollen.

Aus europäische Sicht mag das banal klingen; für den vor allem von Jugendlichen konsumierten Mainstream-Superhelden-Comic mit seinem in der Regel patriotischen Subtext ist „Civil War“ ein bemerkenswert desillusionierender Exkurs zu zentralen politischen Fragen. Zwar war der Comic nie unpolitisch. Das Medium kommentiert seit seiner Entstehung die Zeitgeschichte. Das war bei den ersten Abenteuern von Superman oder Captain America so, die im ersten Weltkrieg ihren Durchbruch beim Massenpublikum feierten und sich schon mal mit Hitler oder Stalin schlugen. Und es war nicht anders beim Mutanten-Team der X-Men, dessen emanzipatorische, liberale Impulse direkt aus der Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre kamen.

Krieg und Selbstbehauptung auch in politisch turbulenten Zeiten gehören also zur Inaugurationserfahrung vieler Comichelden. Aber bislang waren die Fronten meistens klar, Gut und Böse waren eindeutig verteilt. Das ist seit den Anschlägen vom 11. September und der kriegerischen Antwort der Bush-Regierung vorbei, und so wirken die aktuellen politischen Zuspitzungen in der Comicwelt wie ein Aufschrei der Zeichner und Autoren, verpackt in fundamentale Fragen, die sie ihre fiktiven Helden diskutieren lassen: Rechtfertigen gute Gründe die falschen Maßnahmen? Wie viel Freiheit darf der Sicherheit geopfert werden? Wie sehr übertreibt die Regierung die Bedrohungsszenarien, um ihre Ziele zu erreichen? Fragen, die hier einmal nicht von den Vereinten Nationen oder linksliberalen Hollywood-Größen wie Jane Fonda oder Susan Sarandon verhandelt werden, sondern von Ikonen der Vaterlandsliebe wie Spider-Man, der seine Geheimidentität aufgibt und zum Antiterrorkämpfer des Weißen Hauses wird.

„Civil War“, dessen erste Folge in den USA zum mit 350 000 Exemplaren bestverkauften Comicheft der vergangenen zehn Jahre avancierte und auch in Deutschland mit ungewohnt hohen Verkaufszahlen auftrumpft, ist nur der auffälligste Beleg dafür, wie sehr die Grundkoordinaten der amerikanischen Weltsicht verschoben sind. Die letzte verbliebene Supermacht der Erde, ausgestattet mit mehr Kraft als jedes andere Land, zeigt sich im Spiegel seiner Fantasiegestalten tief zerrissen und gelähmt vor Angst.

Wie sehr vor allem der Irakeinsatz die amerikanische Nation spaltet, illustrieren zwei im Irak spielende US-Comics, die unterschiedlicher kaum sein könnten. „Combat Zone“ von Carl Zinsmeister und Dan Jurgens erzählt in schlichter Landserheft-Manier Heldengeschichten von GIs, die im Irak einmarschieren. Dafür verbrachte Zinsmeister 2003/4 einige Zeit als „embedded“ Reporter mit der Truppe. Das Ergebnis ist simpelste Militärpropaganda. Kameradschaft, Kampfeslust und pathetische Phrasen sollen zeigen, wie edel und zäh der amerikanische Soldat gegen den feigen Iraker kämpft. Das ist in seiner Naivität und Siegesgläubigkeit ein aufschlussreiches Dokument.

Das Gegenstück dazu ist die anrührende Fabel „Pride of Baghdad“, die demnächst als „Die Löwen von Bagdad“ auf Deutsch erscheint. Ein Rudel Löwen kommt durch die US-Bombardements aus dem Bagdader Zoo frei. Sie irren durch die zerstörte Stadt, auf der Suche nach Beute und auf der Hut vor anderen Tieren, die ihnen gefährlich werden könnten. Autor Brian K. Vaughan und Zeichner Niko Henrichon beschreiben anhand der Odyssee der Tiere durch das Kriegsgebiet, welche Hoffnungen seitens der Befreiten mit dem US-Einmarsch verbunden waren und wie sie bitter zunichte gemacht wurden. Eine Frage, die die Löwen umtreibt, lautet: Kann Frieden geschenkt werden, oder muss man ihn sich verdienen? Die Antwort gibt am Ende ein amerikanisches Maschinengewehr, das den kurzen Ausflug der Kreaturen in die Freiheit abrupt beendet.

Den realistischsten Comicbeitrag zur aktuellen Lage haben Sid Jacobson und Ernie Colón verfasst – und damit gleich ein neues Subgenre begründet: Den gezeichneten Untersuchungsbericht. Die beiden haben den offiziellen Abschlussbericht der US-Kommission zu den Anschlägen vom 11. September als bunte Bildgeschichte umgesetzt. Das Ergebnis ist eine zum Teil packende Neuerzählung der Vorgänge. Leider bleibt die holzschnittartige, an ein illustriertes Schulbuch erinnernde Adaption hinter den Möglichkeiten des Mediums zurück. Allerdings hilft es, gerade die Vorgeschichte noch einmal mit Bildern vor Augen geführt zu bekommen. Die Vorgänge um die Hamburger Terrorzelle wirken wie der fantastische Plot eines durchgeknallten Thriller-Autoren. Versäumnisse der Sicherheitsbehörden werden umso schmerzlicher bewusst, wenn man die Flüchtenden in den beiden Türmen sieht, die plötzlich vor verschlossenen Türen stehen.

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