Comics für Kinder : Wer zuerst liest

Comics sind Kinderkram, heißt es immer wieder. Aber wo sind dann bitte die guten Kindercomics?

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Preisgekrönte: Die Serie „Lou!“ erzählt vom WG-Leben einer allein erziehenden Mutter mit ihrer Tochter. Foto: Tokyopop
Preisgekrönte: Die Serie „Lou!“ erzählt vom WG-Leben einer allein erziehenden Mutter mit ihrer Tochter.Foto: Tokyopop

Bei aller Aufregung um die Graphic Novel und die vermeintliche Einteilung in E- und U-Comics wird selten über Comics für Kinder gesprochen. Dabei hat das Etikett Graphic Novel doch schon längst die jüngere Zielgruppe erreicht: Etliche Comic-Romane für Kinder kommen auf den Markt, Vorreiter ist das inzwischen millionenfach verkaufte „Gregs Tagebuch“, ein Roman mit Comicillustrationen des US-Autors Jeff Kinney. Der erste Band „Von Idioten umzingelt!“ erzählt die Geschichte eines Zehnjährigen, der von seiner Mutter ungefragt ein Tagebuch geschenkt bekommt und es, obwohl so etwas doch eigentlich bloß für Mädchen sei, mit wachsender Begeisterung befüllt. Vorzugsweise mit Klagen über nervige Lehrer, ätzende Mitschüler und die fiesen Eltern.

„Gregs Tagebuch“ ist zweifellos eine kleine Mogelpackung mit viel zu viel Text für einen Comic. Außerdem eignet es sich ebenso wenig für Erstleser wie die vielfachen Adaptionen jugendliterarischer Bücher von Gudrun Pausewangs wieder aktuellem Werk „Die Wolke“ über „Der kleine Prinz“ bis hin zu den wunderschönen Erich-Kästner-Adaptionen von Isabel Kreitz (zum Beispiel „Pünktchen und Anton“ aus dem Cäcilie-Dressler-Verlag).

Aber so ist das nun mal: Anspruchsvolle Comicliteratur für Kinder richtet sich an fortgeschrittene Leser, solche, die mit dem Medium schon vertraut sind. Insgesamt aber scheint der Kindercomic nicht etabliert, geschweige denn als solcher etikettiert. Wer ihn bei den Verlagen sucht, muss deren Programme sehr aufmerksam durchforsten. Das hängt vor allem damit zusammen, dass der Comic erst seit kurzem endlich auch für den Buchhandel interessanter wird. Da will man vermeiden, dass alle Comics direkt in der Kinderbuchecke landen. Das alte Vorurteil, Comics seien eben doch nur was für Kinder, ist schwer aus den Köpfen zu bekommen.

Multimedial: Ende Juli erscheint das Schlümpfe-Magazin, passend zum Kinostart Anfang August. Foto: toonfish
Multimedial: Ende Juli erscheint das Schlümpfe-Magazin, passend zum Kinostart Anfang August.Foto: toonfish

Klassiker wie Asterix, Tim und Struppi oder Lucky Luke sind beliebt wie eh und je, auch wenn bibliophile, aufwendige Nachdrucke die Verlagsprogramme prägen. Diese Serien sind für alle Alterstufen gleichermaßen lesbar, aber was wichtiger ist: Sie sind den Eltern bekannt. Selbiges gilt auch für Petzi oder die Schlümpfe, beide Reihen werden – ebenfalls im Hardcover – wieder aufgelegt. Vom Inhalt abgesehen zählt eine hochwertige Verpackung, die Verlage haben vorsichtshalber noch ein Sammlerpublikum im Blick – es herrscht kein Vertrauen in einen reinen Markt für Kinder.

Dass hier mehr Selbstbewusstsein angebracht wäre, beweist die extrem erfolgreiche, ausschließlich auf Kinder ausgerichtete Serie Yakari der Franzosen Job und Derib, die zunächst als Hardcover im Buchhandel hohe Verkäufe erzielte – was auch durch die gleichzeitige Fernsehausstrahlung begünstigt wurde. Der Erfolg des kleinen Indianers, der mit den Tieren sprechen kann, ließ den Großverlag Ehapa aufhorchen – und so erscheint die Reihe mittlerweile auch als Kiosk-Album, was eine größere Verbreitung garantiert, aber die Hardcover-Bände zu einer Geschenkausgabe degradiert. Vorwerfen kann man das dem Verlag nicht, denn dieser hat schließlich mit den Disney-Produkten, vom Taschenbuch bis zum wöchentlichen Heft (auch nach 60 Jahren immer noch eine Institution), als einziger so etwas wie einen Kindercomic-Schwerpunkt.

Bestseller: Die Serie "Yakari" aus dem Ehapa Verlag. Foto: Ehapa
Bestseller: Die Serie "Yakari" aus dem Ehapa Verlag.Foto: Ehapa

Moderne Comics sind eher rar. Da gibt es die ausgesprochenen Mädchencomics aus dem Verlag Tokyopop mit ihren hübsch-flippigen Geschichten, etwa die preisgekrönte französische Serie „Lou!“ über das ungewöhnliche WG-Leben einer alleinerziehenden Mutter mit ihrer Tochter. Doch selbst bei der akkuraten Künstlerpflege vieler Verlage lässt man die Kindercomics zumeist außen vor und neben den wenigen Ausnahmen – etwa Guy Delisles Comics um den kleinen Louis (zum Beispiel „Louis am Strand“ bei Reprodukt) oder den wunderbaren Émile Bravo mit „Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen“ bei Carlsen – gäbe es noch viel zu entdecken.

In anderen Ländern scheint man um ein Vielfaches weiter, in Frankreich etwa oder den USA wird das Kindercomic-Segment aufgeteilt in Reihen für Erstleser, die oftmals weitgehend auf Text verzichten, und solche für fortgeschrittene Leser. Somit wird eine Generation behutsam an das Medium herangeführt und kann das Comiclesen erlernen. In Deutschland ist das noch ein Versäumnis der Verlage. Dabei sollte man auch hier wissen, dass Comics die Lust am Lesen fördern können.

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