Comics : Schau mal an, es ist Literatur!

Batman, Donald Duck und Tim & Struppi halten Einzug in die gute Stube des deutschen Bildungsbürgertums: „Kindlers Literatur Lexikon“ widmet sich in seiner neuen Auflage dem Comic und schlägt dabei einen Bogen von Goethe bis zum Manga

Lars von Törne
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Moderne Klassiker. Tim und Struppi auf dem Titel von "Der geheimnisvolle Stern".Illustration: Hergé/Carlsen

Die meisten Comic-Leser wussten es bereits, nun erfährt es auch der Rest der Welt: Comics sind Literatur. Dieser Tage erscheint die dritte Auflage von Kindlers Literaturlexikon. Erstmals widmet sich das Standardwerk, in dem 13.000 prägende Werke der Kulturgeschichte gewürdigt werden, einem Genre, dass es (wie wohl auch viele seiner Leser) bislang vernachlässigt hatte: Dem Comic. Die 19 Seiten lange und – eine weitere Premiere für den Kindler – mit einem Dutzend Comic-Bildern illustrierte Analyse zeigt, wie weit es der Comic auf seinem Weg als ernstzunehmende Kunstform geschafft hat.

Der Beitrag, den der Comic-Experte Andreas C. Knigge für das „Monument der deutschen Geistesgeschichte“ (dpa) verfasst hat, ist eine solide, geschickt auf Wesentliches konzentrierte und gut zu lesende Einführung in Geschichte, Entwicklung und Gegenwart des Comics, die für Fans nicht viel Neues bieten dürfte, für das Durchschnittspublikum des Kindler jedoch manch erhellende Erkenntnis bereithält.

Der Siegeszug begann mit "Yellow Kid"

Knigge beginnt mit einem Abriss der Geschichte, von den Bildgeschichten Rodolphe Töpffers im frühen 19. Jahrhundert (zu denen dieser von Goethe animiert wurde) über Wilhelm Busch und die Entwicklung der US-Sonntagszeitungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts, in denen der eigentliche Siegeszug des Comics mit Richard F. Outcaults „Yellow Kid“ begann.

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Batmans Vor-Vor-Vorgänger. Eine Szene aus dem Werk von Rodolphe Töpffer.

Knapp, aber fundiert zeichnet der Beitrag die Bedeutung von US-Zeitungsstrips wie Krazy Kat, Little Nemo oder Prinz Eisenherz nach, geht auf die epochale Bedeutung von Figuren wie Micky Maus und Donald Duck, Superman und Batman ein und ergänzt dies durch Schwenks auf Entwicklungen in Europa und Japan. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wird anhand herausragender Mainstream-Entwicklungen (Peanuts, Marvel/DC) wie auch mit analytischen Exkursen zur Alternativszene (Crumb), zum europäischen Kunstcomic (Moebius) sowie zur Modernisierung des Heldencomics durch Künstler und Autoren wie Frank Miller oder Alan Moore treffend beschrieben.
 
Im frühen 19. Jahrhundert sprach man von "Literatur in Bildern"

Abgerundet wird der Eintrag durch die Würdigung von herausragenden Einzelwerken, verknüpft mit Kurzbiographien ihrer Autoren. Hier geht es unter anderem um Winsor McCays „Little Nemo“, den Autor Knigge in seiner künstlerischen wie psychologischen Relevanz erfasst, um Tim und Struppi, Superman, Donald Duck (v.a. Die prägenden Einflüsse Barks'), um Asterix, Hugo Pratts „Südseeballade“, Crumbs „Fritz the Cat“, Moebius' „Die hermetische Garage“, Art Spiegelmans „Maus“, Frank Millers „The Dark Knight Returns“ und Will Eisners „The Plot“.

Letzteres erscheint in dieser Sammlung ein wenig als Fremdkörper, wurde doch die eminente Bedeutung von Eisners Werk bislang mehr durch frühere Graphic Novels wie „A Contract with God“ erklärt

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Auf der richtigen Seite. Joe Shusters und Jerry Siegels Superman in Aktion.Illustration: Promo

und weniger durch sein letztes Werk, das zwar dokumentarisch wertvoll ist, aber erzählerisch zumindest durchwachsene Kritiken bekam. Ein weiteres Manko ist auch die nur sehr knappe Würdigung der japanischen Comickultur: Neben einem kurzen Exkurs zur Manga-Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte wird als Einzelwerk lediglich Keiji Nakazawas autobiographisches Nachkriegs-Epos „Barfuß durch Hiroshima“ vorgestellt.

Ansonsten vermittelt dieser Kindler-Eintrag jedoch eine umfassende, auch angesichts des knappen Platzes sehr gelunge Einführung in eine Literaturgattung, die eigentlich schon lange in den bildungsbürgerlichen Kanon gehört – so erfahren wir im Kindler, dass Rodolphe Töpffer seine Text-Bildgeschichten im frühen 19. Jahrhundert bereits als „Literatur in Bildern“ bezeichnete.

Der neue Kindler besteht aus 18 Bänden, hat rund 14.500 Seiten und ist bis Ende des Jahres für 1950 Euro zu haben, danach kostet er 2400 Euro. Mehr unter www.derkindler.de.

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