Comics von Max Baitinger und Jesse Jacob : Verblüffende Götterdämmerungen

Zwei Bände aus dem jungen Verlag Rotopolpress verhandeln in einer revolutionären Bildsprache Anfang und Ende der Welt neu. Dabei geht es nicht um Religiosität, sondern vielmehr um die Auflösung von religiösen Mythen in fantasmagorischen Erzählungen.

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Kühne Leichtigkeit: Eine Szene aus „Hieran sollst Du ihn erkennen“.
Kühne Leichtigkeit: Eine Szene aus „Hieran sollst Du ihn erkennen“.Foto: Rotoplpress

„Ich bin Heimdall. Ich sehe alles.“ Klarer und prägnanter kann man einen Comic nicht beginnen, als es Max Baitinger in seinem Debüt „Heimdall“ macht. Denn Heimdall, der Sohn Odins und Bruder Thors, ist ein Wächtergott. Er hat die besten Augen. Seine Aufgabe besteht darin, die Sonne zu beobachten und zu warten, dass der große Wolf die Sonne frisst. Wenn das geschieht, dann muss er in sein Horn blasen, um das Ende des Weltenlaufs kundzutun.

All das kennen wir aus dem nordischen Edda-Mythos. Allerdings datiert Baitingers düstere Adaption am Anfang allen Seins und nicht am Ende, so dass der Moment, in dem der Wolf die Sonne verschlingt, noch auf sich warten lässt. Heimdalls tagesfüllende Aufgabe wäre von einer seltsamen Eintönigkeit geprägt, wenn er nicht – auf dem Dach von Walhall sitzend – seinen Blick schweifen lassen würde. Und weil ihm nichts entgeht – Heimdall ist der Big Brother der nordischen Mythologie – hat er auch einiges zu reflektieren und zu erzählen.

„Odin wird sich am Waffenspiel erfreuen.“

Max Baitinger versetzt die Leser in den Kopf des ständig grübelnden Heimdalls, dessen göttliche Position mit seinen Zweifeln ins Wanken gerät. Die düsteren Zeichnungen erinnern stilistisch zuweilen an die Wandmalereien der Azteken – was wiederum eine göttliche Dimension eröffnet –, brechen diese aber immer wieder auch durch eine naive Piktogramm-Grafik auf.

Heimdall beobachtet die tapferen Kämpfer, die Einherjer, die sich ständig im Kampf üben, und irgendwann als gefallene Helden nach Walhall einkehren. Er beobachtet den Lauf der Natur, den Menschen in ihrer Mitte – sie bedrohend und von ihr bedroht –, dessen göttlich eingegebene Erhebung über die Wildnis und immer wieder die Einherjer im ewig selben Kreislauf. „Die Einherjer werden sich im Kampf üben. Dann werden sie Walhall betreten. All ihre Wunden werden verheilen. Sie werden den Met von Heidrun trinken. Sie werden das Fleisch von Sährimnir essen. Sie werden zusammen die Schöpfung preisen. Und nach dem Mahl ruhen. Die Einherjer werden aus Walhal treten. Und Odin wird sich am Waffenspiel erfreuen.“

Raum und Zeit: Das Cover von „Hieran sollst Du ihn erkennen“.
Raum und Zeit: Das Cover von „Hieran sollst Du ihn erkennen“.Foto: Rotopolpress

In der scheinbaren Ruhe dieser auf den ersten Blick simpel bebilderten Minimalsätze liegt eine erschütternde Nervosität, die aus jeder Seite dieses schmalen und grafisch höchst anspruchsvollen Bandes emporsteigt. Zwar könnten die immer gleichen visuellen Eindrücke Heimdalls beruhigen, würden sie nicht die Gefahr der Veränderung steigern. Denn wenn der Wächtergott nicht sähe, dass der Wolf die Sonne verschlingt, dann würde eine Schlange ihr Gift versprühen und die Katastrophe in der Welt der Einherjer beginnen. „Dann schwimmen sie nach Walhall. Und keine ihrer Wunden verheilt. Sie trinken keinen Met von Heidrun. Sie essen kein Fleisch von Sährimnir. Sie preisen weder die Schöpfung, noch ruhen sie nach dem Mahl. Die Einherjer schwimmen aus Walhall heraus. Und Odin erfreut sich keiner Waffenspiele.“ Womit das Katastrophenszenario benannt ist. Nur wenn Heimdall sieht, wie der Wolf die Sonne verschlingt und in sein Horn bläst, beginnt Ragnarök, der göttlich geplante Weltuntergang, an dessen Ende die Sonne alles verbrennt und Odin die Welt neu erschaffen wird.

Galaktischer Wettstreit

Steht in Baitingers „Heimdall“ weniger der nordische Schöpfungsmythos als solcher als vielmehr dessen Hintergrundmusik im Zentrum, ist bei Jesse Jacobs „Hieran sollst Du ihn erkennen“ das Gegenteil der Fall. Der Kanadier löst in seinem zweiten Comic religiöse Schöpfungsmythen und die evolutionäre Erdentstehungsgeschichte in einer surrealen Welt geometrisch-naiver Farbbilder auf und setzt sie als galaktischen Wettkampf um den „Zuschlag“ einer Weltenbildung neu zusammen.

Wächtergott: Eine Doppelseite aus „Heimdall“.
Wächtergott: Eine Doppelseite aus „Heimdall“.Foto: Rotopolpress

Dabei konkurriert der detailverliebte Ablavar mit dem ehrgeizigen Molekülfanatiker Zantek um die Gunst ihres Lehrers und Beraters. An Ablavars Seite steht Blorax, der von dessen „interessanten Texturen“ immer wieder angetan ist.

Das faszinierende an Jacobs galaktischem Wettstreit ist die Auflösung allen Wissens und aller Mythen. Die irdische Evolution wird hier zum misslungenen Prolog einer außerirdischen Spielerei und zum Auftakt eines erbitterten Wettstreits der gottähnlichen Weltenschöpfer um Anerkennung und Bestätigung. Während Zantek mit Anordnungen „unendlicher Komplexität“ zu beeindrucken versucht, geht Ablavar den Weg der Geschichtsschreibung, indem er Lebewesen und einen Weltenlauf schafft, der, ganz am Rande, an das Alte Testament erinnert.

„Zeit und Raum sind gestern gestorben“

In kühner Leichtigkeit verschiebt Jacobs die Dimensionen von Zeit und Raum, bis sie keinerlei Bedeutung mehr haben. Der erste Satz des Comics, „Zeit und Raum sind gestern gestorben“, ist programmbildend zu lesen. Die Dinge, die hier geschaffen werden, zerfallen in noch kleinere Dinge, öffnen sich und gebären neue Strukturen und Texturen, die sich wiederum entfalten und ein eigenes Schicksal annehmen. Das dieses am Ende nicht in die Hände der geschaffenen „Kohlenstoffwesen“ gelegt wird, sondern im zerstörerischen Finale des Schöpferwettstreits auf die Spitze getrieben wird, mag eine versteckte Gesellschaftskritik für oder gegen Religiosität sein oder auch nicht. Der Leser mag das selbst entscheiden.

Minimalistisch und komplex: Das Cover von „Heimdall“ .
Minimalistisch und komplex: Das Cover von „Heimdall“ .Foto: Rotoplpress

Eines ist es aber ganz gewiss: Eine Herausforderung für unsere Sehgewohnheiten und der Auftakt einer neuen Comicsprache, die sich von allen Bezügen befreit und im Sinne eines surrealistischen Revivals das Ende von Raum und Zeit verkündet – als unmögliche Installation über Rückkopplungsschleifen und räumliche Anomalien in Comicform.

Max Baitinger: Heimdall. Rotopolpress, 48 Seiten, 15 Euro.
Jesse Jacobs: Hieran sollst Du ihn erkennen. Aus dem Englischen von Thomas Wellmann, Rotopolpress, 80 Seiten, 19 Euro.

 

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