Comics von Paco Roca : Der Erinnerungsarbeiter

In Deutschland sind kurz nacheinander zwei Bücher des spanischen Comicautors Paco Roca erschienen: Eines behandelt auf eindrucksvolle Weise das Thema Alzheimer, das andere taucht tief in die Comicgeschichte, kann aber weniger überzeugen.

Thomas Greven
Realitätsverlust: Eine Szene aus "Kopf in den Wolken".
Realitätsverlust: Eine Szene aus "Kopf in den Wolken".Foto: Reprodukt

Nicht erst seit Arno Geigers wunderbarem autobiografischem Roman „Der alte König in seinem Exil“ werden Demenzerkrankungen und insbesondere Alzheimer in Deutschland breit diskutiert. Schon 2007 hat der spanische Zeichner und Autor Paco Roca (eigentlich Francisco Martínez Roca) das Medium Comic benutzt, um sich dem Thema anzunähern. Sein kürzlich auf Deutsch veröffentlichter Band „Kopf in den Wolken“ zeigt eindrucksvoll, dass auch mit einem recht schlichten Zeichenstil, matten Farben und einem konventionellen Seitenlayout comicspezifische Bereicherungen des Erzählens möglich sind.

Aus Familienerzählungen, Anekdoten von Freunden und Gesprächen bei Besuchen in Altersheimen hat Roca die Geschichte von Emilio komponiert. Der Bankangestellte im Ruhestand kommt mit einer schnell fortschreitenden Alzheimer-Erkrankung in ein Altersheim und versucht dort mit Hilfe seines rüstigen und durchtriebenen Zimmerkollegen Miguel, der Verlagerung in den ersten Stock – zu denen, die nicht länger alleine zurechtkommen – zu entgehen.

Das Buch wurde in Spanien auch verfilmt

Roca gelingt es auf zum Teil bewegende Weise, die fortschreitenden Wahrnehmungsverschiebungen und Artikulationsschwierigkeiten des Protagonisten und der anderen Bewohner des Heims grafisch kreativ und überraschend sowie erzählerisch feinsinnig und voller Respekt für seine Protagonisten zu vermitteln, ohne dass jemals die Grenze zum Kitsch überschritten wird.

Im Comic-Geschäft: Eine Szene aus "Der Winter des Zeichners".
Im Comic-Geschäft: Eine Szene aus "Der Winter des Zeichners".Foto: Reprodukt

Obwohl sicher auch in Spanien Anlass zur Kritik an den Zuständen der institutionalisierten Betreuung und Verwahrung alter Menschen besteht – ganz zu schweigen von ihrer gesellschaftlichen und familiären Marginalisierung und Vernachlässigung – widersteht Paco Roca jederzeit der Versuchung, plakativ zu urteilen oder gar anzuklagen. Der Band, 2008 vom spanischen Kulturministerium mit dem Nationalen Comic-Preis ausgezeichnet und 2011 unter dem spanischen Titel Arrugas (Runzeln) verfilmt, lässt den Leser dennoch mit einem wissenden Lächeln zurück, angesichts der würdevollen Alten, die er über hundert Seiten begleiten durfte.

Kampf um die Rechte der Autoren

Im Vergleich dazu kann „Der Winter des Zeichners“ vom selben Autor weniger überzeugen. In dem 2010 auf Spanisch erschienenen und Ende 2012 auf Deutsch veröffentlichten Band thematisiert er einen Streit, der ein wenig an die heutige Debatte um Urheberrechte im Netz erinnert: Eine Gruppe von Autoren und Zeichnern im faschistischen Spanien Francos (genauer: im katalanischen Barcelona) der 1950er Jahre brechen aus ihren Knebelverträgen und der zeichnerischen Fließbandarbeit beim Verlag Bruguera aus und startet ihr eigenes Projekt.

Paco Roca war im vergangenen Herbst auf der Frankfurter Buchmesse zu Besuch.
Paco Roca war im vergangenen Herbst auf der Frankfurter Buchmesse zu Besuch.Foto: Lars von Törne

Ihre Figuren dürfen sie nicht mitnehmen, die sind Eigentum des Traditionsverlags im Familienbesitz, der seinerseits durchaus für eine gewisse Aufbruchsstimmung steht. Bruguera bekämpft trotz seines Marktvorteils das neue unabhängige Projekt mit allen Mitteln, selbst vor der Instrumentalisierung der staatlichen Zensur, mit der man ja selbst zu kämpfen hat, schreckt der Verlag nicht zurück.

Über die neuen Figuren und Serien des jungen Autorenverlags erfahren wir in der chronologisch verschachtelten Geschichte nicht viel – spanischen Lesern sind sie möglicherweise ein Begriff. Die Abtrünnigen wollen durchaus auch für ihre Geschichten mehr Freiheit und Anspruch, sie wollen auch für Erwachsene produzieren.

Von der Anlage her erinnert Rocas Band ein wenig an Yoshihiro Tatsumis autobiografische und selbstreflexive Manga- (bzw. Gekiga-)Historie „Gegen den Strom“, aber leider bleiben hier die Charaktere zu blass, um mehr als eine ideelle Identifikationsfläche zu bieten. Die Zeichnungen sind kompetent und gefällig ausgeführt, aber letztlich reicht dies nicht, um den insgesamt etwas blassen Eindruck zu überwinden.

Vielseitig: Die beiden Covermotive der Roca-Bücher.
Vielseitig: Die beiden Covermotive der Roca-Bücher.Foto: Reprodukt

Paco Roca, Kopf in den Wolken, Reprodukt, 104 Seiten, 18 Euro.
Der Winter des Zeichners, 128 Seiten, 20 Euro. Beide aus dem Spanischen von André Höchemer, Lettering von Dirk Rehm

Unser Autor Dr. Thomas Greven ist Senior Research Fellow am Institut für Internationale Politik, Berlin, und Privatdozent am John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin. Mehr Texte von ihm zu politischen und sozialen Themen im Comic finden sich unter diesem Link. 

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