„Comics zur Lage der Welt“ : Nicht von dieser Welt

Der Sammelband „Comics zur Lage der Welt“ weckt große Erwartungen – und enttäuscht sie. Die Anthologie glänzt mit künstlerischen Schauwerten statt mit inhaltlichen Aussagen. Ab dem 9. Januar gibt es in Berlin eine Ausstellung dazu.

Erik Wenk
Die Lage der Welt? Der Kanadier Jesse Jacobs ist mit dieser Arbeit in dem Sammelband vertreten.
Die Lage der Welt? Der Kanadier Jesse Jacobs ist mit dieser Arbeit in dem Sammelband vertreten.Foto: Reprodukt

Die französische Monatszeitschrift „Le Monde diplomatique“ ist eine über die Landesgrenzen hinaus bekannte Institution des engagierten, linksgerichteten Journalismus, die unter anderem mit Qualitäts-Publikationen wie dem „Atlas der Globalisierung“ immer wieder kritische Blicke auf die aktuellen Konflikte und Entwicklungen unserer Welt wirft.

Angesichts dieses Hintergrunds greift der gesellschaftspolitisch interessierte Leser natürlich zu, wenn ihn im Buchhandel ein überformatiger Band mit dem Titel „Comics zur Lage der Welt“ und dem darüberstehenden Herausgeber „Le Monde diplomatique“ entgegenleuchtet. Inhalt: Eine Auswahl von 50 der besten Comics, die seit 2005 auf der letzten Seite der deutschen Ausgabe des Magazins erschienen sind, darunter von Künstlern wie Marc-Antoine Mathieu („Gott höchstselbst”), Zeina Abirached („Das Spiel der Schwalben“), Gipi („S.”), Jaromir 99 („Alois Nebel“), Igort („Berichte aus Russland”) oder Aisha Franz („Alien”).

Verspielte Bilder, vage Kommentare

Da kann man eigentlich nichts falsch machen. Dennoch könnte es sein, dass der Leser die rund 30 Euro bereut, die er in diese hochwertig aufgemachte Anthologie investiert hat, denn so staatstragend der Titel, so medioker der Inhalt. Ein Großteil der Comics beschäftigt sich mit allem Möglichen – nur nicht mit der Lage der Welt: Erzählt wird von Böcklins Inspiration zu dessen Gemälde „Die Toteninsel“, von der Leber weißer Hasen, von Straßenlaternen, von grübelnden Superhelden, von Rodeo, von Woyzeck oder von Skizzenbüchern aus dem zweiten Weltkrieg.

Oft handelt es sich allenfalls um allgemeine philosophische Kommentare zu Themen wie Ökologie (Brecht Vandenbroucke) oder Konsum (David Prudhomme), zum Teil scheinen die Arbeiten gar keine bestimmte Aussage zu haben. Manches lässt sich auch kaum als Comic bezeichnen, sondern geht eher in den Bereich Illustration (Sophie Dutertre, Nina Pagalies, Paul Waak, Igort). Nur gelegentlich werden die Arbeiten konkret, zum Beispiel Edmond Baudoins Comic, der von der amerikanisch-mexikanischen Grenze berichtet, Olivier Kuglers Beitrag über syrische Flüchtlinge oder Michael Meyer mit einem ironischen Kommentar zur Occupy-Bewegung.

Der Maler: Der Beitrag von Manuele Fior für den Sammelband.
Der Maler: Der Beitrag von Manuele Fior für den Sammelband.Foto: Reprodukt

Noch irritierender ist der vorangestellte Einleitungstext von Jens Balzer und Brigitte Helbling, von dem man vielleicht ein paar Worte zur politischen Aussagekraft des Mediums erwarten würde, zumindest aber eine Erklärung für den erstaunlich unpolitischen Charakter der hier versammelten Comics. Stattdessen liest man einen sechsseitigen mit Name-Dropping gespickten Essay über Comics als Musik: Die Panelgrenzen als Beat, die Seitenkomposition als Orchester-Arrangement, der Lesefluss als Rhythmus. Eine nette aber auch nicht allzu neue Betrachtungsweise, leidlich interessant sind die Hinweise auf Comic-Zeichner als Gestalter von Plattencovern (Robert Crumb, Rick Griffin) sowie auf Zeichner, die selbst Musiker sind (Fil, Otto Waalkes).

Titel verfehlt

Was hat all das mit der Lage der Welt zu tun? Nicht ein einziges Mal wird Bezug auf den Titel des Bandes und die damit verbundenen Implikationen genommen, man glaubt beinahe, einen Fehldruck in der Hand zu halten, dem versehentlich das falsche Cover verpasst wurde.

Fairerweise muss man sagen: Die hier versammelten Arbeiten sind künstlerisch hervorragend, vor dem Leser tut sich eine internationale Werkschau der gegenwärtigen Independent-Comic-Szene mit einem beeindruckenden Spektrum von Stilen, Themen und Ideen auf, der großformatige Druck zeugt von liebevoller Hingabe an das Medium. Aber durch den Titel werden Erwartungen geschaffen, die die Comics nicht erfüllen können. Die Anthologie muss sich zumindest in Teilen den Vorwurf gefallen lassen, sich nur selbstverliebt mit der Kunst um der Kunst willen zu beschäftigen und zu den drängenden Fragen des Weltgeschehens nichts Wesentliches zu sagen zu haben. Da findet man in Satire-Zeitschriften wie dem „Eulenspiegel“ oder der „Titanic“ Gehaltvolleres.

Mogelpackung: Das Cover des Sammelbandes.
Mogelpackung: Das Cover des Sammelbandes.Foto: Reprodukt

Le Monde diplomatique (Hg.): Comics zur Lage der Welt. Reprodukt 2014, 64 Seiten, 29 Euro

Veranstaltungshinweis: In der Berliner Galerie „Neurotitan“ gibt es vom 9. bis 31. Januar eine Ausstellung mit Arbeiten aus dem Buch, kuratiert und organisiert von Karoline Bofinger. Eröffnungsparty am 9. Januar 2015 um 19 Uhr. Hier das Begleitprogramm:

Freitag,  9.1., 19 Uhr: Eröffnungsparty

Samstag, 10.1.
16.00 Uhr Signierstunde mit den Zeichnerinnen und Zeichnern des Buches
18.00 Uhr Podiumsdiskussion: Autobiographische und Biografische Comics, mit Zeina Abirached, Cyril Pedrosa und Simon Schwartz, Moderation: Christian Maiwald
20.00 Uhr Eine Gesprächsrunde über „Musik in Comics - Comics als Musik“, mit Jaromir99, Sophia Martineck, Sara Colaone, Jul Gordon, Aisha Franz und Brecht Vandenbroucke, Moderation: Brigitte Helbling und Jens Balzer

Sonntag, 11.1., 20 Uhr: „Alois Nebel“, im Kino Central, Animationsfilm nach der Graphic Novel von Jaroslav Rudis und Jaromír Svejdík (mit Vorfilm „Kafka“)

Montag, 12. Januar, 19 Uhr: Gespräch mit dem neuseeländischen Künstler Tim Gibson über die Comicszene seines Landes, Moderator: Tagesspiegel-Redakteur Lars von Törne, taz Café, Rudi-Dutschke-Str. 23, 10969 Berlin

Freitag, 16.1., 19 Uhr: Comic-Selbstverlage und Künstlerkollektive stellen sich vor, mit BamBam-Kollektiv (Maria Sulymenko, Pia Zölzer, Berta Matern, Sandra Beer), The Treasure Fleet (Aisha Franz), Spring (Nina Pagalies, Sophia Martineck) und rotopol press (Michael Meier, Lisa Röper, Fabienne Anthes)
21.00 Uhr Von tropischen Kindheitsabenteuern und komischen Greuelfantasien: Ein Comic-Konzert von Aisha Franz

Samstag, 17.1., 18 Uhr: „Das Tun und Lassen der Aglaé“ (rotopol press), Lesung mit Anke Stedingk vom Staatstheater Kassel

Mittwoch, 21. Januar, 19 Uhr: Lesung mit Ben Katchor („Der Jude von New York“) im taz-cafe, Rudi-Dutschke Str. 23, Kreuzberg

Freitag, 23.1., 19 Uhr „The Adventures of Sherlock Holms“, Buchpräsentation von Sophia Martineck

Samstag, 24.1., 16 Uhr: Geräusche, Gedichte und Getier für Alle – Die wortwuselwelt präsentiert digitale Poesiespiele zum Mitmachen für Kinder ab 6 Jahren und neugierige Erwachsene. Mit dem Berliner Dichter Lars-Arvid Brischke, Brigitte Krämer und Nina Pagalies

Freitag 30.1., 19 Uhr: I AM THE ZOO / Geschichten vom inneren Biest: Buchpräsentation von Nele Brönner und Monika Rinck

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