Comicserie „Bizu“ : Frohgemut durch Frotteelande

Vor 50 Jahren schuf Jean-Claude Fournier „Bizu“. Hierzulande war die originelle Kindercomic-Serie bislang nahezu unbekannt. Jetzt gibt es eine deutsche Gesamtausgabe.

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Kinderfreundlich: Der Gnom Bizu ist die Hauptfigur der Reihe.
Kinderfreundlich: Der Gnom Bizu ist die Hauptfigur der Reihe.Foto: Promo

Dudelsäcke sind eigenwillige Wesen. Sie können Musik produzieren, die einen ohrenbetäubenden Lärm verursachen können. Und sie ernähren sich von Honig, plündern dafür ganze Bienenstöcke. Moment mal: lebendige, Honig schlürfende Dudelsäcke? Nun, das ist nichts Ungewöhnliches in „Frotteelande“, einem urwüchsigen, verwunschenen Wald, der Heimat des Comic-Helden Bizu. Bizu ist ein freundlicher Gnom, der eine Art mittelalterliches Knappenkostüm trägt und in einem Baumhaus lebt - zusammen mit seinem engsten Vertrauten, dem manchmal etwas missmutigen sprechenden Pilz Mukes. Bizu ist stets besorgt um das Wohlergehen sämtlicher Lebewesen in Frotteelande, seien es Waldtiere, Fische oder Blumen. Passiert etwas Ungewöhnliches, können die Waldgeister dahinterstecken, winzige Lebewesen mit großer Zauberkraft.

Wo Schnockbüll hintritt, wachsen Gänseblümchen

Die Comicserie „Bizu“ wurde 1967 vom Franzosen Jean-Claude Fournier erschaffen, der damals ein Neuling in der Redaktion des belgischen „Spirou“-Magazins war. „Bizu“ war Fourniers erste eigene Figur, nachdem er von André Franquin, dem bekannten stilbildenden Zeichner von „Spirou und Fantasio“ und Erfinder berühmter Figuren wie „Marsupilami“ und „Gaston“, entdeckt wurde.

Lebendig-verspielt: Eine "Bizu"-Originalzeichnung Fourniers.
Lebendig-verspielt: Eine "Bizu"-Originalzeichnung Fourniers.Foto: 2dgalleries.com

Zu Beginn gesellte Fournier seiner Hauptfigur einen namenlosen Briefträger bei, der aus der „realen Welt“ kam. Da diese, entfernt an die Gendarmen-Darstellungen eines Louis de Funès erinnernde, cholerische Figur die sehr eigenwilligen Naturgesetze von Frotteelande stets anzweifelte, geriet er immer wieder in Schwierigkeiten, was für skurrile Slapstickeinlagen sorgte.

Doch bald verschwand der Briefträger, um einem viel interessanteren Charakter mehr Raum zu geben: Schnockbüll. Dieser, erstmals 1967 aufgetreten in der Geschichte „Die Leier, die Tilt machte“, ist ein haariges schwarzes Ungetüm, das wie ein scheuer Einsiedler lebte, bevor er Bizu kennenlernte. Unter seiner rauen Schale verbirgt sich ein sanftes Gemüt, unter jedem seiner Schritte wachsen folgerichtig Gänseblümchen.

Mythen und Legenden der Bretagne

Neben einem „ftarken Lifpeln“ zeichnet sich Schnockbüll vor allem durch seine musische Begabung aus und sein Wissen um zahlreiche seltene Musikinstrumente, denen oft ein spezieller Zauber innewohnt. Dadurch müssen Bizu und Mukes aber auch viel Lärm ertragen, der sie bisweilen aus den Socken hauen kann... Musikalische Themen, die Visualisierung von Geräuschen oder bestimmten Ton-Effekten sind ein wiederkehrendes Motiv, das Fournier besonders einfallsreich zu variieren versteht.

Jean-Claude Fournier ist den meisten Lesern hauptsächlich dadurch bekannt, dass er die „Spirou und Fantasio“-Reihe nach André Franquins Ausstieg als Autor und Zeichner 1968 übernahm und bis 1980 weiterführte, insgesamt neun Alben zeichnete. Franquin war damit einverstanden, er förderte den 1943 geborenen Franzosen und half ihm bei der Entwicklung seiner ersten Serie „Bizu“.

Wird fortgesetzt. Auf insgesamt drei Bände ist die deutsche Gesamtausgabe angelegt, zwei sind schon erschienen.
Wird fortgesetzt. Auf insgesamt drei Bände ist die deutsche Gesamtausgabe angelegt, zwei sind schon erschienen.Foto: Egmont

Doch zunächst führte diese Figur ein Schattendasein, was auch an der unregelmäßigen Veröffentlichung der Geschichten lag. Fournier schuf zunächst mehrere kürzere und längere „Bizu“-Comics (die alle im Band 1 der bei Egmont erschienenen Gesamtausgabe enthalten sind), die wegen seiner Arbeit an den Spirou-Abenteuern oft hintenan stehen mussten. So gab es längere Pausen in der Produktion zwischen den einzelnen Geschichten, und auch deren Qualität schwankte etwas.

Erst nachdem Fournier „Spirou und Fantasio“ abgeben musste, konnte er sich ganz „Bizu“ widmen, doch dann gab es neue Schwierigkeiten, da das Verlagshaus Dupuis und das Magazin „Spirou“ sich umstrukturierten und Fournier zeitweise bei einem anderen Verlagshaus unterkam. Schließlich kehrte er aber zu Dupuis zurück und schuf dort mehrere albenlange Abenteuer Bizus. Im zuletzt erschienenen Band 2 der Gesamtausgabe sind es die Geschichten aus den 1980er Jahren, Band 3 wird die letzten aus den 90er Jahren enthalten.

Das Besondere: Jean-Claude Fournier verarbeitet in den besten Bizu-Geschichten manche Mythen und Legenden seiner Heimat, der Bretagne, die er selbst im Kindesalter von seiner Großmutter erzählt bekam.

Zauberer und Zwerge, Hinkelsteine und Hünengräber

Auch in Fourniers „Spirou und Fantasio“-Album „Alles wie verhext“ von 1977 bildeten die Bretagne und ihre keltischen Mythen den Hintergrund für ein ungewöhnlich mystisches Abenteuer. „Bizu“ hat der Zeichner als humoristische Fantasyserie für Kinder angelegt. Mit der Landschaft „Frotteelande“ (französisch Frotéliande) kreierte er eine Welt, die sich an eine mythische bretonische Landschaft anlehnt, die Schauplatz zahlreicher keltischen Legenden ist: Brocéliande. Ab 1975 wurde der Wald im Original dann auch Brocéliande genannt (in der deutschen Übersetzung bleibt es, wohl der Einheitlichkeit wegen, bei Frotteelande).

Der sagenumwobene keltische Wald, der im heutigen Forst von Paimpont westlich der bretonischen Hauptstadt Rennes verortet werden kann, war Schauplatz einiger Episoden um Merlin und die Artus-Legende, in der Bucht von Douarnenez wiederum ist der Tristan und Isolde-Mythos angesiedelt. Außerdem gibt es zahlreiche Mythen um Zauberer, Feen, Zwerge, Hinkelsteine und Hünengräber - Ingredenzien, die auf die eine oder andere Weise auch in Bizu auftauchen, ohne dass Fournier die Sagen einfach adaptierte. Die mythische Stadt Ys etwa, eine Art Atlantis oder Vineta vor der bretonischen Küste, spielt im Album „Das Zeichen von Ys“ eine Rolle, in dem eine große Überschwemmung Frotteelandes stattfindet. Die in der Geschichte auftauchende, wunderschöne Zauberin Keryna, die Bizu „die boshafteste Fee der keltischen Welt“ nennt und in die Schnockbüll sich unsterblich verliebt, hat ihren Ursprung in zahlreichen Feenlegenden und dem Mythos um die Königstochter Dahut aus Ys.

Nicht zuletzt ist die starke Rolle der Musik und einiger skurriler Musikinstrumente wie dem erwähnten Dudelsack eine Reminiszenz an die keltische Musiktradition, in der Dudelsäcke bis heute eine wichtige Rolle spielen.

Die Utopie vom freundlichen Miteinander

Die dreibändige Gesamtausgabe aller „Bizu“-Geschichten lässt die Leser eine originelle, hierzulande nahezu unbekannte Serie entdecken, in der ein menschlich warmer Ton vorherrscht und - ganz dezent - die Utopie vom freundlichen Miteinander in einer unberührten Naturlandschaft transportiert wird. Zugleich ist „Bizu“ ein typisches Beispiel für die qualitativ hochwertigen Comics für Kinder, die im Rahmen des „Spirou“-Magazins etwa seit den 50er Jahren entwickelt wurden. Auch stilistisch ist sie ganz der Tradition der „Ecole Marcinelle“ genannten Zeichenschule des Magazins verpflichtet: eine Mischung aus dem lebendig-verspieltem Zeichenstil, den André Franquin entwickelt hat, und der fantasievoll-kindlichen Zauberwelt, die Peyo mit „Die Schlümpfe“ kreierte.
Im nun erschienenen Band 2 kann der Leser nachvollziehen, wie sich „Bizu“ zu einer vergnüglichen Fantasyserie mit klarem Profil entwickelte, die neben einem vielfältigen Schauplatz auch ein komplettes Figurenensemble um die drei Hauptfiguren und interessante, neu hinzukommende Nebenfiguren aufbieten konnte, die in den Folgegeschichten oft weiterhin auftraten.

So entstand um die Fee Keryna ein Zyklus von drei Geschichten, deren letzte allerdings Fragment blieb. Dieses – passenderweise „Le grand désordre“, „Das große Chaos“ betitelt - wird hier erstmals in Schwarzweiß abgedruckt. Die neue „Bizu“-Ausgabe gibt durch ausführliche Aufsätze zum Werdegang Jean-Claude Fourniers und selten veröffentlichtes Bildmaterial auch einen interessanten Einblick in die Entstehungsgeschichte einer „klassischen“ frankobelgischen Comicserie wie auch in ihre wechselvolle Editionsgeschichte.

Jean-Claude Fournier: Bizu, Gesamtausgabe, bislang zwei Bände. Ehapa Comic Collection, 240/192 S., je 34,99 Euro

Unser Autor Ralph Trommer ist Dipl.-Animator, Autor von Fachartikeln über Comics, Prosatexten und Drehbüchern. Weitere Tagesspiegel-Artikel von ihm finden sich unter diesem Link.

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