Comicserie „LastMan“ : Das Traum-Team

Für ihren Franco-Manga „LastMan“ wurden Bastien Vivès, Michaël Sanlaville und Yves Bigerel jetzt auf dem Comicfestival Angoulême gefeiert. Der erste Band der Serie ist bereits auf Deutsch erhältlich - Auftakt eines Abenteuers von spektakulären Dimensionen.

von
Junge Wilde: Bastien Vivès, Yves Bigerel alias Balak und Michaël Sanlaville (von links) bei der Preisverleihung in Angouleme am vergangenen Sonntag.
Junge Wilde: Bastien Vivès, Yves Bigerel alias Balak und Michaël Sanlaville (von links) bei der Preisverleihung in Angouleme am...Foto: AFP

Man stelle sich vor, ein Filmproduzent würde Quentin Tarantino, Ang Lee und Martin Scorsese davon überzeugen, gemeinsam eine Serie zu drehen. Storyboard, Texte, Besetzung – über all diese Fragen könnten sie selbst entscheiden. Die einzige Bedingung würde lauten: alle vier Monate muss ein neuer, abendfüllender Film abgegeben werden, in dem die speziellen Talente der drei Ausnahmeregisseure zur Entfaltung kommen.

Ein solches Projekt, das für die Filmbranche utopisch ist, ist in der französischen Comicszene seit zwei Jahren Wirklichkeit - jetzt wurde es beim Comicfestival Angoulême mit dem Preis für die beste Serie ausgezeichnet. Mit Bastien Vivès, Michaël Sanlaville und Yves Bigerel alias Balak zeichnen seit Ende 2012 drei Ausnahmetalente der jungen französischen Comicgeneration an einer Geschichte, deren Dimension man bislang nur aus der Welt der japanischen Mangas kannte. Zwanzig Seiten pro Woche, drei Alben pro Jahr, zwei Zyklen à sechs Alben – willkommen bei „LastMan“, einem gigantischen Abenteuerroman in Text und Bild, mit dem sich die drei Franzosen vor dem dynamischen Stil der Mangas, der erzählerischen Magie des Märchens und der Spannung des Science-Fiction-Genres verneigen.

Das beste aus verschiedenen Welten

Der nun in deutscher Übersetzung von Volker Zimmermann erscheinende erste Band von „LastMan“ erzählt von dem Jungen Adrian Velba und seiner attraktiven Mutter Marianne, die im mittelalterlich anmutenden Tal der Könige leben. Adrian träumt davon, ein großer Kämpfer zu werden. Als das alljährliche Turnier um den Großen Preis der Könige – ein Teamwettbewerb – ansteht, sieht er seine Chance gekommen, sich zu beweisen. Doch sein Partner lässt ihn im Stich, Adrian droht den Wettkampf zu verpassen.

Angoulême - Impressionen von Europas größtem Comicfestival
Wandbemalung mit Lucky Luke von Zeichner Morris.Weitere Bilder anzeigen
1 von 35Foto: AFP
01.02.2015 09:18Wandbemalung mit Lucky Luke von Zeichner Morris.

In dieser Situation tritt Richard Aldana in sein Leben, ein gestählter, aber im Tal der Könige vollkommen unbekannte Hüne, der ebenfalls am Wettbewerb teilnehmen will. Richard und Adrian beschließen, als Team anzutreten, um die Trophäe davonzutragen. Adrians Mutter ist alles andere als begeistert, lässt sich aber zugunsten ihres Sohnes darauf ein. Doch schon zu Beginn des Turniers muss das ungleiche Team gegen eines der stärksten Duos im Wettbewerb antreten.

Mit Bastien Vivès ist der Shootingstar der französischen Comicszene an dem Projekt beteiligt. Neben „LastMan“ wirkt der Paris-Hipster auch an Thomas Cadènes BD-Novela „6 aus 49“ mit. Darüber hinaus besticht das Werk des erst 30-jährigen Comiczeichners mit preisgekrönten Alben wie „Der Geschmack von Chlor“ oder „Polina“ durch seine stilistische Bandbreite. An seiner Seite stehen mit Balak und Michaël Sanlaville zwei Comickünstler, die aus dem Vollen schöpfen können, wenn es um Action und Bewegung geht. Balak ist künstlerischer Berater des US-amerikanischen Comicverlags Marvel. Er hat das packende Storyboard geschrieben und der Erzählung ihren Drive gegeben. Diesen hat Michaël Sanlaville perfekt in Szene gesetzt. Aus der Filmbranche zum Comic gekommen hat er hier sein intuitives Gespür für Perspektiven und Bewegungen zur vollen Entfaltung kommen lassen.

Manga, Märchen und Science Fiction: Eine Seite aus dem teilweise kolorierten ersten Band der Reihe.
Manga, Märchen und Science Fiction: Eine Seite aus dem teilweise kolorierten ersten Band der Reihe.Foto: Reprodukt

Schon auf den ersten 200 der am Ende wohl knapp 2.500 Seiten umfassenden Erzählung rammen Vivès, Balak und Sanlaville die tragenden Pfeiler ihres Epos in den Boden. Zum einen verankern sie die Geschichte räumlich in einer fiktiven Welt aus Gut und Böse. Die Welt im Tal der Könige ähnelt dem Kontinent Westeros aus der US-amerikanischen Fernsehserie „Game of Thrones“ – wenngleich hier keine Reiche miteinander in Konflikt liegen. Vielmehr ist das Tal der Könige eine abgeschiedene Insel der Glückseligkeit, in der das Mittelalter noch lebendig ist. Der Frieden in diesem Reich wird jedoch von der Welt außerhalb des großen Nebels bedroht, weshalb hier die hohe Kunst des Kampfes praktiziert wird. Das alljährliche Turnier dient dem ständigen Vergleich, um die besten Kämpfer in den eigenen Reihen zu Wissen.

Eine Mischung aus „Game of Thrones“ und „Dragon Ball“

Zum anderen lösen sie den Gut-Böse-Dualismus figurativ auf. Der einzige unschuldige Held in dieser Geschichte ist der kleine Adrian, der in einer Mischung aus Ehrgeiz und kindlicher Naivität das Vorhaben, den Turniersieg davonzutragen. Adrian ist das emotionale Zentrum dieser fulminanten Story; an ihm und seiner liebevollen Mutter Marianne, die eine geheimnisvolle Vergangenheit umgibt, können sich die Leser immer wieder das Herz wärmen, wenn es kalt wird in dieser Welt.

Nachwuchskämpfer: Die Hauptfigur Adrian Velba in einer Szene aus dem ersten Band.
Nachwuchskämpfer: Die Hauptfigur Adrian Velba in einer Szene aus dem ersten Band.Foto: Reprodukt

Richard Aldana ist der Draufgänger, hinter dessen harter Schale sich ein weicher Kern verbirgt. Dennoch sieht man ihm an, dass er nicht Teil dieser Welt ist, in die er hier gelangt, sondern aus dem finsteren Reich hinter den nebligen Sümpfen kommt. Neben diesen drei Hauptfiguren werden im Prequel zahlreiche der kleinen und großen Helden und Antihelden eingeführt, die im Laufe der Erzählung – die sich zu einem dystopischen Science-Fiction-Epos über Martial Arts und Wrestling, mafiaartige Geheimbünde, wirre Beziehungen, geheime Liebe, tiefen Hass, skrupellose Gewalt sowie Ehre und Anstand auswachsen wird – auftauchen und tragende Rollen übernehmen.

„LastMan“ ist eine Mischung aus „Game of Thrones“ und „Dragon Ball“. Stilistisch werden hier Vivès’ sinnlicher Strich mit dem Schwung von Akira Toriyama sowie dem Realismus von Osamu Tezuka und Jiro Taniguchi gekreuzt. Diese zeit- und grenzenlose Geschichte hält mit jedem neuen Band überraschende Wendungen bereit. Während andere Comicserien mit jedem neuen Album abbauen und an Strahlkraft verlieren, geschieht hier genau das Gegenteil. Die Distanz zwischen Leser und Lektüre wird mit jeder Seite geringer. Es ist kein Zufall, dass gerade der sechste, den ersten Zyklus abschließende Band jetzt in Angoulême ausgezeichnet wurde. Angesichts des grafischen und erzählerischen Feuerwerks, das die drei Franzosen in jedem einzelnen Band abbrennen, hätten ebenso gut die fünf vorhergehenden Bände eine Nominierung verdient gehabt.

Fortsetzung folgt: Das Cover des ersten Bandes auf Deutsch.
Fortsetzung folgt: Das Cover des ersten Bandes auf Deutsch.Foto: Reprodukt

Balak, Bastien Vivès, Michaël Sanlaville: LastMan 1, aus dem Französischen von Volker Zimmermann, Lettering von Max Hurlbrink, Font: Guy Buhry, 216 Seiten, 18 Euro. Band 2 erscheint im April 2015 auf Deutsch.

Einen umfassenden Überblick unseres Autors Thomas Hummitzsch über alle Preisträger von Angoulême finden Sie auf seiner Website intellectures.com.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben