Comicverfilmung : „Comic ist bei uns Teil der Nationalkultur“

Dieser Tage erscheint die Verfilmung der Comic-Serie „Largo Winch“ auf Deutsch. Im Interview verrät der Zeichner Philippe Francq, was er von der Umsetzung hält und wieso sein in Deutschland wenig bekannter Wirtschafts-Thriller daheim ein Beststeller ist.

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Action mit Anspruch. Eine Szene aus "Largo Winch".Illustration: Francq/Schreiber&Leser

Die Wirtschafts-Thriller-Serie „Largo Winch“ verkauft sich in Belgien und Frankreich seit Jahren ähnlich gut wie die Alben von Asterix oder Tim und Struppi. In Deutschland hingegen ist die von Jean van Hamme geschriebene und von Philippe Francq im hyperrealistischen Stil gezeichnete Reihe nur einem kleinen Kreis von Lesern bekannt. Dabei sticht das in der Reihe „Alles Gute“ im Verlag Schreiber & Leser erscheinende Epos um einen abenteuerlustigen Milliardenerben angenehm aus der frankobelgischen Massenware heraus und verbindet unterhaltsame Action, unorthodoxe Charaktere und exotische Schauplätze zu einem trotz einiger klischeehafter, trivialer Elemente sehr unterhaltsamen Stück Comic-Literatur.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte Jérôme Salle einen durchaus gelungenen und in Frankreich sehr erfolgreichen Kinofilm auf Grundlage der Serie, jetzt kommt der Film zumindest als DVD auch in Deutschland heraus.

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Hart im Nehmen. Die Comicserie umfasst bislang 16 Bände, auf Deutsch sind sie in der Reihe "Alles Gute" bei Schreiber & Leser...Illustration: Francq/Schreiber&Leser

Der deutsche Titel lautet: „Largo Winch – Tödliches Erbe“. In zentralen Rollen sind darin der französische Comedy-Star Tomer Sisley und Kristin Scott Thomas („Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, „Der englische Patient“) zu sehen.

Seit kurzem steht der Largo-Winch-Film in deutschen Videotheken, in den Handel kommt er am 20. November. Anlass für ein kurzes Interview mit dem in Frankreich lebenden Belgier Philippe Francq (47), der seit Jugendjahren immer wieder in Deutschland gelebt und gearbeitet hat und eine Erklärung dafür hat, wieso frankobelgische Beststeller wie seine Serie bei uns oft nur Eingeweihten bekannt sind.

Tagesspiegel: Monsieur Francq, seit fast 20 Jahren arbeiten Sie an der Serie „Largo Winch“, inzwischen sind 16 Alben erschienen. Wie gefällt Ihnen der Kinofilm auf der Grundlage Ihres Werkes?

Philippe Francq: Sehr. Er stimmt für mich genau mit dem Comic überein. Es gab vor ein paar Jahren, ab 2001, mal eine Fernsehserie auf Grundlage des Buches. Die hatte mit der Vorlage nicht mehr viel zu tun und war viel zu weit von den Comics entfernt. Die Drehbuchautoren kannten unsere Bücher gar nicht! Und inhaltlich war es viel weniger ein Wirtschaftskrimi, wie im Original, sondern mehr ein normaler Polizeikrimi.

Wieweit haben Sie nach dieser schlechten Erfahrung jetzt auf den Kinofilm Einfluss genommen?

Das war nicht nötig. Jérôme Salle, der Regisseur, und Julien Rappeneau, der Drehbuchautor, haben unsere Comicserie von Anfang gelesen, Und es war schon lange ein Traum von Jérôme gewesen, die Serie mal in einen Kinofilm umzuwandeln. Deswegen ist das Ergebnis genau so wie das Original geworden, ohne dass wir uns da groß eingemischt hätten.

Nun ja, wenn man die Bücher und den Film vergleicht, gibt es ja schon einige bemerkenswerte Unterschiede, vor allem visuell aber auch bei der Dramaturgie. Angefangen mit dem Hauptdarsteller Tomer Sisley, der dem von Ihnen gezeichneten Largo Winch kein bisschen ähnlich sieht.

Ja, das war für mich anfangs ein Problem - zumindest bevor ich den Film gesehen hatte. Im Internet hatten viele Leser in Belgien und Frankreich gesagt, der Film kann doch nichts werden, weil Tomer Sisley nicht wie unser Largo aussieht.

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Exotische Schauplätze. Die bislang letzten Bände spielen in Hongkong, das Zeichner Philippe Franq zur Vorbereitung zwei Mal...

Ich wollte abwarten und sehen, wie Tomer sich macht, wenn er die Rolle spielt. Und ich muss sagen: Er hat genau die Persönlichkeit getroffen, die unser Largo im Buch hat. Allerdings haben Sie Recht, es gibt schon einige bemerkenswerte Unterschiede in der Handlung, zum Beispiel am Ende.

…oder den Bruder der Hauptfigur, den es im Buch gar nicht gibt.

Ja, aber das ist alles sehr intelligent und schlüssig gemacht, daran habe ich nichts auszusetzen. Und die Schauspieler sind sehr passend besetzt.

Im Buch ist von besonderer Bedeutung die Beziehung zwischen Ihrer Hauptfigur Largo und seinem Freund Simon. Der fehlt in dem Film komplett.

In dem Film gibt es dafür den Bruder von Largo. Und für Simon war einfach kein Platz. Es hätte den Rahmen des Filmes gesprengt – aber ich kann Ihnen sagen: Es ist bereits ein zweiter Largo-Winch-Kinofilm geplant, in dem wird dann auch Simon eine wichtige Rolle spielen.

Bemerkenswert im Vergleich vom Film zum Comic ist auch die Darstellung von Frauen. In Ihren Büchern sind Frauen eher schmückendes Beiwerk, im Film hingegen spielen starke Frauen starke Charaktere, vor allem Kristin Scott Thomas...

Dem möchte ich widersprechen. Im Buch gibt es sehr viele Frauencharaktere. Natürlich gibt es auch die Blondinen mit den großen Brüsten, aber es gibt auch bei uns starke Frauen, bei denen das Aussehen nicht das Wichtigste ist.

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Der andere Largo Winch. Tomer Sisley spielt die Hauptrolle in der Verfilmung.Foto: Promo

Der Film, der jetzt in Deutschland auf DVD herauskommt, ist ja in Frankreich schon im vergangenen Jahr ins Kino gekom

men. Wie waren die Reaktionen?


Sehr gut, die Comicserie ist ja sehr weit verbreitet und wir haben fast nur positive Reaktionen bekommen. Die meisten waren überrascht, wie sehr der Film dem Comic gerecht wird.

Ihre Serie, die in Deutschland nur einem kleinen Kreis von Lesern bekannt ist, ist im französischen Sprachraum, vor allem in Frankreich und Belgien, ja seit Jahren ein Bestseller…

Ja. Wir haben alleine in diesem Jahr 750.000 Bücher der Serie auf Französisch verkauft.

Wie erklären Sie sich, dass so eine Serie in Frankreich und Belgien so ein großer Erfolg ist, während sie in Deutschland nur Eingeweihte kennen?

In Belgien haben Comics in der Alltagskultur seit den Anfängen mit Hergé und seinen Tim-und-Struppi-Bänden eine sehr starke Rolle gespielt.

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Philippe Francq ist für seinen ausgeprägt realistischen Zeichenstil bekannt. Seit 1990 setzt er mit Jean van Hamme dessen...Foto: Promo

Später dann auch in Frankreich, von wo nach dem Zweiten Weltkrieg viele Zeichner nach Belgien kamen, weil es dort zu der Zeit bessere Möglichkeiten gab zu arbeiten und zu veröffentlichen. Bei uns waren die Kriegsfolgen nicht so dramatisch wie in Frankreich.

Und das wirkt bis heute nach?

Ja, auch weil diese Entwicklung nach dem Krieg es in den 50er und 60er Jahren dazu geführt hat, dass es eine starke Rückkoppelung in die umgekehrte Richtung von Belgien nach Frankreich gab, sodass sich dann bis heute in beiden Ländern eine starke Tradition entwickelt hat, eigene Comics zu erschaffen und zu lesen und weniger auf amerikanische und andere ausländische Comics zurückzugreifen, wie das in jener Zeit in Deutschland üblich war. Der Comic ist bei uns Teil der Nationalkultur: Jeder Belgier kauft einen Comic pro Jahr, und in Frankreich ist es immerhin ein Comic pro Person alle vier Jahre. Da kommen bei zehn Millionen Belgiern und 60 Millionen Franzosen jedes Jahr schon einige Millionen Bände zusammen.

Mehr zum Film unter www.largowinch.de sowie beim Verlag der Comicserie, Schreiber & Leser. Den deutschen Trailer kann man unter diesem Link anschauen. Das Interview führte Lars von Törne.

Hinweis: Unsere Verlosung ist beendet, die Gewinner werden per Post benachrichtigt.

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