Comicverfilmung „Daredevil“ : Racheengel in Teufels Küche

Am Freitag startet bei Netflix die zweite Staffel der Comicverfilmung „Daredevil“: Zeit für einen Ausflug in die bewegte Geschichte der Hauptfigur - und einen Blick in die Zukunft.

Leonard Hillmann
Stilprägend: Eine Szene aus „Daredevil – Der Mann ohne Furcht“ von Frank Miller und John Romita Junior.
Stilprägend: Eine Szene aus „Daredevil – Der Mann ohne Furcht“ von Frank Miller und John Romita Junior.Foto: Panini

Der teufelsrote Kampfanzug eignet sich gut. Darauf fallen eigene oder fremde Blutflecken nicht so stark auf. Und bei Matthew Murdock fließt häufig Blut – jener ganz besondre Saft, mit dem schon Faust seinen Pakt mit Mephisto besiegelte. Ein Pakt mit dem Teufel wie einst bei Goethe kommt im Comic immer mal wieder vor: So auch 1964 im ersten „Daredevil“-Heft von Stan Lee und Bill Everett, in dem der Boxer Jack „Battling“ Murdock einen Vertrag seines kriminellen Managers unterzeichnet.

Zu welchen weitreichenden Folgen dieses Abkommen führt, haben Comic-Ikone Frank Miller und Zeichen-Star John Romita Junior 1993 in einer ausgeweiteten Ursprungsversion des klassischen Marvel-Helden geschildert. Ihre fünfteilige Serie „Daredevil – Der Mann ohne Furcht“ (auf Deutsch bei Panini) beleuchtet Matts dunkle Jugendjahre: Nachdem Jack aus Liebe zu seinem Sohn Matt nicht in einem abgekarteten Boxkampf auf die Bretter geht, wird der treu sorgende Vater nach seinem Sieg in einer dunklen Gasse erschossen. Matt geht erneut durch die Hölle, verlor er doch bereits Jahre zuvor seine Mutter und in einem Unfall sein Augenlicht. Denn als er einen blinden Fußgänger vor einem Nukleartransporter weggestoßen hatte, schwappte ihm radioaktives Material ins Gesicht und verätzte seine Augen.

Wandelnder Lügendetektor

Düster ist die Welt von Matt Murdock seit jenem tragischen Tag, aber Autor Millar und Illustrator Romita Jr. lassen ihren Helden zeichnerisch und erzählerisch strahlen. Sie verbinden tiefgründige Worte mit einer fesselnden Handlung in einer dynamischen Panelfolge. Monologe des allwissenden Erzählers, eine kaltfarbige und kontrastreiche Kolorierung sowie ein an passenden Stellen gelungenes Schattenspiel helfen dem Leser, Matt Murdock in seiner isolierten, aber auch perspektivreichen Sinneswelt besser zu verstehen. Denn das Geheimnis des Erblindeten ist, dass als Nebeneffekt des Chemieunfalls seine verbliebenen Sinne übermenschlich geschärft worden sind und er dadurch die gesamte Umgebung über eine Art Radarsinn wahrnimmt. Dadurch überführt er etwa Lügen seines Gegenübers detektorähnlich an einer für ihn hörbar veränderten Herzfrequenz und identifiziert Personen auf weite Distanzen anhand ihrer Düfte.

Strafverteidiger mit Hang zur Selbstjustiz: Daredevil aka Matt Murdock, in der Netflix-Serie gespielt von Charlie Cox.
Strafverteidiger mit Hang zur Selbstjustiz: Daredevil aka Matt Murdock, in der Netflix-Serie gespielt von Charlie Cox.Foto: Netflix

Mit diesen speziellen Fähigkeiten und einem harten Training des ebenfalls blinden Ninja-Lehrers Stick wächst Matt zu einem Kampfkunstmeister heran. Dabei untermauern besonders Romita Jrs. kraftvolle Zeichnungen von athletischen Bewegungsabläufen und wüsten Kampfszenen Daredevils hochsensible Sinneswahrnehmung und außerordentliche Körperkontrolle, die ihn wortwörtlich zu einem echten „Teufelskerl“ werden lassen.

Freunde und Feinde

Doch wie käme so ein Draufgänger auch mit diesen speziellen Fähigkeiten ohne die Unterstützung vertrauter Verbündeter aus? Wahrscheinlich gar nicht, schließlich braucht ein Jeder Beistand in dunklen Zeiten, und deshalb stellen die Marvel-Autoren dem Mann ohne Furcht wichtige Kontaktpersonen zur Seite. Dass seine Seele Frieden findet, ist Matt als frommem Christen sehr wichtig, und so legt er regelmäßig Buße bei Pater Lantom ab. Hingegen klärt Murdock in seinem beruflichen Alltag als Anwalt auch selbst die Schuld und Sünden anderer, seitdem er mit seinem besten Freund und Partner Foggy Nelson eine Rechtsanwaltskanzlei in ihrem New Yorker Heimatviertel Hell’s Kitchen gegründet hat. Ihre wichtigste Mitarbeiterin dort ist die Sekretärin Karen Page, die für Matt mehr als nur eine Angestellte wird und eine Beziehung mit ihm eingeht.

Klassiker: Auf Deutsch erscheinen die Daredevil-Comics bei Panini.
Klassiker: Auf Deutsch erscheinen die Daredevil-Comics bei Panini.Foto: Panini

Eine andere wichtige Frau in Matts Leben ist Femme fatale Elektra Natchios: Einst war die unschuldig wirkende Austauschstudentin mit griechischen Wurzeln seine Geliebte aus Unizeiten, später wurde sie eine erbitterte Meuchelmörderin und knallharte Kampfgegnerin. Aber neben ihr hat Mister Murdock über die Zeit auch noch jede Menge weiterer Feinde gefunden, etwa die Ninja-Krieger des Geheimbundes „Die Hand“ oder den tödlichen Scharfschätzen Bullseye. Daredevils Erzgegner jedoch ist und bliebt der Verbrecherboss Wilson Fisk alias Der Kingpin.

Film und Fernsehen

Als intriganter Mafiamogul, ausgestattet mit einer psychopathologischen Persönlichkeit und einem kolossartigen Erscheinungsbild, eignet sich der glatzköpfige Superschurke daher auch am besten als Daredevils Ober-Widersacher in Medien fernab des Comics: So trat der Kingpin bereits 2003 in einem Kinostreifen gegen den Mann ohne Furcht an, den damals Hollywood-Star Ben Affleck spielte. Allerdings wurde der Film von Kritikern gemischt bis eher negativ bewertet und er traf gerade bei vielen Fans auf Ablehnung. Große Begeisterung hingegen – sogar in den anspruchsvollen Fankreisen – gibt es für die 2015 gestartete und von Produzent und Drehbuchautor Drew Goddard mitentwickelte Daredevil-Fernsehserie des Streaming-Portals Netflix.

Darin wirken Charlie Cox’ schauspielerische Darbietung des sich entwickelnden Titelhelden und Vincent D’Onofrios Verkörperung des Kingpins authentisch und kommen vor allem den düsteren Comicvorlagen Frank Millars aus den 70er- und 80-er Jahren nah. Der Noir-Stich der Kamera taucht das Geschehen aller 13 knapp einstündigen Episoden der ersten Staffel in eine trübe Grundstimmung, die auch die Melancholie und den Fatalismus des Lebens in Hell’s Kitchen gelungen widerspiegelt.

Der Kampf geht weiter: Ein Promobild für den Start der zweiten Netflix-Staffel
Der Kampf geht weiter: Ein Promobild für den Start der zweiten Netflix-StaffelFoto: Netflix

Der dynamische Filmschnitt, ein dodekaphonischer Musikeinsatz an dramatischen Schlüsselstellen und spannende Cliffhanger bieten Nervenkitzel in jeder einzelnen Folge und animieren zum Weiterschauen. Hinterfragen sollte man dabei allerdings einige exzessive Gewaltdarstellungen in der Serie, etwa wenn der fleischige Kingpin einen ihm untreu gewordenen Russenmafia-Boss durch seine immer wieder zuschmetternde Autotür exekutiert, einen Feuer fangenden Yakuza-Anführer brennen lässt oder den ihm auf die Spur gekommenen Investigativjournalisten Ben Urich eigenhändig erdrosselt.

Große Pläne auch für den Punisher und Luke Cage

Diese Szenen ekeln viele Zuschauer als widerwärtige Gräueltaten an, andere sprechen sich in Diskussionsforen und Internetplattformen positiv über das Wagnis der Serienmacher aus, die brutalen Vorgehensweisen des Kingpins aus Comicvorlagen nicht zu verklären. Die Underground-Serie als Ganzes gliedert sich dabei übrigens ins massentaugliche „Marvel Cinematic Universe“ ein, also der Filmreihe, zu der auch die erfolgreichen Blockbuster um die Avengers zählen. 

Nach dem kommerziell erfolgreichen Start und den überwiegend positiven Kritiken der Daredevil-Serie und der ersten Staffel über Murdocks Helden-Kollegin Jessica Jones planen Marvel und Netflix weitere Streaming-Reihen um die Comic-Charaktere Luke Cage und Iron Fist. Die vier Einzelserien sollen dann in einer fünften gipfeln, in der das Quartett als Superhelden-Team „The Defenders“ agiert.

Bisherigen Spekulationen aus Filmkreisen zufolge würde sich dann bis 2018 und 2019 ein fähiges Mixed-Martials-Arts-Team formieren, das den Avengers im zweiteiligen „Infinity War“ und damit dritten Rächer-Kinospektakel zur Seite stehen könnte – immerhin ist zurzeit von mindestens 67 Marvel-Charakteren die Rede, die für diese Über-Schlacht rekrutiert werden sollen. Vielleicht gesellen sich bis dahin zu den Kämpfern aus Hell’s Kitchen sogar noch einige andere eher düstere Marvel-Ritter: Dazu zählen im Comicuniversum etwa der Halbvampir Blade, der Kriegsveteran Punisher oder der Ghost Rider, welcher übrigens schon einmal per Vertragsabschluss seine Seele an den Satan verkaufte und damit ebenso wie Jack Murdock einen buchstäblichen Teufelspakt einging.

Und wenn man schon vom Teufel spricht: Daredevil-Fans sollten sich zunächst diesen Freitag, den 18. März, höllenrot im Kalender anstreichen. Ab dann ist der Advokat im Teufelskostüm mit seinem zur Schlagwaffe Nunchaku umfunktionierbaren Blindenstock in der zweiten Serien-Staffel des Streaming-Portals Netflix unterwegs. Dort wird er auch auf Comic-Kampfgegner wie seine Ex-Freundin, Elitekillerin Elektra, oder den Punisher treffen. Daredevils Abenteuer sind in der Serie zwar genau wie im Comic sehr blutig und brutal umgesetzt, aber erzählerisch und visuell gut inszeniert. Murdock, gespielt von Charlie Cox, ist Gehandicapter und Gesetzeshüter, Katholik und Kämpfer, Strafverteidiger und Selbstjustizler in einer Person – auch bei ihm wohnen wie einst bei Faust zwei Seelen, ach! in seiner Brust.

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