Comicverfilmung : Grundsaniertes Mutantenstadl

Matthew Vaughns „X-Men: Erste Entscheidung“ wartet mit klugem Szenario und überzeugender Besetzung auf. Warum der Relaunch trotzdem nur teilweise gelingt.

Gerrit ter Horst
Die neuen X-Men-Darsteller mit Kevin Bacon (2.v.l.)
Die neuen X-Men-Darsteller mit Kevin Bacon (2.v.l.)Foto: Reuters

Der Kalte Krieg ist auf seinem Höhepunkt und die Kubakrise in greifbarer Nähe. In diesen Wirren gehen zwei junge Männer unterschiedliche Wege: Erik Lehnsherr befindet sich auf einem blutigen Feldzug, um sich an seinen nationalsozialistischen Peinigern zu rächen, Charles Xavier ist ein geistiges Genie auf einer der amerikanischen Elite-Universitäten.

Erst später sollen sie die Namen Magneto und Dr. X annehmen, denn: Sie sind beide Mutanten mit besonderen Fähigkeiten. Und die werden sie auch schon sehr bald brauchen. Denn ihr Artverwandter Sebastian Shaw möchte die anbahnende Eskalation der beiden Supermächte dazu nutzen, einen Konflikt zu provozieren, um im Chaos eine Herrschaft der Supernatürlichen zu errichten. Entwicklungen, denen sich die nun formenden X-Men entgegenstellen wollen, aus ganz unterschiedlichen Motiven.

Wie auch schon die Filme der Vorgängertrilogie wartet „X-Men: Erste Entscheidung“, der nächste Woche Donnerstag in den deutschen Kinos startet, mit einer starken Besetzung auf: Mit Michael Fassbender („Inglourious Basterds“) und James McAvoy („The Last King of Scotland“) wurde ein überzeugendes Protagonistenpaar gefunden, Kevin Bacon mimt den Bösewicht. Aber auch Schauspielernachwuchs fand seinen Platz im Cast, wie die kürzlich für ihre Performance in „The Winter's Bone“ mit dem Oscar nominierte Jennifer Lawrence.
Regisseur Matthew Vaughn zeigte schon in der Comic-Satire „Kick Ass“, dass er sicher mit dem Thema umgehen kann. Nun nahm er sich vor, mit „X-Men: Erste Entscheidung“ - das nur der erste Teil einer neuen Filmreihe darstellen soll - die Franchise nicht nur einer Verjüngungskur zu unterziehen, sondern, ähnlich Nolans „Batman“-Filmen, den Relaunch auch mit einer stilistischen Grundsanierung zu verbinden. Und so führt er den Zuschauer durch eine zweistündige Reise, zwischen Abgrundsexpeditionen und Kalter-Kriegs-Folklore. In der durch die Qualen eines nationalsozialistischen KZs gegangenen Figur Magnetos wird nicht nur die Frage der Schuld verhandelt, sondern auch, welche Schlüsse man aus begangenem Unrecht ziehen muss. Eingeflochten werden diese Fragen in eine Art alternativgeschichtlichen Konzept, das die reale Kubakrise mit den gleichen und doch ganz anderen Kontrahenten zeigt.

Der Film schlägt freilich nicht nur ernste Töne an, gerade in den Figuren der jungen X-Men zeigt sich immer wieder auch die komische und allzu menschliche Seite des Werks, geschmückt mit bunten Motiven der frühen 1960er Jahre. Freunde des Comics werden sich vor allem über zahlreiche Zitate und Anspielungen auf Genreverwandte freuen. Doch ist der Neustart nun gelungen? Leider nur teilweise. Vaughn schlägt die richtige Richtung ein und wendet sich von der allzu knalligen Machart der Vorgänger ab. Reine Action wird mit zum Teil immer noch hochaktuellen Fragen unterfüttert und bekommt dadurch eine wohltuende Schwere. Die Besetzung des Werkes mag fast durchgängig zu überzeugen; merkwürdigerweise wirkt nur Routinier Kevin Bacon teilweise wie eine Karikatur, was leider in seiner stark undifferenzierten Rolle angelegt ist. Das Szenario ist klug ausgesucht und erzeugt damit Realität im Irrealen. Und trotzdem kommt einem „X-Men: Erste Entscheidung“ auf den letzten Metern enttäuschend mutlos vor. Seine Macher haben sich nicht getraut, auf den der Reihe ganz eigenen Bombast zu verzichten oder wenigstens zurückzufahren - und so verlieren sich all die wohlgemeinten Ansätze in einem pathetischen Effektfinale. Das macht es nicht zu einem schlechten Film. Doch am Ende macht er es einem allzu leicht und bedient sich längst überholter Genrekonventionen. Für die nächsten zwei Teile kann man dem Regisseur nur wünschen, dass er die „X-Men“ konsequenter weiterentwickelt. Gerrit ter Horst/dpa

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