• Zitty
  • Potsdamer Neueste Nachrichten
  • Berlin 030
  • Bootshandel
  • Qiez
  • zweitehand
  • twotickets
  • Berliner Köpfe
  • wetterdienst berlin

Comicverfilmung : Strahlemann mit Sixpack

15.08.2011 21:39 UhrVon Birgit Roschy, Britta Schmeis
Blau-weiß-rote Propaganda-Ikone: Chris Evans als US-Flagge auf Beinen. Foto: PromoBild vergrößern
Blau-weiß-rote Propaganda-Ikone: Chris Evans als US-Flagge auf Beinen. - Foto: Promo

Langweilig und nostalgisch – oder überzogen aber amüsant? An der aktuellen Comic-Verfilmung „Captain America“, die am Donnerstag ins Kino kommt, scheiden sich die Geister.

Wir dokumentieren hier zwei erste Kritiken von Birgit Roschy (dapd) und Britta Schmeis (dpa). Die Tagesspiegel-Rezension finden Sie am Donnerstag in der Zeitung, in den Tagen davor und danach bringen wir auf den Tagesspiegel-Comicseiten weitere Hintergrundgeschichten zu Captain America und seiner Bedeutung als amerikanische Pop-Ikone.

Mit Meister Proper gegen Nazischurken
Von Birgit Roschy (dapd)

 In Europa tobt der Zweite Weltkrieg, und wie seine Altersgenossen will sich auch Steven freiwillig an die Front melden. Doch der spillerige, asthmatische New Yorker wird bei jeder Musterung für dienstuntauglich erklärt.

Erst Wissenschaftler Erskine, ein Deutscher im Exil, lässt sich vom Willen und vom Mut des Kerlchens beeindrucken. Er wählt ihn für ein Experiment aus, das aus dem Schwächling einen kraftstrotzenden Supersoldaten macht: Ein Serum bewirkt Stevens Wiedergeburt als „Captain America“.

Der Superheld „Captain America“ ist eine 1941 entstandene Comicfigur, die kurz vor Kriegseintritt der USA als fiktionaler Nazi-Gegner eingesetzt wurde. Die blau-weiß-rot kostümierte Patrioten-Ikone wurde wie Superman und viele andere Heftchenhelden von jüdischen Zeichnern, hier Jack Kirby und Joe Simon, erdacht. Im Comic verprügelt Captain America Hitler im Führerbunker, im zahmeren Film-Comeback jagt er lediglich Erzfeind Red Skull alias Johann Schmidt, einen Nazibonzen, der selbst für Hitler zu verrückt ist. Red Skull will mit dem amerikanischen Wunderserum und nordischem Okkult-Quatsch die Welt erobern.

   So spiegelt die Verfilmung von Joe Johnston („Jurassic Parc 3“) den damaligen Zeitgeist und die quietschbunt überzeichneten Rachefantasien der Heftchenabenteuer wider - und verankert den Superhelden zugleich in der historischen Realität. Der Muskelprotz hat weder göttliche Ahnen wie „Thor“ noch ist er das Produkt eines wissenschaftlichen Unfalls wie „Die fantastischen Vier“. Chris Evans, der bei den „Vier“ bereits als „die Fackel“ auftrat, wird vom schmalbrüstigen Hänfling zum Strahlemann mit Sixpack gedopt und erscheint noch etwas blonder und rotbackiger: ein Vorläufer von
Barbies Ken. Und er ist, so Hauptdarsteller Evans, „durch und durch gut“.

Alte Schule: Hugo Weaving als Oberschuft Red Skull. Foto: PromoBild vergrößern
Alte Schule: Hugo Weaving als Oberschuft Red Skull. - Foto: Promo

Deshalb kommt dieser makellose Meister Proper auch ein bisschen langweilig daher. Trotz glänzender Frauenaugen gibt's in diesem Fantasy-Spektakel kaum Sex und weder Drogen (da Alkohol auf den gedopten Steven keine Wirkung hat, kann er seinen Frust nicht wegsaufen) noch Sarkasmus, was nach der letzten gelungenen Superhelden-Auskoppelung „Iron Man“ eine nette Abwechslung ist. Nebenbei tritt Iron Mans Vater Howard Stark als genialer Erfinder auf. Und noch mehr Hinweise bereiten das Publikum auf das Superhelden-Gipfeltreffen „Avengers“ im April 2012 vor, in dem Captain America im Pulk mit Iron Man, Thor und dem unglaublichen Hulk abermals die Welt retten werden.

    „Captain America“ ist also nach dem lahmen „Thor“-Spektakel der letzte Überbrückungsfilm vor den „Avengers“ - und zugleich einegeradlinige und nostalgische Hommage an den einst vielgeliebten Comic-Strip. Wenn Steven, statt wie erhofft in den Kampf zu ziehen, zunächst als muskulöser Operettenheld im peinlichen Kostüm beiVariété-Shows Kriegsanleihen sammeln muss, beweist die Inszenierung sympathische Selbstironie. Auf Truppenshows in Europa lässt er sich ergeben als Held in Strumpfhosen verlachen, bevor er zur Befreiung eines alten Freundes endlich aktiv wird und mithilfe von Kumpelshinter den Linien den Superschurken und dessen „Hydra“-Organisation aufmischt.

Wie gezeichnet: Peggy Carter (Hayley Atwell). Foto: PromoBild vergrößern
Wie gezeichnet: Peggy Carter (Hayley Atwell). - Foto: Promo

Diese actionreichen 3D-Scharmützel, mit allerlei Retro-Apparaten anschaulich ausstaffiert, erinnern mehr an die Abenteuer von Indiana Jones als an Quentin Tarantinos Nazi-Groteske „Inglourious Basterds“. Hugo Weaving (bereits in „Matrix“ der Oberschuft) als Red Skull gibt eine altmodisch fiese Gruselfigur, Tommy Lee Jones als bärbeißiger General sorgt für Humor, und Hayley Atwell als stramme Soldatin für erotische Unterströmung. Es heißt nicht zu viel zu verraten, dass die Liebe zwischen ihr und dem später tiefgekühlten Steven keine Zukunft haben wird. Wie’s mit dem schönen Mann aus dem Eis weitergeht, werden dann die „Avengers“ zeigen.

Supersoldat mit Zahnpastalächeln
Von Britta Schmeis, dpa

Man kann Comic-Verfilmungen - noch dazu die amerikanischer Nationalhelden - mögen oder auch nicht. Wer sie mag und sich auf großes Pathos, aalglatte Fassaden und ausufernde Materialschlachten einlässt, ist bei „Captain America“ bestens aufgehoben. Zum 70. Geburtstag der Figur bringen die Marvel-Studios, die vor 70 Jahren, damals noch als Verlag, schon den Comic auf den Markt brachten, das 3D-Spektakel in die Kinos.

Der junge Steve Rogers (Chris Evans) träumt davon, als Soldat der US-Armee gegen die Nazis in den Krieg zu ziehen. Dumm nur, dass er schlicht zu klein und zu schmächtig ist, als dass er für tauglich befunden werden könnte. Da kommt ihm ein seltsamer Zufall zu Hilfe. Der mysteriöse Wissenschaftler Dr. Abraham Erskine (Stanley Tucci) wählt ausgerechnet ihn für einen streng geheimen Versuch aus, der ihn zum Supersoldaten machen soll.

Gedopt: Steve Rogers (Chris Evans). Foto: PromoBild vergrößern
Gedopt: Steve Rogers (Chris Evans). - Foto: Promo

Das Experiment gelingt: Captain America ist als muskelbepackter und mit blondem Seitenscheitel sowie Zahnpastalächeln ausgestatteter Supersoldat geboren. Allerdings darf Steve zunächst nur als Held in Werbespots und in Roadshows in ein Superman-Kostüm in den Farben der amerikanischen Flagge gehüllt auftreten, um den Patriotismus in der Bevölkerung und die Moral der Truppe zu stärken. Respekt verschafft er sich damit nicht.

    Doch dann kommt seine große Stunde: Er darf sich im Kampf gegen den niederträchtigen Nazi-Schergen Johann Schmidt (Hugo Weaving), der später zu Red Skull mutiert, beweisen. Unerschrocken und selbstlos bis zum Tod kämpft Steve für Freiheit, Frieden und das Gute. Das alles setzt Joe Johnston derart überzogen, so voller Pathos und unendlich makellos in Szene, dass man das nur komisch finden kann.

   Chris Evans mit seiner stets todernsten, wild entschlossenen, fast maskenhaften Miene scheint wie gemalt. Frisur, knallroter Lippenstift und ebensolche Fingernägel der selbstbewussten  Verbindungsoffizierin Peggy Carter (Hayley Atwell) sind selbst noch nach der wildesten Schlacht perfekt - alles eben wie gezeichnet.

   Dass Steve über übermenschliche Kräfte verfügt, scheint bei all dieser Perfektion fast selbstverständlich. Als die ersten Captain-America-Comics 1941 erschienen, dienten sie nicht nur zur Unterhaltung, sondern vor allem der Kriegspropaganda. Das war nicht ungewöhnlich, kämpfte doch auch Superman gegen die Feinde der USA. Captain America trägt seinen Patriotismus schon im Namen, ist in die Nationalflaggen gehüllt, kämpft gegen die Nazis.

Sein langer Lauf zu sich selbst: Seit 1941 ist Captain America - hier durch Chris Evans verkörpert - nun schon im Einsatz. Foto: PromoBild vergrößern
Sein langer Lauf zu sich selbst: Seit 1941 ist Captain America - hier durch Chris Evans verkörpert - nun schon im Einsatz. - Foto: Promo

    Christopher Markus und Stephen McFeely tun gut daran, die Geschichte bis auf eine kurze Schlusssequenz in der Vergangenheit zu belassen. Hätten sie sonst doch den bedingungslosen Patriotismus des Superhelden kritisch hinterfragen müssen. Auch die ernsten Töne, etwa der Verlust seines Freundes Bucky (Sebastian Stan) und die noch junge Liebe zu Peggy, bleiben Nebenschauplätze. Das einzige, was zählt, ist der Sieg über das Böse - für das Vaterland. Und so ist „Captain America“ schlicht gute Kinounterhaltung, solange man die 123 Minuten als Ironie aufs Heldentum und blinden Patriotismus versteht.

     „Captain America - The First Avenger“: USA 2011, 123 Minuten, FSK: 12, Verleih: Paramount, Regie: Joe Johnston, Darsteller: Chris Evans, Tommy Lee Jones, Hugo Weaving, Hayley Atwell,  Dominic Cooper, Stanley Tucci u.a., ab diesem Donnerstag in diversen deutschen Kinos, Website  www.captainamerica-film.de

Weitere Themen

Tagesspiegel twittert

Empfehlungen bei Facebook

Der Tagesspiegel im Sozialen Netz

Foto:

Alle Tickets für Berlin und Deutschland bequem online bestellen!

Tickets hier bestellen | www.berlin-ticket.de