Coming-of-age-Comic : Narrenfreiheit der Adoleszenz

Süßer Vogel Jugend: In seinen "Geschichten aus den Neunzigern" erzählt der Comiczeichner FAB von Suff und Sex, Abschied und Hoffnung am Ende einer Lebensphase.

Sven Jachmann
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Rituale des Übergangs. Szene aus "Ausscheider".Illustration: FAB/Schwarzer Turm

Entweder man begreift bereits in der Schule, dass die Zeit danach eine freundlich lächelnde Hölle voller Entscheidungszwänge sein wird. Oder man entscheidet sich, einfach nicht darüber nachzudenken. Und das sind nur zwei der Lebensentwuürfe, die der 1972 geborene Comiczeichner FAB (alias Fabian Stoltz) in seinen "Geschichten aus den Neunzigern" vorstellt.

Da in der Reihe weitgehend auf Linearität verzichtet wird, lassen sich die jeweiligen Erzählungen auch als abgeschlossene Einheiten lesen. Im nunmehr vierten Band bilden den narrativen Mittelpunkt eine Abi-Abschluss-Party und die damit verbundenen, oftmals finalen Konfrontationen. Lieben wollen entschieden, Antipathien zementiert oder aufgegeben werden. Tatsächlich ist dies der letzte Zeitraum, in dem Ziellosigkeit als geduldeter Wegbegleiter einer unsicheren Lebenspassage durchaus akzeptiert ist, sie Raum bekommt und schlechterdings zur temporären Tugend erhoben wird. Der Reiz solcher Geschichten besteht zweifellos in einer bestimmten Konzeption von Jugend als Phase des Übergangs, immer verbunden mit dem insgeheimen Wissen, dass die gegenwärtige Freiheit nicht grenzenlos ist.

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Abschied und Neubeginn. Eine Seite aus dem besprochenen Band.Illustration: FAB/Schwarzer Turm

Daraus speist sich denn auch die Melancholie, die FABs Geschichten eingeschrieben ist: Alles lässt sich wünschen, jedoch nur wenig erreichen, und das Begehren hinter dem Wunsch ist in den ritualisierten Festivitäten, und seien diese auch nur Abschlussparties, bereits domestiziert.

Gezähmte Jugend

Vor der falschen Freiheit kommt also zunächst die Narrenfreiheit, und FAB staffiert dieses Setting mit den zu erwartenden Ingredienzen aus: Suff, Sex, Prügeleien, Abschiede, Desorientierung, Hoffnungsschimmer… Durch die oftmalige Präsentation der Figuren im Porträt erhält das Ganze zudem eine dokumentarische Note, evoziert einen Moment der Stille, bevor der unausweichliche Wandel eintritt, und wird so zwar auch zur retrospektiven Form der Nostalgie. Doch unbeschwert kommt diese ganz und gar nicht daher. Das hat Vor- und Nachteile. Als verklärter, autobiographischer Rückblick lässt sich das Geschehen nicht banalisieren, dafür ist die eher multiperspektivische Erzählhaltung zu sehr darauf gerichtet, Zeitgeist zu skizzieren und den Umbruch einzufrieren. Allerdings scheint FAB diesem Sujet allein nicht genügend Mehrwert zuzutrauen, weswegen er dem Plot einen Schuss Intertextualität angedeihen lässt und einige Figuren im Geiste Rosenkranz' und Güldensterns sprechen lässt, jenen Jugendfreunden Hamlets, denen bereits Tom Stoppard ein Theaterstück samt Verfilmung spendierte.

Zahmes Formspiel

So konstruiert FAB einen Link zum Jugendbegriff: Ihren beiden Vorbildern gemäß sind auch seine zwei Hauptfiguren närrisch in einer adoleszent gebrochenen Weise: linkisch, reflektiert genug, das Geschehen um sie herum zu erfassen, jedoch unfähig, es in den larmoyanten Zusammenhang, der da Abschied heißt, einzuordnen. Sie kommentieren das Geschehen gleich einem griechischen Chor, treiben es aber nicht an, Spott und Wortwitz bleiben folgenlos.

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Vor allem aber bricht ihr Duktus einen Erzählfluss, der sein Thema bereits manifest in sich trägt. Der Tunnelblick des jugendlichen Aufbegehrens, das seine Adressaten (noch) in der Diffusion oder in der Selbstanklage ausfindig macht, trifft auf sein zukunftsgerichtetes Pendant, in dem die Ahnung der Machtlosigkeit zugunsten der Vernunft ausgetauscht worden ist. Dieser Druck ist in der Tat ein identitätsstiftender, universaler Wegbereiter und unterliegt einer ständigen, wenn auch dialektischen Dynamik. In diesem Sinne sind die dokumentaristischen Stilmittel adäquat platziert. Der Stoppard-Bezug hingegen offenbart sich als reines Formspiel und verleiht der impliziten, plotimmanenten Melancholie eine Bedeutungsschwere, die sie auch ganz allein hätte stemmen können.

FAB (Fabian Stoltz): Geschichten aus den Neunzigern. Bd. 4: Ausscheider.
Schwarzer Turm Verlag. 44 Seiten. 6 Euro.

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