„Da wird sich nie was ändern!“ von Ulla Loge : Warten auf bessere Zeiten

In ihrem Comic „Da wird sich nie was ändern!“ erzählt Ulla Loge von den letzten Monaten des SED-Regimes.

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Zwischen Rebellion und Repression: Eine Szene aus dem besprochenen Buch (für die komplette Ansicht bitte auf das Lupensymbol klicken!).
Zwischen Rebellion und Repression: Eine Szene aus dem besprochenen Buch (für die komplette Ansicht bitte auf das Lupensymbol...Foto: Jaja

Wie man sich irren kann: „Da wird sich nie was ändern!“, schreibt in einer DDR-Kleinstadt die 17-jährige Schülerin Karla Leupold unter ihre Wandzeitung mit Fotos vom offiziellen Aufzug zum 1. Mai. Ein halbes Jahr später hat sich alles geändert. Das System, in dem Karla wegen ihrer Wandzeitung und ihrer unkonventionellen Fotos großen Ärger bekommt, implodiert. Was in jenem halben Jahr passiert, erzählt die Berliner Comicautorin Ulla Loge in ihrem Buch „Da wird sich nie was ändern!“, am Sonnabend stellt sie es in einer Lesung in der Galerie „Neurotitan“ in Berlin-Mitte vor, in der zur Zeit eine Comic-Ausstellung zu ihrem 20-jährigen Bestehen läuft.

Karla Leupold ist eine von sieben fiktiven, von realen Personen inspirierten Figuren, anhand derer Loge beschreibt, wie sich das Leben in der DDR und die Zeit des Umbruchs angefühlt hat - ein Thema dessen sich in den vergangenen Jahren mehrere Zeichner angenommen haben, darunter Mawil sowie Alexander Lahl, Max Mönch und Kitty Kahane. Ulla Loges Charaktere sind Archetypen wie der Arbeiter Rudolf Pieper, der sein Glück im Schrebergarten findet, oder die Bürgerrechtlerin Gudrun Degemuth, die nicht nur wegen ihres für die Stasi arbeitenden Freundes an die spätere CDU-Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld erinnert.

20 Jahre Comics & Illustration im Neurotitan
Willkommen im gallischen Dorf: Der Eingang zum Haus Schwarzenberg mit der Galerie Neurotitan in Berlin-Mitte.Weitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: Lars von Törne
23.12.2015 18:20Willkommen im gallischen Dorf: Der Eingang zum Haus Schwarzenberg mit der Galerie Neurotitan in Berlin-Mitte.

Im Zentrum aber steht die Schülerin Karla, die sich zur Opposition und zur Punkszene hingezogen fühlt und so mit ihrem Vater, einem SED-Funktionär und Redenschreiber, in Konflikte gerät. Während die junge Frau mit ihrer Kamera die verblassende DDR und den Untergang der SED-Diktatur festhält, schreibt ihr Vater Durchhaltereden und fällt seiner Tochter beim Streit um ihre provokative Wandzeitung in den Rücken.

Die Zeichnerin nimmt sich viel Raum, die Atmosphäre jener Zeit in Bildern zu vermitteln. Zwischen pointierten Dialogen der Figuren gibt es immer wieder Seiten voller wortloser Impressionen: Schaufenster mit politischen Slogans, Paraden, Alltagsszenen aus Staatsbetrieben, Kirchen und von Kleingartenfesten, Wartende an Bushaltestellen.

Wartegemeinschaft: Vier der Figuren Ulla Loges auf dem Buchcover.
Wartegemeinschaft: Vier der Figuren Ulla Loges auf dem Buchcover.Foto: Jaja

Loges Strich wirkt skizzenhaft und auf das Wesentliche reduziert, Aquarellfarben verstärken die Wirkung der Zeichnungen.

Historische Momente wie die Bürgerrechtsdemonstrationen vom 7. Oktober sowie später der Schabowski-Auftritt zur Maueröffnung betten die persönlichen Geschichten in den historischen Kontext ein. Auch wenn die Autorin 1989 selbst erst zehn Jahre alt war, hat sie dank vieler Gespräche mit älteren Zeitzeugen doch ein vielschichtiges Bild jener aufregenden Monate entworfen.

Ulla Loge: Da wird sich nie was ändern, Jaja-Verlag, 160 Seiten, 18 Euro.

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