"Das Komplott" : Die Lüge lebt

Kürzlich wurden in seinem Namen wieder die besten Comics Nordamerikas gekürt. Micha Wießler hat sich Will Eisners letztes Buch noch einmal angeschaut

Micha Wießler
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Unzerstörbar. Eisner zeichnet die Wirkungsgeschichte der "Protokolle der Weisen von Zion" nach.Illustration: Eisner/DVA

Will Eisner ist einer der großen Pioniere des Comics. Schon 1940 erschien sein "Spirit" regelmäßig als achtseitige Comicbeilage in Sonntagszeitungen und wird noch  heute zu Recht als eine der besten Comicserien aller Zeiten angesehen. Eisner entwickelte darin innovative Erzählstrukturen, nutzte filmische Mittel in der Panelaufteilung und den Perspektiven und bewahrte dabei eine gehörige Portion Humor und Ironie dem Genre gegenüber (mehr dazu hier). 

1978 aber veröffentlichte Will Eisner, bereits 61-jährig, sein Comic "A Contract with God" bei einem kleinen Buchverlag und nannte es eine "Graphic Novel". Damit wurde der Begriff geboren, den heute die Marketingstrategen der Comicverlage benutzen, um die "anspruchsvolleren" Erzählcomics von den klassischerweise als minderwertiger angesehenen "normalen" Comics abzugrenzen und ihnen dadurch eine höhere Akzeptanz im Buchhandel und bei Lesern zu verschaffen, die bis dato Comics nur mit der sprichwörtlichen Kneifzange angefasst hätten. 

In den folgenden 20 Jahren veröffentlicht Eisner eine ganze Reihe von Graphic Novels. Viele davon spielen im New Yorker Hinterhofmilieu, handeln von menschlichen Tragödien, kleinen Geschehnissen und sind zumeist von einer handfesten Moral durchsetzt, aber immer untypisch für die ansonsten von Superhelden, Romance, Crime oder Funnys dominierten amerikanischen comic books. Auch die Veröffentlichung in Buchform war Ende der 70er Jahre für Comics in den USA eine Revolution, erschienen diese doch zu der Zeit fast ausschließlich als Hefte oder Magazine.  

Gesucht: Ein Beweis für die Schuld der Juden

Eisners letztes Werk, veröffentlicht erst nach seinem Tod 2005, ist "The Plot", auf Deutsch "Das Komplott: Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion".

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Eisner erzählt darin nicht eine erfundene Geschichte sondern rekonstruiert die Verbreitung einer Geschichte, die zu einem speziellen Zweck verfasst wurde und heute noch benutzt wird, nämlich zur Diffamierung der Juden. Wie er im Vorwort des Buches schreibt, war es ihm wichtig, mit Hilfe eines machtvollen Mediums ein Thema anzusprechen, das ihm am Herzen lag, an dessen Realisierung er viele Jahre arbeitete und recherchierte. 

Will Eisner nutzt die Möglichkeiten des Comics, und mit seiner Hilfe ist der Leser Zeuge der Entstehung der Texte, angefangen bei Maurice Joly, einem französischen Schriftsteller, der mit seinem Traktat 1864 Kaiser Louis Napoleon und dessen Machthunger entlarven wollte. Vierzig Jahre später wird am russischen Hof verzweifelt ein "Beweis" für die Schuld der Juden an den Zuständen im Lande gebraucht. Zu diesem Zweck wird Jolys Text größtenteils umgeschrieben und den Juden bzw. den imaginären "Weisen von Zion" angedichtet. 1897 hatten sich Juden aller Länder zum ersten Zionistischen Weltkongress getroffen, und das nahm man zum Anlass, scheinbar dort ausgeheckte Pläne zur Machtergreifung und Herrschaft über die Andersgläubigen nun "aufzufinden".   

"Selbst wenn es gefälscht ist, sollte man es lesen"

Nun folgt Eisner den weiteren Stationen der Verbreitung der Texte, und obwohl bereits 1921 der Beweis für die Fälschung veröffentlicht wird, werden sie überall auf der Welt immer wieder neu aufgelegt. Eisner nennt unzählige Veröffentlichungen und Übersetzungen und zitiert aus eindeutigen Gerichtsurteilen oder andere Beweisen für die Unwahrheit der "Protokolle". Immer wiederkehrend dabei die Hoffnung und die scheinbare Sicherheit, das Ende der Veröffentlichungen sei nun erreicht, da nun wohl alle Menschen verstanden hätten, dass es sich um eine Lüge handelt.  

Auf den letzten Seiten taucht im Comic Eisner selbst auf, geht seinen Recherchen nach und muss frustriert feststellen, dass es den Menschen nicht unbedingt um die Wahrheit geht. "Selbst wenn es gefälscht ist, sollte man es lesen, weil es die Juden entlarvt" bekommt er am Rande einer antijüdischen Demonstration zu hören, als er auf die nachgewiesene Unwahrheit der Texte aufmerksam macht. Die Menschen brauchen ein Feindbild, einfache Lösungen, einen Sündenbock. Und dafür waren die Juden schon immer gut - und die "Protokolle" ein brauchbares Werkzeug zu diesem Zweck.        

Will Eisner: Das Komplott - die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion, 
DVA-Verlag, 124 Seiten, 19,90 Euro.
Mehr über die Eisner Awards, die im Juli in San Diego verliehen werden, erfährt man unter
diesem Link. 

Unser Autor Micha Wießler ist Geschäftsführer des Berliner Comicladens Modern Graphics. Der Laden befindet sich in der Oranienstr. 22, Kreuzberg (Hauptgeschäft) und hat eine Filiale im Europacenter (UG), Tauentzienstr. 9-12. Online unter www.modern-graphics.de.

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