„Das Schloss in den Sternen“ von Alex Alice : Ätherträume vom Weltraum

Alex Alice verbindet in „Das Schloss in den Sternen“ Einflüsse von Jules Verne, deutscher Romantik und japanischen Trickfilmen zu einem überzeugenden Science-Fiction-Comic.

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Von Hayao Miyazaki inspiriert: Eine Seite aus dem besprochenen Album.
Von Hayao Miyazaki inspiriert: Eine Seite aus dem besprochenen Album.Foto: Splitter

Bisher kannte man Alex Alice vor allem für die Serie „Das dritte Testament“, an der er mit Szenerist Xavier Dorison zusammenarbeitete, und für die „Siegfried“-Trilogie, in der Alice aus der Nibelungen-Sage einen epischen Fantasy-Comic machte. „Das Schloss in den Sternen – 1869: Die Eroberung des Weltraums“ heißt das neueste Werk des Franzosen, das auf Deutsch bei Splitter erscheint. Bereits im ersten Album verbindet Alice antik anmutende Science-Fiction in der Tradition von Jules Verne mit der deutschen Romantik und garniert das Ganze mit unverhohlenen Anleihen bei Hayao Miyazaki und dem legendären Anime-Studio Ghibli. Heraus kommt dabei eine charmant erzählte und hinreißend visualisierte historische Alternativwelt-Story über eine archaische Expedition ins All, die das SF-Subgenre des Steampunks bzw. des Ätherpunks bedient, auf dem vor ein paar Jahren die letzten Endes unerfüllten Hoffnungen des fantastischen Buchmarkts ruhten.

Die Eroberung des Weltraums

Alices von mehr als ihren Hommagen, ihren Zitaten und ihren schön anzuschauenden Bildern mit Aquarell-Anmutung getragene Geschichte beginnt im Frankreich des Jahres 1868. Die Mutter des jungen Seraphin will mit einem Heißluftballon in eisiger Höhe den legendären Äther einfangen – und wird aus dem Leben ihres Mannes und ihres Sohnes fortgerissen. Ein Jahr später lockt ein Telegramm aus Bayern Seraphin und Professor Dulac nach Bayern, genauer gesagt nach Schloss Neuschwanstein bei Füssen. Schon vor Erreichen des Märchenschlosses werden Vater und Sohn von preußischen Agenten angegangen, da Bismarck ebenfalls das Geheimnis des Äthers in die Finger bekommen möchte und längst Super-Bomben und Kolonien im All vor seinem geistigen Auge sieht.

Traumreisen: Eine Seite aus dem zweiten Band der Reihe.
Traumreisen: Eine Seite aus dem zweiten Band der Reihe.Foto: Splitter

Im beschaulichen Südbayern stellt sich schließlich heraus, dass selbst der eigensinnige, immens schwermütige König Ludwig II. fest entschlossen ist, ein schwanengleiches Schiff mit Äther-Motoren ins All zu fliegen, bis zu den Sternen, dem Mond und vielleicht dem Mars (hinsichtlich der kosmischen Sehnsüchte ist Alice ausgesprochen aktuell). Professor Dulac tüftelt am Schiff, und Seraphin findet in einheimischen Kindern zwei wertvolle Verbündete, die ihm ebenso wie Ludwigs Cousine Sissi beistehen, wenn es gegen Bismarcks skrupellose Spione und die Erfüllung des Traums von der Eroberung des Weltraums geht, der Seraphins Mutter verschlungen hat ...

Jules Verne im Anime-Studio Ghibli

Die ganze Idee mit dem Äther-Raumschiff klingt natürlich schwer nach Jules Verne (1828 – 1905), der in frühzeitlichen Science-Fiction-Romanen wie „Von der Erde zum Mond“ großen Wert darauf legte, dass das unglaubliche Streben seiner Protagonisten zumindest theoretisch den technischen Möglichkeiten, wissenschaftlichen Ansichten oder zumindest Hoffnungen der damaligen Ära entsprach. Konzeptionell und ideologisch war Verne damit der genaue Gegenpol zum Engländer H. G. Wells, dem anderen Stammvater der heutigen Science-Fiction. Alex Alice lässt die Hauptfiguren in seiner Parallelwelt-Story genauso naiv und gleichzeitig doch überzeugt und sachlich nach den Sternen greifen, wie das bei Jules Verne der Fall war.

Neben Verne listet Alice noch eine Reise nach Bayern, die er als Jugendlicher unternahm, und die Gemälde Caspar David Friedrichs als Inspirationsquellen auf. Weitere Einflüsse waren die großen frankobelgischen Künstler Hergé und Tardi. Nicht zu vergessen, dass der 1974 geborene Alice zur ersten Generation Jugendlicher gehörte, die Zeichentrickserien und Animes wie von Altmeister Hayao Miyazaki im französischen Fernsehen sah. So überrascht es letztlich kaum, dass man Elemente der verschiedensten Schulen und Strömungen aus Prosa, Comic, Film und Fernsehen in „Das Schloss in den Sternen – 1869: Die Eroberung des Weltraums“ findet. Die Überraschung liegt eher darin, dass die Kombination inhaltlich und optisch so harmonisch ist und so gut funktioniert.

Fortsetzung folgt: Das Cover des zweiten Albums.
Fortsetzung folgt: Das Cover des zweiten Albums.Foto: Splitter

Denn der kuriose Mix eines aus so vielen Quellen gespeisten frankobelgischen Steampunk-Comics über König Ludwigs Weltraumprogramm im Bayern zur Mitte des 19. Jahrhunderts dürfte eigentlich nicht funktionieren und müsste im Grunde ziemlich lächerlich daherkommen. Doch „Das Schloss in den Sternen – 1869: Die Eroberung des Weltraums“ überzeugt auf ganzer Linie. Der erste Band war im vergangenen Jahr ein wunderbarer Start, der Alex Alices Intention folgend Leser jeden Alters zu verzaubern vermochte, und im gerade erschienenen zweiten Band gibt es die sehr ordentliche Fortsetzung, die lediglich ein bisschen vom Überraschungseffekt und Begeisterungspotential des Settings eingebüßt hat. Wohliges Staunen zwischen dem alten Bayern und dem uralten Weltall ist trotzdem nach wie vor unausweichlich.

Alex Alice: Das Schloss in den Sternen – 1869: Die Eroberung des Weltraums, Splitter, bislang zwei Bände (von drei), je 72 Seiten, je 15,80 Euro.

Weitere Tagesspiegel-Artikel von Christian Endres finden sich hier, der Blog unseres Autors findet sich hier.

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