Dauerbrenner : Frauen sagen, wo's langgeht

Jaime und Gilbert Hernandez sind Stars der amerikanischen Comic-Buch-Szene. Seit fast 30 Jahren zeigen sie in ihren Heften einen großen Kosmos amerikanischer Realität.

Andreas Essl
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Realistische Heldinnen. Szene aus "Fliegen an der Decke", dem dritten Band mit Geschichten aus der "Love & Rockets"-Reihe, der auf...Illustration: Hernandez/Reprodukt

Ganz selten passiert es Autoren, dass aus ihrem ersten Werk ein ganzer Zyklus entsteht, der es erlaubt, Charaktere über Jahre hinweg zu formen, sie dick, weise, faltig werden oder auch sterben zu lassen. Ein narratives Gewebe zu entwerfen und trotzdem neue Ufer anzusteuern. Denn wer hat schon die Kraft, stets dieselbe Geschichte weiterzutreiben. Selbst Harry Potter ist tot.

Die Brüder Gilbert und Jaime Hernandez gehören zu den Superhelden der amerikanischen Comic-Buch-Szene. Seit fast 30 Jahren füllen sie alle paar Monate die Seiten ihrer "Love & Rockets"-Heftchen. In Bild und Text erschaffen sie ein Abbild des popkulturellen Amerikas.

Während Gilbert sich durch den fiktiven mexikanischen Ort Palomar zeichnet und schreibt, inszeniert Jaime seinen vielschichtigen Kosmos in den Vororten von Los Angeles im Nischenmilieu des Hispanopunks. Zwei Welten, die nur selten ineinandergreifen, die jedoch eine gemeinsame Komponente haben: Sie werden von der ersten Seite weg von Frauen dominiert.

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Das schwache Geschlecht sind die Männer, so auch in dieser Szene aus Gilbert Hernandez' Geschichte "Blut von Palomar".Illustration: Hernandez/Reprodukt

Palomar ist die Wahlheimat von Luba, Badefrau, Filmvorführerin und später Bürgermeisterin des Ortes. Rund um ihre Familie, Liebhaber und Konkurrentinnen konstruiert Gilbert eine Dorfgemeinschaft, human und doch durchdrungen von Katastrophen und Vorurteilen. Anfangs mit deutlichen Parallelen zu Garcia Marquez' fiktivem Ort Macondo und dem magischen Realismus verhaftet, schöpft Gilbert zunehmend die Möglichkeiten der Verbindung von Text und Bild aus und choreografiert so ein stets komplexer werdendes zwischenmenschliches Zusammenspiel.

Luba mutiert vom naiven Sexsymbol Palomars zum selbstbewussten Oberhaupt des Ortes. Die Imbissverkäuferin und Dorfhure Tonantzin wird zur politischen Märtyrerin, Chelo entwickelt sich von der indifferenten Geburtshelferin Palomars zur resoluten Gesetzeshüterin. Und die Männer? Sie sind meist Typen, die leicht betrunken den Leidenschaften ihres Lebens nachgaffen und ihr Heil in mannesharten Ritualen suchen.

Palomar selbst ist der eigentliche Protagonist von Gilberts Epos. Dort verflechten sich Küsse und Morde, Affären und plötzlich auftretende Gewalt. In den stärksten Teilen des Comics kämpft das Matriarchat Palomars mit Epidemien und Massenmördern, mit dem unaufhaltsamen Eindringen der Außenwelt in die ohnehin vertrackten Strukturen der Gemeinschaft. Die magische Seite Palomars bekommt eine dunkle realistische Färbung. Dass es danach kein ursprüngliches Palomar mehr geben kann, weiß natürlich auch Hernandez. Also verlassen er und seine Protagonistinnen das fiktive Dorf, dorthin, wo die Hoffnung auf ein neues Leben so viele Mexikaner hintreibt: über die Grenze, in die USA.

Dort, an der Peripherie von Los Angeles, leben seit fast drei Jahrzehnten Maggie, Hopey und ihre compañeras ein Leben zwischen Underground und widerwilliger Anpassung. Jaime Hernandez riesige Saga lateinamerikanischen Lebens in den Vorstädten ist ein famoses Sittenbild doppelten Außenseitertums. Perfekt in beiden Sprachen karikieren sie das Wertesystem ihrer Elterngenerationen, stromern unter den Lichtern der Großstadt zu Punkkonzerten und bereichern die Hauswände mit Graffitis.

Die Nacht ist ihr Terrain. Zwischen all den Partys, Bierdosen und Gelegenheitsjobs erschafft Jaime einen sensiblen, traurigschönen Realismus, der jeder Didaktik widersteht. Die Bilder vermitteln eine seltene Ehrlichkeit, die von Herzschmerz, Selbstzerstörung, Wut und Witz geprägt ist. Ein Schuss durch menschliche Wirklichkeiten. Vielleicht liegt gerade in diesem Versuch auch die Stärke des Genres – im Zusammenprall von der Offenheit des Bildes und dem codierten und abstrakten Wort.

Eingebettet in diese Balance sind die Lebensgeschichten der beiden Freundinnen und gelegentlichen Lover Maggie und Hopey. Diese Beziehung zieht sich über die Jahrzehnte, entfernt sich und nähert sich an und ist immer präsent. Der Fokus liegt auf den oft trivialen Wirklichkeiten der beiden Protagonistinnen. So leidet man mit Maggie der Mechanikerin wegen ihres ewig dicker werdenden Hinterns, ihrer miesen Jobs und verlorenen Affären. Man erfreut sich an Hopeys Schlagfertigkeit, "so zungenfertig wie Muhammed Ali und mit einer Stimme so süß wie die von Dolly Parton."

Jaimes Art der seriellen Umsetzung ist der Dynamik besten Fernsehens verpflichtet. Seine Heldinnen altern, entwickeln eine erstaunliche psychologische Tiefe, bekommen weiße Haare, heiraten, durchleben Katastrophen, trennen sich und bleiben sich doch stets treu. Jaime kommt ohne großes Drama aus. Wenn doch etwas passiert, so sind es die Myriaden sie umgebender, oft grotesker Figuren. Jaimes Kosmos ist polyfon und unerschöpflich, durchsetzt von Träumen und Reflexionen – und an der Schnittstelle zwischen Gegenwart und Vergangenem.

Vor Kurzem ist der 25. Band von "Love & Rockets" erschienen. Die Überraschungen werden rarer, und nur selten wird der lange ruhige Fluss des Alltags unterbrochen. Wie lange die großartigen Frauen um Luba, Maggie und Hopey die Comickultur allerdings noch bereichern werden, ist fraglich. Jaimes Kunst findet sich in der Zwischenzeit vermehrt in Magazinen wie dem New Yorker und auf Plattencovern, und sein Bruder will sich aufmachen in neue, andere Comicwelten.

Auf Deutsch sind einige der Werke von Gilbert und Jaime Hernandez bei Reprodukt erschienen.

© Die Zeit

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